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Der nackte Mann ohne Feigenblatt

Nicht nur für Nudisten: ein Buch des Museums Leopold in Wien

  • Von Gert Claußnitzer
  • Lesedauer: 3 Min.

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In einer Zeit, da immer mehr das Transhumane Gegenstand der Kunst zu werden droht, also außerkreatürliche Räume sich erschließen, kommt einer Publikation zum Bild des Menschen besondere Bedeutung zu. In einer faszinierenden Ausstellung hatte man sich im Wiener Leopold Museum Darstellungen des nackten Mannes zugewendet, von 1800 bis in die Gegenwart. Tobias G. Natter und Elisabeth Leopold als Herausgeber haben dazu ein Buch veröffentlicht, das tiefgreifender über die Ästhetik des Nackten informiert. Es kann gleichsam als ein Standardwerk zum Thema des entblößten Mannes in der bildenden Kunst gelten. Dem weiblichen nackten Körper in der Kunstgeschichte sind ja wiederholt wissenschaftliche Darlegungen gewidmet worden, der männliche Körper blieb in der Tat immer etwas unterbelichtet. Zum ersten Mal widmet sich eine Publikation nunmehr in aller Breite dem Thema und bietet einen vergleichenden Überblick, wobei man drei große Schwerpunkte setzt: der Klassizismus um 1800, die Klassische Moderne am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, die Entwicklung nach 1945.

Am spannendsten ist das Buch da, wo über ein spezielles Sammelgebiet des Leopold Museums referiert wird, nämlich über die Maler Egon Schiele und Richard Gerstl. Schiele ist gleichsam ein wichtiger Eckpfeiler in diesem Buch. Er war ja angetreten gegen den Schönheitskult der Sezession, und er erschloss die gnadenlose Zurschaustellung des Körperlichen und damit neue Bereiche der Intimität. Und eigentlich erst durch ihn kam es zur Ästhetisierung des Sexuellen im pathologischen Sinn: die Fixierung auf den Körper als Medium einer unmittelbar psychischen Befindlichkeit. Und das setzt sich dann fort bei einem anderen großen Wiener, nämlich bei Richard Gerstl. Ihm widmet der Band einen speziellen Aufsatz (von Diethard Leopold), der das »Phantasma des Künstler-Ich« am Beispiel Gerstl beleuchtet. Der vergeistigte Körper des Künstlers und der gleichsam hypnotische Blick auf sich selbst in völliger Reinheit, ohne jeglichen Schutz einer Bekleidung!

Wie vielseitig das Thema im Übrigen noch zu betrachten wäre, zeigen Aufsätze wie der von Jonathan Weinberg (»Entkleidet, aber nicht entblößt. Der männliche Akt in der amerikanischen Kunst«) und von Elke Frietsch (»Nackte Männlichkeit als Repräsentation des Staates. Aktdarstellungen in der Zeit des Nationalsozialismus«), bis hin zu der Erörterung von Katharina Pewny (»Männerkörper als umkämpftes Terrain. Darstellungen von De- und Remaskulinisierung in der performativen Gegenwartskunst«).

Der profunde Abbildungsteil hält manche Überraschung bereit. Abgesehen von den »klassischen Höhepunkten« mit Schiele, Gerstl und Kolig aus der Wiener Moderne, auch Giovanni Giacometti, einem selten gesehenen Badebild von Max Liebermann und Badenden Knaben von Ludwig von Hofmann. »Das Ich zwischen Norm und Aufbegehren« nennt sich ein abschließendes Kapitel, in dem alle Register gezogen werden. Das Thema Körperlichkeit befreit in ungebremster Hemmungslosigkeit von jeglicher Rücksichtnahme.

»nackte männer von 1800 bis heute«, hrsg. von Tobias Natter und Elisabeth Leopold, Hirmer Verlag München. 348 Seiten, 196 Tafelnund 95 Abbildungen in Farbe, 17 Tafeln und 35 Abbildungen in Schwarz-Weiß, gebunden, 39,90 Euro.

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