Späte Heimkehr eines Philosophen

Der Sozialphilosoph Oskar Negt übergab der Universität Frankfurt am Main seinen Vorlass

Im 1924 gegründeten Frankfurter Institut für Sozialforschung, das viele einfach »das Institut« nennen, hielt der 79-jährige Soziologe und Philosoph Oskar Negt jüngst einen Vortrag über sein Verhältnis zur »Frankfurter Schule«. Der »Hannoveraner« kam gleichsam nach Hause. Er übergab dem Archivzentrum der Universitätsbibliothek seinen wissenschaftlichen und biografischen Vorlass: neben Manuskripten, Typoskripten und einer umfangreichen Korrespondenz auch 30 Tonbänder, die seine Vortrags- und Vorlesungstätigkeit dokumentieren.

Der aus kleinbäuerlich-proletarischen Verhältnissen in Ostpreußen stammende Negt, langjähriger Universitätsprofessor in Hannover, hatte 1956 in Frankfurt am Main sein Studium begonnen und war dort von 1962 bis 1970 - also in politisch sehr bewegten Zeiten - Assistent von Jürgen Habermas. Negts Lehrer waren zudem die aus dem US-amerikanischen Exil zurückgekehrten Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Deren Arbeiten kann man kaum unter »Schule« subsumieren. Trotzdem begann man damals, von der »Frankfurter Schule« zu reden.

Das Frankfurter Institut war 1924 gegründet worden, finanziert vom Millionärssohn Felix Weil, dessen aus dem Badischen stammender Vater ein Vermögen in Argentinien gemacht hatte. 1930 übernahm der in Stuttgart geborene Fabrikantensohn Horkheimer die Leitung des Instituts. Auch er sprach nicht von »Schule«, sondern von »Kritischer Theorie«, womit er sich von traditioneller bzw. »reiner Wissenschaft« absetzte, die die gesellschaftliche Bedingtheit ihrer Herkunft ebenso wenig reflektierte wie die Praxis und deren politische Folgen. Im Grunde war »Kritische Theorie«, wie Negt im Vortrag verdeutlichte, ein nom de guerre, ein Deckname, für eine an Marxsche Theorien orientierte Konzeption von Philosophie und Sozialwissenschaft. Den expliziten Bezug auf Marx tilgte Horkheimer bewusst, da er jede parteipolitische Bindung an den »Marxismus«, der seinerzeit mit »Kommunismus« und KPD gleichgesetzt wurde, vermeiden wollte. Was belegt: Alle geografischen Zuschreibungen sind ebenso richtig wie falsch, zumindest irreführend.

Sachverstand eines Soziologen

Negt will theoretische Einsichten immer auch praktisch umgesetzt wissen. Das führte ihn in die Nähe der IG Metall, dessen Vorsitzender damals Otto Brenner war. Gefördert wurde Negt auch vom Gewerkschafter und späteren SPD-Minister Hans Matthöfer, der ihn für die hauptamtliche gewerkschaftliche Bildungsarbeit gewinnen wollte. Doch damit biss dieser beim Vorstand der IG Metall auf Granit. Dort wollte man ohne den Sachverstand eines Soziologen auskommen. So wurde Negt hauptamtlich Universitätsassistent, betrieb aber nebenamtlich gewerkschaftliche Jugend- und Bildungsarbeit und entwickelte bahnbrechende Konzepte wie das des »exemplarischen Lernens«.

Bildung, getragen vom kantianisch geprägten Vertrauen auf die Vernunftfähigkeit der Menschen, die Notwendigkeit radikaler Vorurteilszerstörung und die Stiftung sozialer Zusammenhänge, wurde für Negt zum Dreh- und Angelpunkt seines politisch-praktischen Engagements wie seiner aufklärerisch-philosophischen Interessen. Bereits in Frankfurt gründete er ein halbes Dutzend Kinderläden und 1972 in Hannover die alternative, antiautoritär orientierte Glockseeschule. Es war einer seiner größten praktischen Erfolge, dass es ihm gelang, eine hundertprozentige staatliche Finanzierung der Alternativschule durchzusetzen, d. h. der Sackgasse einer privilegierten Privatschule für Kinder aus oberen Kreisen auszuweichen.

Jahre zuvor engagierte er sich für die Demokratisierung der Hochschulen und Universitäten. Im konservativen akademischen Milieu galt er als Revolutionär und wurde geschnitten. Beim Dienstantritt 1970 in Hannover kündigten Institutssekretärinnen demonstrativ, der Dekan verweigerte ihm den Handschlag bei der Begrüßung. 1969 hatte Negt zu den Gründern des Sozialistischen Büros Offenbach gehört, einer Organisation linker, undogmatischer Intellektueller, Lehrer, Gewerkschafter, Studenten und Sozialarbeiter. Seit 1961 SPD-Mitglied, strebte er indes nie eine Parteikarriere an, obwohl er zeitweise zu einem Beraterkreis von Gerhard Schröder gehörte, der jedoch zerfiel, als dieser Kanzler der rot-grünen Regierung wurde.

Negt beeindruckt noch immer, zumeist das jüngere Publikum - durch sein unprätentiöses Auftreten und seine intellektuelle Präsenz. Auch diesmal war es wieder ein Vergnügen, ihm zuzuhören.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
Mehr aus: