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Es ist und bleibt ein Elitesport

Ex-Bundestrainer Dieter Altenburg über Rudern, die WM und Nadja Drygalla

Bei der Ruder-WM in Südkorea zogen der Zweier ohne Steuermann, der leichte Doppelzweier und der Vierer ohne Steuermann ins Halbfinale ein. Ganz eng ging es im Vierer zu. Das deutsche Boot erreichte den dringend benötigten dritten Platz erst nach einem guten Schlussspurt. Der Deutschlandachter erreichte am Montag hingegen souverän das Finale. Beim Ruderverband des Landes Berlin hat man einen nicht geringen Anteil am Erfolg der Athleten.

nd: Der Deutschlandachter ist gerade auf dem Weg zum vierten WM-Titel in Folge. Regelmäßig bringen deutsche Ruderer Olympiasiege und Europameisterschaftstitel nach Hause, trotzdem hält sich die Aufmerksamkeit und Begeisterung für den Sport in Grenzen. Woran liegt das?
Altenburg: Den Ball kann ich gleich zurückgeben. Wenn es nicht gerade um Olympische Spiele geht, hält sich die Berichterstattung über das Rudern doch sehr in Grenzen. Wir teilen das Schicksal anderer Kernsportarten, die zwar konstant gute Leistungen bringen, Medaillen gewinnen und ein gutes Image haben, aber trotzdem nicht wahrgenommen werden.

Sportarten wie Fußball, Basketball oder Volleyball haben wenig Nachwuchsprobleme, viele Vereine sind diesbezüglich gut aufgestellt. Wie sieht es bei der Jugendförderung im Rudersport bei dieser harten Konkurrenz aus?
Zwischen den einzelnen Sportarten liegen große finanzielle Unterschiede. Die Mittel, die der Nachwuchsförderung im Fußball zur Verfügung stehen, sind mit unserem Budget nicht zu vergleichen. Rudern ist, was das Geld angeht, ein sehr aufwendiger Sport. Die Mehrzahl der Kosten beispielsweise für Trainingslager und Boote tragen die Vereine und deren Mitglieder.

Was kostet so ein Achter-Wettkampfboot denn?
Da kommt man schnell auf einen Mittelklassewagen um die 40 000 Euro. Der Einer liegt bei 8000 bis 9000 Euro, je nach Werft. Dazu kommen noch die Skulls (Ruder) und die Riemen. Als Berliner Ruderverband werden wir zwar aufgrund unserer Leistung vom Landessportbund unterstützt, aber trotzdem müssen wir unsere Leistungsruderer mit einer Drittelfinanzierung zur Kasse bitten.

Das heißt, so eine Wettkampfsaison geht ins Geld. Vom Rudern kann also niemand leben.
Nein, auf keinen Fall. Einen U23-Sportler kostet eine Saison zwischen 5000 und 6000 Euro, wovon man eben ein Drittel selbst tragen muss. Viele unserer Sportler studieren noch. In letzter Zeit haben wir sehr große Probleme junge Spitzensportler in den Vereinen zu halten. Gerade die, die Medizin studieren wollen, gehen mit einem Sportstipendium ins Ausland, studieren in Yale oder anderswo und stehen uns nicht mehr zur Verfügung. Für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro haben wir so schon zwei potenzielle Kader gen USA ziehen lassen müssen. Bei anderen Studiengängen ist das nicht so problematisch. Es gibt zwar die Möglichkeit, über die Bundeswehrsportfördergruppe unterstützt zu werden, aber das betrifft eben auch nicht alle. Vielfach müssen die Eltern investieren. Rudern bleibt nach wie vor eine elitäre Sportart.

Sechs Männer und drei Frauen aus Berliner Vereinen gehören zum Aufgebot für die WM. Die Nachwuchsarbeit in Ihrem Landesverband ist ziemlich erfolgreich.
Bei den letzten Olympischen Spielen hat unser Landesverband acht Sportler gestellt, nun sind wieder neun Leute dabei. Im Nachwuchsbereich haben wir eigentlich keine Probleme, auch, was das ganz junge Alter angeht. Probleme gibt es aber, sobald es über die zweite Wettkampfebene, also kleinere Regatten oder das Wanderrudern, hinausgeht. Sehr wenige wollen sich der Doppelbelastung stellen und im Leistungssport bleiben. Ab hier bedeutet Rudern einen extrem hohen zeitlichen Aufwand und einen gut organisierten Lebensweg.

Sie haben vom guten Image des Sports gesprochen. Kürzlich tauchte im Zusammenhang mit dem Abschlussbericht »Doping in Deutschland« die berüchtigte Kolbe-Spritze wieder auf. Welche Rolle spielt das Thema Doping im Rudern?
Rudern gehört zu den Sportarten, bei der die Dopingbelastung am geringsten ist. Ab 1990 sind mir keine derartigen Skandale, wie sie der Radsport hat, bekannt.

Wie sehr hat dem Rudersport eigentlich der Fall Nadja Drygalla und ihre Verbindung zu einem NPD-Aktivisten geschadet?
Ich kenne Frau Drygalla persönlich, sie war unter meiner Verantwortung bei den Junorinnen erfolgreich und eine sehr engagierte Sportlerin.

Das Image des Sports hat nicht gelitten?
Nein. Mit rechtem Gedankengut haben wir, soweit ich das beurteilen kann, nichts zu tun. Im Falle von Herrn Fischer hat sein Verein reagiert und ihn gebeten, den Klub zu verlassen. Wie glaubwürdig seine Distanzierung von der NPD war, möchte ich nicht beurteilen. Nadja Drygalla hat sich in Gesprächen mit dem Ruderverband klar gegen die ihr unterstellte Ideologie positioniert.

Dr. Dieter Altenburg war bis zum Oktober 2007 Bundestrainer im Deutschen Ruderverband. Seit 2012 ist er stellvertretender Vorsitzender des Landesruderverbands (LRV) Berlin, der gleichzeitig auch Bundesstützpunkt ist.

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