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Das Paradies ist weiß wie Milch

»Soutines letzte Fahrt« - Ralph Dutli hat einen beeindruckenden Roman über den Maler geschrieben

So viele haben Paris, »die Welthauptstadt der Malerei«, die Metropole des Expressionismus und des Surrealismus, beschrieben, die berühmten Ateliers und die noch berühmteren Cafés. Die Schriftstellernamen sind Legion, reichen von Louis Aragon bis Walter Benjamin, von Ernest Hemingway bis Henry Miller. Die meisten funkelnden Erinnerungen gehen in die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurück. Das »Fest fürs Leben« endete mit der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Wie es vorher war, wurde es nie wieder.

Wenn Ralph Dutli hier die »letzte Fahrt« des Chaim Soutine im Jahre 1943 zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens macht, so wird der Roman einerseits zum Requiem für einen wunderbaren, aber kaum bekannten Maler, andererseits auch ein Abgesang auf das einstige Paris, das nun zu einer »Hauptstadt des Schmerzes« geworden ist, wie es im Buch heißt. Noch einmal wird Rückschau gehalten. Noch einmal erstehen das arme und das festliche Paris der Künstler, Clochards und Glücksritter, der Liebhaber und Geliebten. Zudem ist das Buch ein Hymnus auf das Wesen der Malerei und der Farben.

Aber beginnen wir mit dem ersten Kapitel »Chinon, 6. August 1943«! An diesem Tag wird, in einem Leichenwagen versteckt, ein todkranker Mann von der Stadt an der Loire nach Paris transportiert. Das Auto fährt nicht über die von den Besatzern kontrollierten Hauptstraßen, sondern es nähert sich mühsam auf unbewachten Nebenstraßen der Hauptstadt. Der »lebende Tote«, in ein weißes Laken gewickelt, ist der jüdische Maler Chaim Soutine. Er muss dringend in aller Heimlichkeit operiert werden. Es ist seine letzte Chance. Außer ihm und den beiden Bestattern fährt im Auto nur Marie-Berthe Aurenche mit, Ma-Be, wie er sie nennt. Sie war einst eine der Geliebten von Max Ernst gewesen. Die Verlassene hatte der Maler zu sich genommen, nachdem seine jüdisch-deutsche Freundin Gerda zum Sammellager der Nazis gegangen und von dort nicht wiedergekommen war. Auch er lebte fortan illegal, zuerst noch in Paris in verschiedenen Verstecken, dann auf der Flucht zwischen kleineren Orten. Ma-Be hatte dem magenkranken Soutine wie ein gestrenger Schutzengel zur Seite gestanden, zuletzt in Chinon.

»Ein Maler rollt durch Dörfer, die nie von ihm gehört haben ... Es gibt nur die Bilder, die wenigen, die er nicht zerfetzt hat. Niemand kennt ihn.« Nehmen wir es voraus: Der Transport ist eine Fahrt zur »finalen Operation«. Ma-Be wird das Begräbnis auf dem Montparnasse organisieren, zwei Frauen und drei Männer werden am Grab des Malers stehen: Pablo Picasso, Jean Cocteau und Max Jacob.

Soweit das »Gerüst« nachprüfbarer Fakten, die durch die Abbildung des wundersamen Gemäldes »Der Konditorjunge von Céret« von Chaim Soutine auf dem Buchumschlag ergänzt werden. Daraus hat Ralph Dutli (bekannt vor allem durch seine Verdienste um das Werk von Ossip Mandelstam) das kleine und äußerst dichte Kunstwerk eines historisch-fiktiven Romans gemacht. Der unter Morphium delirierende Maler erinnert sich wichtiger Episoden seines Lebens: der elenden, von Armut und Pogromen bedrohten Kindheit im weißrussischen Smilowitschi bei Minsk, des Aufbruchs über Wilna nach Paris, der verlausten Hungerjahre im »Bienenstock« auf dem Montparnasse. Er erinnert sich an die Freundschaft mit Modigliani, an den Kunsthändler Zborowski und die Entdeckung durch den amerikanischen Milliardär Barnes, der seine Bilder zu Riesenpreisen kaufte, weil er ihre Besonderheit erkannte.

Chaim Soutine hat die Armut und den Schmerz gemalt, Kinder mit Greisengesichtern und Mädchen mit verkrüppelten Puppen, den Metzgerjungen und den Konditorjungen, der eine rote Blume wie eine Wunde am Gürtel trägt. Rot in allen Schattierungen war ihm die Farbe beschädigten Lebens. Am Ende, so will es der Autor, weicht das Rot der paradiesischen, lebensspendenden Farbe Weiß bei der Fahrt - in ein erträumtes Land des Schnees und der Milch.

Ralph Dutli: Soutines letzte Fahrt. Roman. Wallstein Verlag. 192 S., geb., 19,90 €.

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