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Das eigentliche Ende der Ära Stolpe

Mit Brandenburgs Regierungschef Platzeck geht einer der letzten DDR-Politiker

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.
Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck geht. Ihm sei in den 23 Jahren seiner politischen Tätigkeit keine dicke Haut gewachsen, bekannte er in der Stunde des Abschieds.

Am Ende hat Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) die Widersacher noch ein wenig an der Nase herumgeführt. Seine Rückmeldung aus dem Urlaub enthielt durchaus etwas Kraftvolles, das offensive Verkünden der ersten Termine im Arbeitsalltag etwas Angriffslustiges. Diejenigen, die so gern sein politisches Ende herbei geschrieben haben, zeigten sich gerade am Montag etwas unsicher. Von Rücktritt allenfalls in einigen Jahren war die Rede und »es geht ihm deutlich besser«, stand an diesem Tag in den Zeitungen.

Offenbar geht es Matthias Platzeck in einer Beziehung auch wirklich besser. Er wirkte wie befreit, als er erklärte, als Ministerpräsidenten und SPD-Landesvorsitzenden zurücktreten zu wollen. Es war, als sei eine Riesenlast von seinen Schultern genommen, die so breit nicht sind.

Am Tag, nachdem er das Krankenhaus verlassen hatte, einige Tage nach seinem Schlaganfall, da hatte der sonst vom Glück Verwöhnte öffentlich mit dem Schicksal gehadert. Der sportliche »Liebling aller Schwiegermütter«, der nicht raucht und sich gesund ernährt, warum strafte ihn das Schicksal nun so? Der Sohn eines Arztes hat mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Er habe in die Familiengeschichte geschaut und sei dadurch gewarnt, unterstrich Platzeck. Nun trat er zurück. Dabei schien ihm ein anderer Weg vorgezeichnet. Vor Jahren las er in Büchern und Zeitungen schon von seinem möglichen Aufstieg zum Bundeskanzler.

Wenn der Rücktritt unvermeidlich war, so kam er keine Minute zu früh. Dietmar Woidke, bislang noch Innenminister Brandenburgs, soll demnächst zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden. Er hätte dann noch ein Jahr Zeit bis zur nächsten Landtagswahl, um sich als Regierungschef bei den Wähler einzuprägen. Seit 1990 stellt die SPD in Brandenburg ununterbrochen den Ministerpräsidenten. Es waren zwei, die jeweils mehr als ein Jahrzehnt am Ruder waren: erst Manfred Stolpe und dann Matthias Platzeck. Stolpe gab den Posten zwei Jahre vor der nächsten Landtagswahl ab. Am Montagabend saß Stolpe unter den Geladenen, als Platzeck vor der Landtagsfraktion und dem Landesvorstand seinen Entschluss bekannt gab und erläuterte.

Das Bild Platzecks wandelte sich in den vergangenen elf Jahren. Seine Strahlkraft verringerte sich, vor allem das Flughafendesaster nagte an seinem guten Ruf und an ihm selbst, wenngleich er immer noch weitaus beliebter bei den Brandenburgern blieb als andere. Sicher täte man Platzeck Unrecht, wollte man ihn auf die »Politik der schönen Stunden« reduzieren, aber Gegenwind hat er immer schwerer genommen als andere. Ihm sei in den 23 Jahren seiner politischen Tätigkeit beim besten Willen keine dicke Haut gewachsen, bekannte er in der Stunde des Abschieds. Sein Arbeitspensum - das unterschied ihn von seinem Vorgänger Stolpe - reduzierte er in den vergangenen Jahren bedeutend. Er gehört einer Generation an, der die Pflichterfüllung viel bedeutet, aber nicht alles. Die Zeit, in der Brandenburg permanent bundesweit Aufmerksamkeit erregte, scheint nun vorüber, abgesehen natürlich vom Alleinstellungsmerkmal einer rot-roten Koalition. Vor allem mit seinem politischen Spitzenpersonal war das Bundesland zweieinhalb Jahrzehnte in den Schlagzeilen: Manfred Stolpe, Lothar Bisky, Peter-Michael Diestel, Regine Hildebrandt, Jörg Schönbohm. Platzeck gehörte natürlich in diese Reihe.

Der jugendlich und dynamisch wirkende Mann hatte sich als »Deichgraf« bei der Oderflut 1997 einen Namen gemacht, den man in der Bundesrepublik kannte. Und er hatte auch ein Gastspiel als SPD-Bundesvorsitzender gegeben. Nun aber wird Brandenburg vermutlich genauso wenig Aufmerksamkeit bekommen wie Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen-Anhalt.

Eine Ära geht zu Ende. Platzzeck, der nun die Bühne verlässt, obwohl er in einem Alter ist, in dem andere erst Ministerpräsident werden, war einer der letzten aktiven Politiker mit DDR-Zusammenhang. Schließlich gehörte er zu den Ministern ohne Geschäftsbereich unter dem letzten SED-Ministerpräsidenten Hans Modrow. Als Umweltminister in Brandenburg unter Manfred Stolpe war Platzeck dessen Kronprinz und die Ära Stolpe geht eigentlich nun erst mit Platzecks Rücktritt so richtig zu Ende. Geerbt hatte Matthias Platzeck 2002 von Stolpe den Koalitionspartner CDU, einen Partner, für den er sich selbst eingesetzt hatte, während Sozialministerin Regine Hildebrandt (SPD) lieber mit der PDS regieren wollte. Hildebrandt zog sich zurück, als eine andere Entscheidung getroffen wurde.

2009 überraschte Platzeck viele Weggefährten. Er gab der CDU einen Korb und holte die LINKE ins Regierungsboot. Dies hat ihn viele alte Freunde gekostet, in bestimmten Kreisen wurde er dadurch zum Verfemten.

In das wiederaufgebaute Potsdamer Stadtschloss, das neues Domizil des Landtags wird, zieht Platzeck im kommenden Jahr nun nicht als Regierungschef ein, sondern nur als einfacher Abgeordneter.

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