Von Tim Zülch

Kein Frieden mit dem Machismo

Die bolivianischen Anarchofeministinnen der Mujeres Creando waren in Berlin zu Besuch

Die Frauen von Mujeres Creando aus Bolivien praktizieren einen radikalen Feminismus und bieten Staat und Gesellschaft die Stirn. Dafür versuchen sie auch, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

»No hay nada más parecida a un machista de derecha, que un machista de izquierda.« Es gibt nichts, das näher an einem Macho der Rechten ist, als ein Macho der Linken. So oder ähnlich radikal steht es tausendfach auf Hauswänden in Bolivien. Die anarchofeministische Gruppe Mujeres Creando hat das Graffito zu ihrem Markenzeichen gemacht. »Überall wo wir hinkommen, auch in Berlin, hinterlassen wir unsere Graffiti«, sagt Carolina Ottonello. Seit 20 Jahren schon engagieren sich Mujeres Creando in der vom Machismo geprägten Kultur Boliviens. Wichtig ist ihnen die »horizontale Organisierung« als Gegensatz zur vertikalen Organisierung der Gesellschaft. So beschrieb es das Kollektiv auf einer Veranstaltung in Berlin. Damit meint die Gruppe eine offene Begegnung von Frauen aus verschiedenen Schichten und Bereichen der Gesellschaft. In ihren zwei Einrichtungen in La Paz und in Santa Cruz de la Sierra versuchen sie, dieses Prinzip zu praktizieren. Ob »Indigena, Hure oder Lesbe«, in ihren Häusern seien alle willkommen »revueltas y hermanadas« - vermischt und verschwistert. Erst diese vorurteilsfreie Herangehensweise führe zu unerwarteten Begegnungen und der Möglichkeit, sich unvoreingenommen zu betrachten, sagten die Mujeres im Tristezza in Berlin.

Eindrucksvoll ist die Liste der Angebote in den Häusern. Im Haus »Virgen de los deseos« in La Paz gibt es beispielsweise ein Radio, einen Kindergarten, ein Café und einen Laden. Gemeinsam stellen sie T-Shirts mit ihren Sprüchen her, um ihre ökonomische Selbstständigkeit zu sichern. Diese ökonomische Unabhängigkeit sei ihnen sehr wichtig, sagt Carolina Ottonello. Ohne die gebe es keine politische Autonomie.

Bekannt sind Mujeres Creando vor allem durch ihre provokanten Aktionen geworden. Mit gespreizten nackten Beinen demonstrierten sie im August dieses Jahres vor einer Kirche in Santa Cruz für die Straffreiheit der Abtreibung. »Wir gebären. Wir entscheiden!« hatten sie sich auf die Haut gemalt. María Galindo sagt: »Hunderte Frauen sterben, weil sie kein Geld haben, durch schlecht gemachte Abtreibungen.« Auch wenn sie keine Kunst machen wollen, seien kreative Aktionen sehr wichtig, um Aufmerksamkeit zu erregen, wie Helen Álvarez sagt und hinzufügt: »Wir glauben nicht an Verhandlungen, aber die Straße ist fundamental. Wir glauben an die Straße als Ort der Rebellion.« Keine Theorie sei legitim ohne dazugehörige Praxis, die die Realität herausfordere.

Am verbreitenden Machismo habe, so Mujeres Creando, auch die Präsidentschaft des Linken Evo Morales nichts geändert. Im Gegenteil: In ihrem eigenen Radio »Deseo« werden unverantwortliche oder gewalttätige Väter nach eingehender Prüfung geoutet. Die Liste der machistischsten Väter führten Evo Morales und Che Guevara an, sagt Helen Álvarez und schmunzelt.

Ein weiteres wichtiges Thema der Mujeres Creando sind Mikrokredite. Denn die würden oft nicht den Frauen, an die sie vergeben werden, nützen, sondern den gebenden Organisationen. Viele Organisationen würden sich eine goldene Nase verdienen und die Frauen würden durch zu hohe Zinsen in der Abhängigkeit landen.

Manche Positionen der Mujeres Creando machen sie für westliche Linke schwer einortbar. So wenden sie sich gegen die Kategorie Gender, weil sie die Machtbeziehung zwischen Frau und Mann unsichtbar mache und die Gewalt relativiere. Auch wenden sie sich gegen eine Frauenquote. Diese basiere nur auf dem biologischen Frausein und nicht auf Inhalten. In einer ihrer Graffitiparolen zusammengefasst, lautet die Forderung der Mujeres Creando: »Wir wollen das gesamte Paradies, nicht 30 Prozent der neoliberalen Hölle.«

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