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Rotkehlchen im Dschungel

Berlin ist wie das Internet: schlicht nicht zu überblicken in seiner Fülle an Schätzen und Unrat. Das Gefühl, sich in jedem Moment nur an einem Nebenschauplatz aufzuhalten, während der Bär gerade jetzt ganz woanders steppt, gehört zum Leben in dieser Stadt wie der Hundekot auf dem Gehsteig.

Seltsamerweise trifft das ganz besonders auf Leute zu, die hier geboren sind. Ortsfremde erwarten von Urberlinern, dass sie sich in jedem Winkel ihres Dschungels auskennen. So wie der Web-Tourist meint, in Sekundenschnelle von einem Ende des Netzes zum anderen zappeln zu müssen, will der Berlin-Besucher nämlich an einem einzigen Tag überall dahin, wo die Stadt heute besonders trendy, crazy, hip, historisch und hochkulturell ist. Zu seiner Enttäuschung kann kein Alteingesessener ihm den Weg dorthin weisen. Das schlechte Gewissen, nie up-to-date zu sein, haftet Berlinern an wie ihr schnoddriger Dialekt. Notdürftig behilft man sich, wie ein Reiseführer es eben tut, mit der Verschlagwortung seiner Stadt. Man will ja nicht unhöflich sein.

Was Metropolen-Hoppern nicht einleuchtet: In Wahrheit lebt der Großstädter wie auf dem Dorf. Das Rauschen der Möglichkeiten um ihn herum nimmt er gar nicht wahr. Seine täglichen Wege erledigt er im Umkreis von einem Quadratkilometer. Sein Kiez ist ihm ein Gehöft inmitten der Waldeinsamkeit. Es soll vorkommen, dass Berliner in die U-Bahn steigen, drei Stationen fahren, aus dem Tunnel steigen und oben aus allen Wolken fallen, weil sie sich binnen fünf Minuten an einem ihnen völlig unbekannten, exotischen Ort wiederfinden. Für so einen Trip hätten sie sich im Reisebüro, sogar online, dumm und dämlich gezahlt. Der BVG ist das recht: Die Preise fortwährend zu erhöhen, erscheint ihr mehr als legitim. Lange wird’s nicht mehr dauern, bis die Kurzstrecke 2000 Euro kostet.

Schon heute werden touristische Führungen unter dem Motto »Berlin für Berliner - wie gut kennen Sie ihre Stadt?« angeboten. Mich erinnert das an ein Spiel, das meine Tochter im Kindergarten spielt und das vermutlich als pädagogische Vorbereitung auf das Zurechtfinden im Internet (oder in Berlin) gedacht ist. Ziel ist es, in einem wuseligen Wimmelbuch, dessen Seiten mit Hunderten von Personen, Tieren, Gegenständen und Szenerien vollgemalt sind, einzelne Ruhepunkte zu finden. Letztens haben die Kleinen sich stundenlang die Augen wund gesucht nach einem winzigen Rotkehlchen. Es war aber nicht da.

Jetzt haben wir es gefunden. Morgens, als meine Tochter und ich das Haus verließen, hüpfte das Vögelchen orientierungslos zwischen den Reifen der Fahrräder herum, die kreuz und quer in der Torfahrt unseres Altbaus angeschlossen sind. Sanft haben wir das Rotkehlchen aus dem Tunnel ins Freie geleitet. Sofort ist es weggeflogen. Wohin? Zurück in sein Wimmelbuch. Die Kinder jedenfalls haben es dort an diesem Tag auf Anhieb entdeckt.

Vignette: Sarah Liebigt

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