Liebe und Apfelkuchen

Die US-amerikanische Tanzkapelle B 52’s gab im Berliner »Huxley’s eines ihrer wunderbaren Konzerte für 40- bis 50jährige Pubertierende

Herbert Grönemeyer kann nicht tanzen. Bei den B 52’s verhält sich das anders. Die verbliebene Kernbelegschaft der Band - Kate Pierson (65), Cindy Wilson (56), Fred Schneider (62) - ist, wenn sie sich auf eine Bühne begibt, überwiegend mit Tanzen und lebhaftem Faxenmachen beschäftigt, wie man vorgestern im Berliner «Huxley’s» beobachten konnte. Dort gaben die drei aufgekratzt wirkenden Gründungsmitglieder der Gruppe - verstärkt durch eine Handvoll jüngere Musiker, die nahezu sämtliche Instrumente bedienen - vor einem auf Halligalli getrimmten Publikum ein buntes Potpourri aus 36 Jahren Bandgeschichte zum Besten.

Das Schöne ist: Wenn man alle paar Jahre ein Konzert der B 52’s aufsucht, kann man zwar gut den Alterungsprozess des Gesangstrios verfolgen, ihn aber nur mit Mühe feststellen. Gut, Schneider wirkte heuer eine Spur hamsterbackiger als beim letzten Mal, dafür wirkte Wilson umso aufgeweckter und mit ihrem fröhlichen Gehüpfe nahezu teenagerhaft.

Die markanten 60er-Jahre-Bienenkorbfrisuren der beiden Sängerinnen sind zwar schon lange verschwunden, doch sonst scheint alles wie eh und je: der grelle bzw. bewusst affektierte Frage/Antwort-Gesang, der farbenfrohe Glam, die Unbekümmertheit, das knallrote Minikleid, das sich wurstpellenartig um Pierson schmiegte. Die B 52’s waren stilbildend. Ende der 70er Jahre waren sie eine der ersten Bands, die mit dem schwer dominanten Männer-Rockismus aufgeräumt haben: Plötzlich waren es keine fäusteballenden Angeber mehr, die hier breitbeinig auf der Bühne standen und sich über die Maßen ernst nahmen, sondern in bonbonbunte Blusen und Jacketts aus der Altkleidersammlung verpackte, zum Leben erweckte Comicfiguren, die mit ihrem quietschenden, scheppernden Drei-Akkorde-Gitarrenpop den New Wave miterfanden. Man pflegte ein ironisches Verhältnis zu sich selbst und zur eigenen schrulligen Musik, was zu jener Zeit nicht viele taten. Für die Popmusik jenseits des seinerzeit grassierenden Schweinerock und Knüppelpunk waren die B 52’s das, was die Onomatopoetika für den Comic sind: Erzeuger modernen Geräuschs, Spaßverstärker.

Heute wird die Tanzkapelle, der wir die Modernisierung eines zur Konvention erstarrten Macker-Rock ’n’ Rolls zu verdanken haben und die den Pop-Mainstream mit der Kultur des Camp infizierte, von den Konzertveranstaltern als «die weltbeste Partyband» beworben. Auf eine Art mag das stimmen. Es ist nahezu unmöglich, schlecht gelaunt ein Konzert der B 52’s zu verlassen, denen es auch vorgestern gelang, ihre aus Vierzig- bis Fünfzigjährigen bestehende Zuhörerschaft ruckzuck in eine Schar Pubertierender zu verwandeln, die bereitwillig jeden Nonsenstext mitkreischen. «Here comes a Bikini Whale! Aaaaah!»

Andererseits hat die musikhistorisch falsche Reduktion der Band, die man eigentlich im New Yorker Museum of Modern Art ausstellen müsste, auf die Rolle der unbedarften Partykracher, Tanzbodenfüller und Feuerwerker der guten Laune zur Folge, dass ihre Konzerte von jenen notorischen Juhu-Brüllern und Dauermitklatschern heimgesucht werden, die es auch fertigbringen, aus einem Gottesdienst einen Rosenmontagsumzug machen. Was soll’s. Fred Schneider, der in seinen Bühnenansagen auch gerne mal ein paar Brocken Deutsch unterbringt, hatte an diesem Abend noch etwas Wichtiges mitzuteilen: «Die Zukunft ist sehr groovy. Da gibt es Liebe und Apfelkuchen.» Das ist doch beruhigend.

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