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Böhmisches Dorf

Die alte Webersiedlung galt in der Weimarer Republik als das Rote Nowawes

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.
Wieso heißt die Jungfernheide Jungfernheide? Fanden im Springpfuhl früher Weitsprungwettbewerbe statt? Erschienen den Erbauern des Engelbeckens göttliche Lichtgestalten? - Die Serie »Ortsgeheimnis« erkundet verschiedenste Orte in Brandenburg und Berlin. Der folgende Teil spielt in Nowawes.

Dicht an reihen sich die alten Dorfhäuser rund um die Friedrichskirche am Weberplatz aneinander. Der spitz zulaufende Kirchturm aus schwarzem Schiefer zieht die Sonnenstrahlen förmlich an. In dieser sommerlichen Beleuchtung wirkt er geradezu tiefblau. Biegt man von der vielbefahrenen Rudolf-Breitscheid-Straße am S-Bahnhof Babelsberg in Richtung des Weberplatzes ein, hat man das Gefühl, architektonisch in einer anderen Welt zu sein. Dort die gut 20 Meter hohen Mietskasernen aus der Gründerzeit, hier die eingeschossigen Weberhäuser aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Man befindet sich im alten Nowawes. Dem historischen Kern des heutigen Potsdamer Stadtteils Babelsberg.

Die das Viertel durchziehenden Straßennamen geben bereits einen ersten Hinweis auf die Geschichte des Ortes. So schlendert man beispielsweise durch die Tuchmacher- und die Spindelstraße. Im Jahr 1751 gab der preußische König Friedrich II. den Befehl zur Gründung von Nowawes neben dem alten Neuendorf - als Kolonie für Weber und Spinner aus Böhmen. Diese waren meist Protestanten und wurden in ihrer katholischen Heimat, dem heutigen Tschechien, verfolgt. Obwohl Friedrich II. noch im selben Jahr den Niederländer Jan Bouman mit dem Bau der Friedrichskirche betraute, war die garantierte freie Religionsausübung nur ein Nebenaspekt. Für den Monarchen standen bei der Ansiedlung wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund.

Die neue Siedlung wuchs rasch zu einer stattlichen Gemeinde heran. Die zahlreichen Handwerker erhöhten die Tuchproduktion um ein Vielfaches. Die zuvor hohen Importkosten entfielen gänzlich.

Um den Ursprung des Ortsnamens ranken sich einige volkstümliche Legenden. So soll Friedrich II. bei einem Besuch in der Gemeinde einen Bauarbeiter nach dem Namen der neuen Siedlung gefragt haben. Dieser soll nur die Schultern gezuckt und geantwortet haben: »No wer weeß.« Naheliegend ist die Herkunft des Namens aus dem Böhmischen. Die Wörter »Nova Ves« bedeuten übersetzt »neues Dorf«. Die Ortsbezeichnung »Babelsberg« ist hingegen ein Kunstname ohne historische Wurzeln. 1938 benannten die Faschisten Nowawes in Babelsberg um. Ein Jahr später wurde das Dorf nach Potsdam eingemeindet. Den Nazis war der slawische Ortsname ein Dorn im Auge. Auch sollte die in der lokalen Bevölkerung verankerte Erinnerung an das »Rote Nowawes« vernichtet werden, war der Ort doch seit seiner Gründung hauptsächlich von Handwerkern und später Industriearbeitern bewohnt. In der Zeit der Weimarer Republik war Nowawes zudem eine Hochburg von SPD und KPD.

Die böhmische Tradition des alten Nowawes wird in Babelsberg auch heute noch weiter gepflegt. Alte Weberhäuser stehen unter Denkmalschutz. Jedes Jahr im Juni richtet die Gemeinde das traditionelle böhmische Weberfest aus. Wenn sich auf dem Weberplatz Gaukler und fliegende Händler tummeln, wird das Nowawes der Weber und Spinner für ein Wochenende wieder lebendig.

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