Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Kompetenzsimulantin und die inkompetenten Zwerge

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Es sind Typen wie Bouffier und Seehofer, die Merkels blasse Erscheindung aufpolieren. Sie werten die ansonsten so unvernünftige Haltung der Kanzlerin ungemein auf. Neben diesen Granden der Union kann man nicht anders als brillieren.

Je näher der Wahltermin rückt, desto öfter fragt man sich: Warum ausgerechnet diese Frau? Was hat sie und was kann sie? Die Antworten sind mannigfaltig, reichen von »raffinierter Strategin« bis hin zur Mütterlichkeit, die den Wähler anspreche. Viele Einsichten sind klug gedacht, wahrscheinlich dennoch nur Mosaiksteine. Substanzieller mag da die Erkenntnis sein, dass jeder nur in etwa in dem Maße glänzen kann, wie seine Mitmenschen es zulassen.

Das erinnert mich an die oft geführten Diskussionen mit meinem Vater, der die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, als einen damals »Einäugigen unter Blinden« bezeichnete. Das war sicherlich zu grob, aber auch nicht ganz falsch. Noch eine Handvoll Cruyffs und Pelés mehr und Beckenbauer wäre qualitativ weniger aufgefallen.

Die derzeitig geführte Diskussion, die der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) angefangen hat und die davon handelt, dass man ausländischen Autofahrern auf deutschen Autobahnen Maut abverlangen sollte, ist so ein Musterbeispiel an Blindheit. Neben dem Debattenführer kann Merkel relativ einfach ihre Einäugigkeit als Weitsicht verkaufen. Allemal, wenn auch noch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) einstimmt und feststellt, dass man europäisches Recht irgendwie umschiffen können wird, sofern man nur will. Denn: »Wenn die Holländer auf der A 3 nach Österreich fahren, sollen sie dafür einen Beitrag leisten, ebenso wie deutsche Autofahrer das in Österreich tun.« Neben so viel populistisch-nationalistischer Kompetenzarmut reicht schon ein bisschen gepflegte Kompetenzsimulation, um als Sachverständige wahrgenommen zu werden.

Ist es Zufall, dass sich in den Reihen von CSU und CDU Leute tummeln, die außer ihrer Tätigkeit im Amigo-Dienstleistungssektor wenig können und die daher konsequent an jener Messlatte scheitern, die man emotionale oder intellektuelle Kompetenz nennen könnte? Oder umgibt sich die Kanzlerin absichtlich mit Leuten, neben denen sie aussieht wie eine demütige und obendrein gescheite erste Dienerin des Volkes? Sind Typen wie Seehofer und Bouffier am Ende gar die ganzlegislaturperiodisch nur wohlgelittenen Zwerge, die ihre niveausenkende Funktion erst im Wahlkampf erfüllen?

Die Maut-Debatte ist nur eine Geschichte. Man sehe sich mal die inkompetenten Zwerge an, die sie um sich versammelt. Pofalla, der Affären feierlich für beendet erklärt. Oder Friedrich, der beim Herunterspielen von Prism sein erhaschtes Know-How preisgab und dabei wirkte wie ein Droschkenkutscher des 19. Jahrhunderts, der einen modernen Verbrennungsmotor erklärt. Und dann ist da noch der baden-württembergische Landesverband der CDU, in dem Gestalten wie Oettinger und Mappus wüteten und der fast so wirkt, als gäbe es ihn nur, damit sie der Kanzlerin zu mehr Geistesgröße verhelfen.

Mit solchen Gesellen im Rücken erscheinen die opportunistische Linie ihrer Politik und der ökonomische Irrweg, den sie beschreitet, fast wie die klugen Reformen einer sachverständigen Person. Der Dicke ist nur neben Dünnen dick – neben noch Dickeren ist er der Dünne.

Vor Jahren, als man in jeder politischen Talkshow über die Mobilmachung fauler Arbeitsloser zu Gericht saß, gab es bei Christiansen mal eine Runde, in der zwei Kerle die Begrenzung der Sozialhilfe auf maximal fünf Jahre pro Leben forderten. Ein Anderer favorisierte einfach nur höhere Sanktionsmöglichkeiten, um dem faulen Pack Beine zu machen. Neben den zwei Befürwortern der begrenzten Transferleistung sah der Sanktionswütige fast schon wie ein barmherziger Samariter aus. Ich schaltete ab und ertappte mich, dass ich den Mann für irgendwie sozial erachtete. Und dieser Mann hieß Wolfgang Clement.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln