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Recherche zum »Roten Tänzer«

»Jean Weidt - Physical Encounters« in den Uferstudios

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Tanzfabrik in Kreuzberg ist seit 1978 eine maßgebliche Institution für zeitgenössischen Tanz. Im Rahmen des Festivals »Tanz im August« gab sie an vier Tagen in den Uferstudios in Wedding Einblicke in ihre Arbeit. Dieses »Ausufern« fokussierte die Tanzfabrik als einen kreativen Ort für Proben, Weiterbildung, Forschung und künstlerische Produktion.

Britta Wirthmüller (1981 in Kassel geboren, Absolventin der Palucca Hochschule Dresden, Lehrbeauftragte am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin) hat sich in ihrer intensiven Recherche mit dem Schaffen des deutschen Tänzerchoreografen Jean Weidt auseinandergesetzt, von dessen gesellschaftskritischen Choreografien es kaum dokumentiertes Material gibt. Fotos, Erzählungen, Gespräche mit Zeitzeugen, Weidts in der DDR erschienener Lebensbericht konturieren für die Choreografin ein fragmentarisches Bild »unterschiedlicher und oft widersprüchlicher Sichten«.

Jean Weidt (1904/Hamburg bis 1988/Rangsdorf) wirkte mit seiner Kompanie »Die Roten Tänzer« ab 1929 in Berlin, trat 1931 in die KPD ein, emigrierte 1933 nach Paris. Mit seiner Gruppe »Ballets Weidt« (UA »Unter den Brücken von Paris«), seiner Compagnie »Les Ballets 38« sowie 1946 als Leiter des Pariser »Ballets des Arts« (UA »Die Zelle«, Goldmedaille für Choreografie, Kopenhagen) gilt Jean Weidt bis heute in Frankreich als ein Wegbereiter des modernen Tanzes. 1948 kehrte er nach Berlin zurück, arbeitete als Choreograf in Schwerin und Karl-Marx-Stadt, wirkte an der Volksbühne (später Initiator der »Stunde des Tanzes«), wurde 1966 (parallel zu Tom Schilling) von Walter Felsenstein an die Komische Oper engagiert, gründete dort mit Laien die »Gruppe Junge Tänzer«, die er bis zu seinem Tod leitete.

Die Tanzperformance »Jean Weidt - Physical Encounters« von und mit Britta Wirthmüller, Maria Walser und Angelika Thiele konzentriert sich ganz auf Bewegungsmotive, folgt den inhaltlichen Spuren der Pariser Schaffensjahre. Vier Mal geben die Stimmen der Tänzerinnen aus dem Off Bildbeschreibungen zu Weidt-Tänzen, deren Titel »Der Arbeiter«, »Tanz mit der roten Fahne«, »Tanz der Gefangenen«, »Sie kommen nicht durch«, »Mein sind die Maschinen« das Lachen der Performerinnen evozieren. Nach einem Trompetensignal blicken die Zuschauer auf drei Rückenakte im sanften Licht (»Nackter Mann am Grab eines Freundes«) - berührender Auftakt.

Angeregt durch die Beschreibung eines Aufführungsfotos aus dem Off zelebrieren die Tänzerinnen - ebenso jung, mit nackten Armen, barfuß in kurzen Hosen und Tops - detailgenaue Ausdrucksstudien zu verschiedenen Affekten, die sich sofort dem Betrachter mitteilen. Mit den Augen vermessen sie den Raum, ehe jede einen Schritt tut. Rhythmisches Stampfen, diagonales Zurückweichen und Vorwärtsschreiten, mit offenen Händen, mit geballten Fäusten, Drehen im Kreis und eruptive Sprünge; kühn, groß, kraftvoll, selbstbewusst. Ein Energiefluss voller Intensität, der abschließend mit wenigen Kostümteilen, den Weidtschen Rollen-Kosmos seines Tanztheaters aufblitzen lässt.

»Physical Encounters« konturiert detailreich eine fiktive Weidt-Choreografie, deren Bewegungsmaterial, skulpturale Kraft und Erotik erstaunen und Vergessenes aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sinnlich erfahrbar in die Gegenwart zurückkatapultiert.

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