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Shoppen bis der Arzt kommt

In Neunkirchen gibt es seit Frühjahr die erste Selbsthilfegruppe für Kaufsüchtige im Saarland

  • Von Jenny Kallenbrunnen, dpa
  • Lesedauer: 4 Min.
Einkaufen ist heute jederzeit und bargeldlos möglich. Das erhöht das Risiko einer Kaufsucht, warnen Ärzte und Betroffene. Ein Patient hat nach seiner Therapie eine Selbsthilfegruppe für Kaufsüchtige gegründet - die erste im Saarland.

Neunkirchen. Alkoholsüchtige Menschen im Saarland finden in rund 120 Selbsthilfegruppen Unterstützung. Auch für deren Angehörige gibt es derartige Anlaufstellen. Für Kaufsüchtige hingegen existiert nur eine einzige Selbsthilfegruppe - und die ist ganz neu. Holger S. hat sie gegründet.

Der 36-Jährige ist kaufsüchtig, 73 000 Euro Schulden hatte er am Ende. Wie viel von diesem Schuldenberg noch übrig ist, weiß er gar nicht; er ist in Privatinsolvenz. Zu Beginn seiner Krankheit kaufte er im Geschäft oder bestellte aus dem Katalog, später in Onlineshops. Fernseher, Küchengeräte, Klamotten. »Ganz banale Dinge«, sagt er.

Das Internet verstärkt die Gefahr der Kaufsucht, glaubt er: »Es ist einfacher, schneller und geht auch nachts, wenn man wach wird.« Das Gekaufte selbst war es gar nicht, was ein Zufriedenheitsgefühl auslöste, vielmehr der Akt des Kaufens selbst. »Anfangs reichte das Glücksgefühl, bis das Paket ausgepackt war«, sagt S., »dann bis der Paketbote klingelte und am Ende bloß noch, bis der Bestätigungs-Button auf dem PC-Bildschirm erschien.«

Die Päckchen öffnete er am Ende gar nicht mehr. 20 Stück waren es pro Woche, er stellte sie einfach ab. Nach dem Aufstehen hatte er körperliche Entzugserscheinungen, war unruhig und zittrig. Als er seine Einkäufe nicht mehr bezahlen konnte, suchte er Hilfe. In der AHG Klinik Münchwies in Neunkirchen hat er eine Therapie gemacht. Nach neun Wochen wurde S. in den Alltag entlassen. Auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe rief er die Caritas an. Er solle doch vorbeikommen, sagte die freundliche Stimme am Telefon. Doch unter den rund 750 Selbsthilfegruppen im Saarland gab es keine einzige für Kaufsüchtige.

Und dann saß S. allein zwischen Alkoholikern. »Die fanden, dass ich gar kein Problem habe.« Genau genommen habe er noch nicht einmal eine echte Krankheit. Im Internationalen Diagnoseklassifikationssysten ICD10, einer Zusammenstellung anerkannter Krankheiten und Diagnosen, ist Kaufsucht nicht verzeichnet. Sie gilt schlicht als Impulskontrollstörung - als Störung der Kontrolle, den Impuls zu unterdrücken, mehr zu kaufen als man eigentlich braucht.

Ulrich Monzel, Psychologe an der AHG Klinik Münchwies, sagt: »Die Dunkelziffer der Betroffenen ist wahrscheinlich sehr hoch.« Studien zufolge seien fünf Prozent der Bevölkerung gefährdet. 20 Patienten mit Kaufsucht, offiziell »pathologische Käufer« genannt, waren 2012 in der AHG Klinik in Behandlung. »Die Kaufsucht ist ein neues Leiden; die Diskussion, wo sie hingehört, ist noch nicht zu Ende«, sagt Monzel.

Im Frühjahr hat S. eine eigene Selbsthilfegruppe ausgeschrieben. Ihr gehören inzwischen eine junge Auszubildende, deren Mutter, ein Familienvater mittleren Alters und ein älterer Krankenpfleger an. Sie treffen sich alle zwei Wochen in der AHG Klinik. »Es ist immer gut, wenn es zu einem Thema eine ganz spezielle Selbsthilfegruppe gibt«, sagt Monzel. Auf einen Platz in der Therapie wartet ein Patient meist mehrere Monate: Es dauert, bis sämtliche Unterlagen beisammen, der Antrag genehmigt und ein Platz frei ist. Gerade für diese Wartezeit seien Selbsthilfegruppen wertvoll, findet Monzel. Wer den Verdacht hat, dass sein Kaufverhalten pathologisch sein könnte, kann sich dort beraten lassen.

Beate Ufer ist pädagogische Mitarbeiterin der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland (KISS). »Akutbehandlungen sind bloß Bausteine. Die Patienten müssen auch wieder in den Alltag zurück«, sagt Ufer. Denn: »Die Therapie hat auch mal ein Ende.« Außenstehende wüssten häufig gar nicht, worin nach dem Ende der Therapie eigentlich noch ein Problem besteht.

»Vielen tut es einfach gut, zu wissen, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Problem«, sagt Ufer. Es gebe mehrere Studien, die belegten, dass Patienten, die nach einer Therapie eine Selbsthilfegruppe besuchten, seltener rückfällig werden als andere Süchtige.

»Die Lösung für jemanden, der nach einem Stoff süchtig ist, besteht darin, diesen Stoff nicht mehr zu konsumieren«, sagt Monzel. »Jeder Mensch kann ohne Alkohol leben, aber niemand kann beschließen, einfach nicht mehr einzukaufen.«

S. kauft auch weiter ein, sogar Dinge, die er gar nicht dringend benötigt, sondern sich einfach gönnt. Darauf spart er jetzt, statt sie nebenbei zu kaufen. Zuletzt waren das zwei Blue Ray Discs. Den Player dafür hat er zum Geburtstag geschenkt bekommen.

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