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»Anerkennung war für Oma wichtig«

Jana Simon sprach mit ihren Großeltern Christa und Gerhard Wolf

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Solch ein Gesprächsbuch hätte niemand anderes schreiben können als sie, die Enkelin, geliebt von den Großeltern und ihnen in Liebe zugetan. Voller Achtung für ihr Werk, aber auch unbefangen, nicht von vornherein eine, die bewundert, sondern eine, die das Gehörte im Licht ihrer Lebenserfahrungen durch-denkt. Hinzu kommt, dass Jana Simon eine versierte Journalistin und Autorin ist, die mit den Gesprächsprotokollen professionell umzugehen wusste. Die im Auge hatte, dass so ein Interviewbuch eine eigene Art von Spannung braucht und sich vorstellen konnte, was Leser davon erwarten.

Niemand anderen hätten Christa und Gerhard Wolf so nah an sich herangelassen. Aber wenn Jana kam, waren sie einfach froh. Es war nicht lästig, wenn sie fragte. Großeltern wollen ihren Enkeln doch gern aus ihrem Leben erzählen. Zunächst war es wohl eine ganz persönliche Sache, auch wenn ein Aufnahmegerät auf dem Tisch lag. Ein Buch ist erst später daraus geworden, sozusagen in Erinnerung an Christa Wolf, die am 1. Dezember 2011 gestorben ist. Hier kann sie noch einmal ganz lebendig werden, wie sie am 8. Mai 2008 in ihrer Berliner Wohnung vom Küchentisch aufsteht und sagt: »Ich finde, wir haben jetzt genug gequatscht!« Das sind ihre letzten Worte im Interview.

Im Vorwort zum Buch erinnert sich Jana Simon noch an ein Gespräch im Herbst 2011, als ihre Oma im Krankenhaus lag und es ihr schon sehr schlecht ging. Die Familie wünsche, dass sie sich bemühe weiterzuleben, sie wisse aber nicht, ob sie das könne, meinte sie und lächelte ihr Enkelkind an. - Auch bei einer großen Schriftstellerin ist es zuletzt wie bei jedem anderen Menschen auch ...

Dass es sich hier um zwei namhafte Künstler handelt, der Leser weiß es, im Buch muss es nicht herausgestellt werden. Hier sind es nahe Menschen, die einen beträchtlichen Teil ihres Lebens schreibend verbracht haben, was die Kinder und Enkel akzeptieren mussten, was sie aber, gerade als sie noch klein waren, mitunter auch störte. Jana Simon hat, wie sie schreibt, lange nichts von ihren Großeltern gelesen und war nicht sonderlich erfreut, als sie 1988 eine Werkausgabe unterm Weihnachtsbaum fand. »Zu Hause wuchtete ich die elf Bände in mein Regal, und dort blieben sie.« Ab und an zog sie eines der Bücher heraus und erfreute sich an den kleinen Widmungstexten, die Christa Wolf ihr hineingeschrieben hatte.

Im Jahr 1998, mit 25, fiel ihr auf, dass sie über ihre Großeltern recht wenig wusste. Am 22. August hat sie dann ihr erstes Gespräch geführt: über deren Eltern, darüber, wie sie die Nazizeit erlebt hatten. »Mich hat ... ja ... der ›Führer‹ fasziniert«, sagt Christa Wolf und kann sich darauf verlassen, dass Jana nicht erschrickt, sondern nachfragt. Um etwas besser zu verstehen - darum geht es. Als sie herauszufinden sucht, wie sich zwischen zwei so eigentümlichen Leuten über Jahrzehnte eine Harmonie erhalten konnte und worin sie ihre Unterschiedlichkeit sehen, wird sie auf die Erzählung »Er und ich« verwiesen. »Ich finde es schrecklich, dass sich bei meinen Großeltern immer alles nachlesen muss«, moniert sie. »Ich will es authentisch.« - Gerhard Wolf: »Das Authentische ist das, was wir schreiben.« Jana Simon: »Nee!«

Bei der Niederschrift hat sie sich bemüht, so viel wie möglich von der Gesprächssituation zu erhalten. Man darf dabei sein, wie die drei in der Pankower Wohnung oder im Sommerhaus in Woserin zusammensitzen, sieht den Großvater in der Küche verschwinden und erfährt dann auch, was es zu essen gab. Das Gespräch ist konzentriert, aber es darf auch jähe Wendungen nehmen. Es darf auf eine natürliche Weise fließen und stocken.

Nichts wirkt im nachhinein aufgesetzt, was durchaus der Kunst von Jana Simon zu verdanken ist. Man merkt nicht, was für eine immense Arbeit geleistet wurde, um aus den vielen Gesprächen, die sich über 14 Jahre erstreckten, ein Buch zu machen. Sie lässt es zu, dass Themen anklingen und später wieder aufgegriffen werden, sie verhehlt nicht, dass sie selber über diese lange Zeit eigene Erfahrungen sammelte, sich in gewisser Weise auch veränderte. Sie kam gar nicht in die Versuchung, etwas literarisch »herauszuarbeiten«, wie es jemand anders vielleicht für seine Pflicht gehalten hätte. Die Großeltern sind ihr so lebendig, dass ihr das wohl auch nicht möglich ist.

Wie sie sich kennenlernten, will sie wissen, warum sie schon so früh in die SED eingetreten sind, wie es war, schreibend Kinder aufzuziehen, was für Freunde sie hatten, welche Enttäuschungen es da gab, wie es war mit MfS und ZK, wie man das verstehen soll, dass man geehrt und gleichzeitig überwacht wurde. Diese eigentümliche Situation von Künstlern in der DDR, einerseits hoch geschätzt und politisch ernst genommen, andererseits ständig mit Argwohn beäugt zu werden, ist ja Außenstehenden wirklich kaum begreiflich.

Sozialistische Überzeugungen und gleichzeitig schleichende Entfremdung vom Staat - diesen Dissens kannten viele. »Ich will nicht dasselbe wie sie«, das begriff Christa Wolf schon zu Beginn der 60er Jahre (ihr Mann womöglich schon früher) und ließ sich trotzdem zur Kandidatin des ZK wählen. Es war ein Lavieren zwischen Anpassung und Opposition - wer politisch wach in der DDR gelebt hat, kennt es wohl. Dafür oder Dagegen - da gab es vielerlei Abstufungen, oft war eine Grauzone des Und dazwischen.

Christa und Gerhard Wolf merkt man an, wie bewusst sie über all die Jahrzehnte die politischen Realitäten wahrgenommen haben. Da haben sie es nicht nötig, im nachhinein etwas zu kaschieren. Zugleich halten sie an den für DDR-Intellektuelle charakteristischen Abgrenzungen fest. Der ideologische Machtanspruch des Staates spiegelte sich damals in seltsamer Verzerrung auch im Privaten. Misstrauen auch bei den Oppositionellen, denn Verfolgung war möglich. Es gab eine ziemliche Unduldsamkeit fremdem Handeln und anderen Meinungen gegenüber und wenig Vertrauen, dass Menschen durch Erfahrungen verändert werden.

Nicht-Gleichgesinnte überzeugen zu wollen, war gefährlich. Also gab man sich auch nicht mit ihnen ab. Politischer Rigorismus war zum Schutzmantel geworden, der sich auch unter veränderten Bedingungen nicht einfach ablegen ließ. So lebte die intellektuelle Opposition im Sinne politischer Veränderungen in der DDR lediglich in kleinen Freundeskreisen. Voneinander abgeschottet und staatlicherseits überwacht. Nuancen reichten aus, dass sich der eine besser als der andere dünkte. Nach dem Motto »Teile und herrsche« wurden Menschen auch insgeheim gegeneinander ausgespielt.

Den Großeltern mochte es scheinen, als sei die Enkelin zu wenig politisch engagiert. »Ihr hattet etwas, woran ihr geglaubt habt«, gesteht sie ihnen zu, nimmt sich im Buch aber nicht den Raum, eigene Vorstellungen, Verunsicherungen, Zweifel zu erklären. »Ihr scheint dauernd nur mit politischen Versammlungen, Positionierungen und Kämpfen beschäftigt gewesen zu sein.« Gerhard Wolf: »Ja sicher, mit was denn sonst.« Womit Jana Simon beschäftigt ist, es ist ja nicht nur ein Interview, sondern ein lebendiges Gespräch, im nachhinein scheint ihr, dass die Großeltern sie zu wenig fragten. Aber was wussten sie denn von ihr, wenn sie nur hin und wieder zu Besuch kam? Wie weit hätte sie sich ihnen denn geöffnet?

Nähe und gleichzeitig auch Distanz - es ist diese eigentümliche Mischung, die das Buch zu etwas Besonderem macht. Liebe und Respekt, Einfühlungsvermögen. Das letzte Gespräch führt Jana Simon mit Gerhard Wolf allein. Er spricht zu ihr nicht von seiner Trauer, er sagt, dass er jedes Jahr etwas aus dem Nachlass seiner Frau veröffentlichen will. »Na ja, Christa ist noch anwesend, weil ich mich laufend mit ihren Sachen beschäftige ...« Ihr habt nie über den Tod gesprochen?» ... «Nein, wenig.» ... - «Anerkennung war für Oma wichtig.» - «Anerkennung ist nicht das richtige Wort. Dass ihr Geschriebenes Wirkung hatte und dass die Menschen es mochten, das hat sie genossen.»

Jana Simon: Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Ullstein Verlag. 256 S., geb., 19,99 € Buchpremiere mit Gerhard Wolf am 1. Oktober, 19.30 Uhr, im Berliner Ensemble.

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