Das Böse unter der Sonne

»Der Fremde am See« von Alain Guiraudie

Warum ist das Böse so attraktiv? Und warum lässt man sich darauf ein - auf die Gefahr, den Nervenkitzel, auch wenn man weiß, dass man dabei womöglich den Kürzeren zieht? Alain Guiraudies meisterhafte filmische Charakterstudie »Der Fremde am See« ist von einer verhängnisvollen Leidenschaft bestimmt: Franck fühlt sich unwiderstehlich zu Michel hingezogen, ja, er liebt ihn sogar. Obwohl er weiß, dass Michel böse ist.

Ein malerischer tiefblauer See im Sommer, irgendwo in Südfrankreich. Franck (Pierre Deladonchamps), ein gut aussehender Mann Ende Dreißig, fährt hier jeden Tag zum Strand, einem Treffpunkt für schwule Männer. Man badet, grüßt sich, unterhält sich, checkt sich gegenseitig ab, vor allem, wenn ein Neuer erscheint. Wenn man Glück hat, findet man einen Partner zum Sex im angrenzenden Kiefernwäldchen.

Am Strand freundet sich Frank mit Henri an, einem dicklichen, ernsthaften Mann, der immer abseits sitzt, nicht badet und die ungeschriebenen Gesetze des Strandlebens missachtet. Henri und Franck mögen sich, aber ihre Beziehung ist rein platonisch. Francks Antennen sind bald auf einen Neuen gerichtet: den attraktiven Michel, einen braugebrannten, athletischen Schnurrbart-Typen mit umwerfenden blau-grünen Augen, kurz, einen Traummann.

Leider hat Michel (Christophe Paou) sich bereits einen jungen Lover zugelegt, einen eifersüchtigen noch dazu. Doch eines Abends beobachtet Franck aus einem Versteck im Kiefernwäldchen Ungeheuerliches. Er sieht, wie Michel sich mit seinem jungen Liebhaber offenbar im Wasser neckt, seinen Kopf immer wieder unter Wasser taucht. Aber das Spiel artet aus, und der Jüngere kommt nicht wieder zum Vorschein.

Franck ist schockiert, aber nicht lange. Als er von Michel ein paar Tage später angeflirtet wird, widersteht er dem gefährlichen Beau nicht. Nach dem Sex ist es um Franck endgültig geschehen, er will bei Michel bleiben. Denn Liebe macht blind - und irgendwie auch blöd. Aber ist es wirklich Liebe oder nur die Sehnsucht danach? Wie das Gefühl nach Nähe und auch eine gewisse Abenteuerlust den Verstand komplett aushebeln, zeigt Guiraudie anhand seines Helden. Der weiß, dass Michel gemordet hat, womöglich nicht zum ersten Mal. Aber die Leidenschaft, die er mit dem schönen Mann ausleben kann, ist Franck wichtiger und so begibt er sich in eine fatale Spirale aus Verdrängung und Mitwisserschaft.

Die besondere Originalität des Films, der in einer Nebensektion von Cannes den Regiepreis gewann, besteht in seiner Konzentration auf einen Ort, den Cruising-Strand. Einen neuen Badetag kündigt die Kamera durch die Autos an, die auf dem Parkplatz des Wäldchens eintreffen. Was außerhalb des Strandlebens geschieht, kann man nur aus den Dialogen ableiten. So erfährt man, dass Franck bei Henri manchmal zum Abendessen eingeladen wird oder dass Michel keinen Wert auf gemeinsam verbrachte Nächte mit Franck legt.

Die für den Zuschauer wichtige Kommunikation spielt sich in der sonnigen, vom Regen vollkommen verschonten Strandidylle ab. Explizite Sex-Szenen, die jedoch nie zum Selbstzweck werden, spiegeln die flirrende erotische Sommeratmosphäre. Doch an dem Ort für flüchtige oder längere sexuelle Stelldicheins lauert zugleich das Unheimliche. Es wird nicht nur durch das Gerücht über einen angeblichen riesigen Killerfisch beschworen. Auch die Bäume im Wald biegen sich bedrohlich, wenn ein Sommersturm durch den Kiefernwald bläst und verkünden so kommendes Unheil.

Nach dem Auftauchen der Leiche huscht ein verschrobener Kommissar zwischen Strand und Wald hin und her, ermittelt hartnäckig, und sorgt als Fremdkörper zwischen den paarungswilligen Männern für Komik. Zudem deckt der Film mit seinem übersichtlichen Schauplatz und wenigen Figuren alle denkbaren menschlichen Konstellationen und Empfindungen wie Einsamkeit, Zweisamkeit, Sehnsucht oder Eifersucht ab. Aber er thematisiert eben auch Grenzüberschreitungen. Franck betreibt in seiner Beziehung zu dem gefährlichen Verführer ein Spiel mit dem Feuer. Es mündet in ein extrem spannendes, und auch blutiges, Finale im Kiefernwald: ein Rendezvous mit dem Bösen.

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