Werbung

Blick fürs Detail

Trisha Brown und Steve Paxton eröffneten »Tanz im August«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Rückbesinnlich begann der diesjährige »Tanz im August«. Zum 25. Geburtstag startete der zweiwöchige Parcours mit einer Hommage an Choreografen, die die Postmoderne geprägt haben. Das Œuvre der Trisha Brown pflegt ihre eigene Company, die sie in den 1970ern gründete. Da hatte sich Brown schon einen Namen gemacht als Protagonistin eines neuen Tanzstils, der jeden erzählenden Inhalt ablehnte: Bewegung als pure Form in streng komponierten, auch witzigen Raumrastern verschiedener Kürze. Zudem eroberte Brown dem Tanz fremde Aufführungsorte, etwa Galerien und das urbane Umfeld, die ihre Performances zu bewegten Skulpturen machten. Tänzer agierten auf Hausdächern, spazierten an Seilen Fassaden hinab, tanzten auf einem Floß inmitten eines Sees, kopfunter an der Zimmerdecke.

Am Anfang stand ein Solo 1961 in der New Yorker Judson Church, die sich dem Experiment geöffnet hatte. Daraus entwickelte sich mit Gleichgesinnter das Judson Church Dance Theater als Keimzelle des postmodernen Tanzes, wie er sich radikal von der Moderne einer Martha Graham mit ihrer emotionalen Erzählweise absetzte. Gelenkte Improvisation wurde für Jahre Browns Forschungsgegenstand. Was sie dabei zwischen 1970 und 1976 kreierte, bot »Early Works« im neutral weißen, säulengegliederten Aktionsraum des Hamburger Bahnhofs mit neun Tänzern in Miniaturen als spannenden und amüsanten Überblick.

Unisex weiß gekleidet sind auch die Akteure. Sie legen sich in Reihe, ihre langen Holzstäbe bilden eine verbundene Linie, die sie trotz synchroner Bewegungen um diese Achse herum zu halten versuchen. Im Stand entspräche das einem Mehr-Mann-Hoch aus der Artistik. Mit Kommandos verständigen sie sich, dennoch reißt bisweilen die Stäbeverbindung: Scheitern einbegriffen. Oder zwei Männer lassen ihre Holzschrägen vom Kopf aus auf dem Boden zusammenstoßen, vollführen die gleichen Beugeexerzitien - mit der Front, danach mit dem Rücken zueinander.

Solch winzige Variationen sind es, mit denen uns Trisha Brown den Blick für kleine Gesten und mechanische Rituale schärft und dennoch den menschlichen Faktor nicht außer Acht lässt. Zwei Frauen ertasten ohne Sichtkontakt und wieder in der Stille je eine Raumecke, mit Kopf, Hand, Knie, Fuß, Blick. Wenn acht Tänzer in Reihe stehen, zum Ticken eines Mälzel-Metronoms langsam ihre Arme über dem Kopf pendeln, funktionieren sie als kinematisches Gliedergetriebe. Wenn vier Frauen auf dem Boden liegen, die gleiche Arm-Bein-Bewegung ausführen, einzeln von den Männern umgruppiert werden, in andere Lage oder den Stand, stets unter Beibehaltung der Grundbewegung, führt Brown vor, wie aus der Gleichheit durch Veränderung der Position im Raum eine Choreografie mit multiplem Bewegungsklang entsteht.

Zweimal wird sie dem Prinzip der Stille untreu. Zu einem Song von Bob Dylan lässt sie zwei getrennt platzierte Frauen ihr typisches Vokabular zelebrieren: Der Daumen dreht, dann das Becken, Bein und Fuß setzen ein; schließlich addieren sich die Elemente auf den spanischen Rhythmus zu einem minimalistischen, trotzdem tänzerischen Gebilde. Zu einem Song von Greatful Dead »sammelt« eine Frau im langsamen Vorwärts ihre drei Kolleginnen ein, bis der körperdichte Pulk an der Wand stoppen muss.

Steve Paxton hat einst bei Trisha Brown getanzt, entwickelt dann die Kontaktimprovisation. Für Berlin studierten er, mit Jahrgang 1939 nur drei Jahre jünger als seine Mentorin, und der exzellente Slowene Jurij Konjar das Solo »Bound« von 1982 neu ein. Auch Paxton lässt mit Holzbrettern agieren wie auch mit weiteren Requisiten, die scheinbar planlos umgruppiert werden. Aktion und Bewegungssequenz, wie sie zufällig dem schlenkernden Körper entströmen könnte, wechseln einander ab. Zu einem italienischen Volkslied in blecherner Altaufnahme gelingt eine tänzerische Perle an komplett ungewöhnlicher Schleuderbewegung bei ganz eigener Musikalität. Insgesamt ist »Bound« vielleicht weniger stringent als Browns Werk, sehenswert jedoch allemal.

Bis 31.8., Tanz im August, Kartentelefon: (030) 25 90 04 27 und 283 52 66, www.tanzimaugust.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen