Werbung

Ein Weiß, das schwarz wird

Das Kino Arsenal zeigt ab morgen eine Retrospektive der Filme des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki-duk

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mit seinem Trainingsanzug und seinen grauen Strähnen in den Haaren wirkt der 50-Jährige, der sich da die Fischreste von der Gräte schabt, etwas mitgenommen. Er lebt in einer kleinen Holzhütte auf einem Berg. Dort, in der Kälte, führt er ein selbstgewähltes Eremitendasein. Er stapft missmutig hin und her, schaufelt Schnee, den er von draußen hereingeholt hat, in seinen Kochtopf, absolviert seine stumpfe Alltagsroutine. Der Mensch, auf sich selbst reduziert: den Ofen heizen, Mahlzeiten zubereiten, essen, schlafen.

Der sonderbare Eremit heißt Kim Ki-duk. Er hat als filmender Autodidakt begonnen und ist heute ein international hochgeachteter und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter südkoreanischer Filmregisseur. 19 Filme hat er bisher gedreht. Vor fünf Jahren widmete ihm das New Yorker Museum of Modern Art eine Retrospektive.

Hier sehen wir ihm nun bei seiner Schaffenskrise zu, die im Leben eines Workaholics auch eine Sinn- und Lebenskrise ist. Er könne keine Filme mehr drehen, erklärt er. Er sagt das in einer Szene seines Dokumentarfilms »Arirang« (2011), den er über sich und seine temporäre Unfähigkeit, Filme zu machen, gedreht hat, um sich zu beweisen, dass er noch immer ein Filmemacher ist. Gelebte Dialektik oder eitle Selbstbespiegelung eines Künstlers auf dem Höhepunkt seiner Midlife-Crisis? Man sieht den zuweilen vor der Kamera betrunken Agierenden klagen und jammern, über sich selbst, über die anderen, über das Leben, das, wie er sagt, im Wesentlichen aus Hass, Eifersucht, Abscheu, Streit, Schmerz, Leid, Vergebung und Verständnis besteht.

»Wieso heult der Depp jetzt? Hör auf zu heulen, du Depp!«, brüllt er sich in einem Interview an, das er mit sich selbst geführt hat. Es ist, als habe sich da ein Depressiver in Dr. Jekyll und Mr. Hyde aufgespalten, eine Therapiesitzung mit sich selbst veranstaltet und sich dabei gefilmt.

Klar ist: Der Mann, der obendrein auch noch Christ ist, quält sich. Von seinem Vater, einem Veteran des Koreakriegs, wurde er als Kind regelmäßig verprügelt. Das Leben ist ihm zufolge eine einzige Quälerei, deren Grunderfahrung die Einsamkeit ist.

Die Menschheit, die sich in einem ständigen Kampf mit sich selbst befindet, ist im Grunde sadomasochistisch veranlagt. Und am Ende wartet der Tod, der keineswegs »das Tor zu einer jenseitigen Welt« sei, wie er früher angenommen habe, sagt der Regisseur. Vielmehr sei der Tod »ein Licht, das verlöscht. Eine Tür, die sich schließt. Ein Weiß, das schwarz wird«.

Viele von Kim Ki-duks Filmen, von Ausbrüchen der Gewalt durchsetzte, pessimistische Erkundungen zwischenmenschlicher Beziehungen, spiegeln diese Weltsicht wider. Die Protagonisten, meist Kommunikationsverweigerer oder verstockte Menschen, denen ihre Sprache abhanden gekommen ist, sind geschundene gesellschaftliche Außenseiter, die an einer für sie unverständlichen Welt scheitern: Obdachlose, Outlaws, Prostituierte, Selbstmörder, Drogensüchtige, psychisch Kranke, Vereinsamte, Einsiedler, Ausgestoßene. Doch auch sie selbst sind Unverstandene, die die Kleinbürgerwelt und Leistungsgesellschaft hinter sich gelassen haben, nicht mehr bereitwillig funktionieren wollen und doch ein beschädigtes Leben führen. Wie Verlorengegangene, die ein nicht ausgesprochenes oder auszusprechendes Unglück mit sich herumtragen, schauen sie drein.

»Aus dem Begehren entsteht Abhängigkeit, und daraus entstehen Mordtaten«, warnt der lebenskluge alte Mönch seinen Zögling in dem Film »Frühling, Sommer, Herbst, Winter … und Frühling« (2003), der uns belehrt über die Zeit, die vergeht, Jahreszeit um Jahreszeit, über den Menschen, der dazu verdammt ist, sein Leid zu erdulden, und über den Schmerz, der ihn sein Leben lang begleitet. Entkommen kann der Mensch dem Leben nicht, außer durch den Tod, der allgegenwärtig ist und jederzeit jeden durch Zufall ereilen kann: durch einen heransausenden Golfball, der einem in den Schädel dringt, beispielsweise.

Es wird wenig geredet in Kim Ki-duks stilisierten Filmen, denen anzusehen ist, dass hier noch die große Kunst des Kinos beherrscht wird: die Details ausschließlich mit Bildern zu erzählen. Mit stummen Großaufnahmen von Gesichtern, Blicken, Gesten, Gegenständen, verletzten, blutbesudelten Körperteilen. Der Regisseur »übersetzt das Leid seiner Figuren bildlich immer auch in ein Martyrium des Körpers«, schrieb der »Tagesspiegel«.

So wie in dem kammerspielartigen »Seom-Die Insel« (2000), einem Film, in dem das bewusste Einführen spitzer Angelhaken in Körperöffnungen sowie ihre Wiederentfernung aus ihnen eine nicht unwesentliche Rolle spielen. In dem Film, der Kim Ki-duk zum Durchbruch verhalf, einer Parabel über den Kapitalismus, sehen wir betörend schöne Bilder einer kargen Flusslandschaft, die vom Verfall gekennzeichnet ist und in der sich nach und nach ein stummes Drama zwischen zwei Glücklosen entfaltet, einem Mann und einer Frau: Der Einsamkeit folgt die Suche nach Nähe, der scheiternden Kommunikation folgt die Eifersucht, der sexuellen Obsession folgt das Abhängigkeitsverhältnis, den Machtspielen folgt die nackte Gewalt. Kim Ki-duk spricht von der »Magie der Zuneigung, die allein in der Gewalt ihr adäquates Ausdrucksmittel findet«. Der Filmwissenschaftler Sulgi Lie schreibt: »Kim Ki-duks Filme zeigen, wie kapitalistische Tauschverhältnisse auf patriarchalen Gewaltverhältnissen gründen: deshalb mutet auch jeder Sexualakt wie eine Vergewaltigung an.«

In »Pieta« (2012) kann man Zeuge des folgenden Dialogs werden: »Was ist Geld?« - »Anfang und Ende von allem.«

Manchmal, wie in dem gleichsam schwerelos anmutenden Film »Bin-Jip« (»Leere Häuser«, 2004), in dem die Geschichte zweier Liebender erzählt wird, zweier Ausgestoßener, die sich finden, weil sie den Zwängen des bürgerlichen Alltagslebens zu entkommen suchen, gibt es auch Bilder der Zärtlichkeit. Ein Streuner, der sich in die leerstehenden Wohnungen von Urlaubern und Ausflüglern schleicht und dort oft unbemerkt für einige Zeit lebt, trifft in einer der verlassen geglaubten Wohnungen unerwartet auf eine von ihrem Ehemann misshandelte und unterdrückte Frau, die sich ihm anschließt.

Beide ziehen es vor, ihrem Leben zu entfliehen, indem sie sich ins Leben anderer Menschen träumen: In den Wohnungen, in denen sie unentdeckt campieren, verrichten sie Haushaltstätigkeiten, waschen die Wäsche, gießen die Blumen der abwesenden Wohnungsinhaber und hinterlassen die kurzzeitig in Beschlag genommene Wohnung in untadeligem Zustand. Eine Zeit lang gelingt ihnen das solcherart geborgte Leben außerhalb gesellschaftlicher Zwänge. Doch am Ende macht Polizeigewalt das Experiment einer freischweifenden Lebensführung, an der sich das Liebespaar versucht, zunichte.

Retrospektive Kim Ki-duk: Kino Arsenal, 1. bis 29. September. Mehr unter www.arsenal-berlin.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!