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Ver.di verlädt Brummifahrer

Bündnistreffen mit Truckervereinen kurzfristig abgesagt - trotz Lohndumpings in der Logistik

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Ver.di hat sich offenbar entschieden, nicht mit unabhängigen Lkw-Fahrer-Gruppen zu kooperieren - exakt 30 Jahre nach dem größten Fernfahrerstreik der Geschichte der BRD.

»Alle Räder stehen still«, so der gewerkschaftliche Schlachtruf, »wenn unser starker Arm es will«. Am 7. Oktober 1983 nahmen die in der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) organisierten Fernfahrer den Slogan wörtlich, traten bundesweit in den Warnstreik und blockierten den Lkw-Verkehr auf der A2 bei Helmstedt. 30 Jahre später hat ver.di den Rückhalt vieler Fahrer verloren - zuletzt sorgte die Absage eines Vernetzungstreffens für Irritationen.

Dieses sollte am 14. September auf einem Autohof bei Kassel stattfinden und unabhängige Fahrergruppen, das Internetforum »Truckerfreunde« und die Gewerkschaft an einen Tisch bringen. Obwohl seit Juni verabredet, sagte Mario Klepp, Leiter der ver.di-Fachgruppe Postdienste, Speditionen und Logistik, seine Teilnahme kurzfristig ab. »Nach intensiver Diskussion in unserem Fachbereich«, so Klepp in ein paar dürren Zeilen, »haben wir uns entschieden, von einer kontinuierlichen Mitarbeit im Bündnis der Kraftfahrerdemos abzusehen.«

»ver.di schlägt uns die Tür vor der Nase zu«

Ingo Schulze, Sprecher der Kraftfahrer Clubs Deutschland (KCD), hat dafür wenig Verständnis. Für den Initiator mehrerer Demos und Konvois gegen Lohndumping in der Logistik ist das ein Affront: »Ausgerechnet in dieser Phase der Annäherung schlägt uns ver.di die Tür vor der Nase zu.«

Gegenüber »nd« betont Klepp, man wolle weder den Dialog noch die punktuelle Zusammenarbeit in den Ländern beenden. Doch auf Bundesebene halte man gemeinsame Aktivitäten »nicht für zielführend«. Bei Verdi gibt es offenbar Zweifel an der Strategie der Fahrergruppen, die weiter mit Demonstrationen und Konvois auf die Dumpingprobleme der Branche aufmerksam machen wollen. »Das kriegst Du nicht auf der Straße gelöst«, sagt Klepp, »nur politisch.«

Außerdem will sich die Dienstleistungsgewerkschaft verstärkt auf die Konzerne im Logistiksektor konzentrieren: »Wir haben große Betriebe, die uns absolut fordern. Und da wird uns dann klassisch die Frage gestellt, ob wir weiter rumspielen wollen, anstatt unsere Mitglieder zu betreuen.«

Tatsächlich verzeichnet die Gewerkschaft in der Wachstumsbranche Logistik nicht nur zusätzliche Arbeitsplätze, sondern auch steigende Mitgliederzahlen - auch viele Fahrer. Rund 120 von ihnen konnte ver.di kürzlich zu einem Stammtisch in Bayern versammeln, in der kommenden Woche ruft die Gewerkschaft in Leipzig 100 Betriebsräte der Branche zusammen. Ein Rückzug aus der Fläche also, um die organisierbaren Konzerne zu betreuen?

Der Gedanke ist nicht neu, dürfte aber auch von jenem Mann Widerspruch ernten, der 1983 für die Blockade in Helmstedt verantwortlich zeichnete. Nach zähen Tarifverhandlungen traten damals bundesweit fast 20 000 Fahrer in den Warnstreik. Auf der A2 brachten mehrere Hundert ab- oder quergestellte Lkw die Versorgung West-Berlins ins Wanken.

Druck gegen Dumpinglöhne

»Die Gewerkschaft muss dorthin gehen, wo die Fahrer sind«, sagt der heute 72-jährige Holger Klee und kritisiert gegenüber der Fachzeitschrift »Fernfahrer« unter anderem die Abschaffung der Betreuungsmobile, mit der ÖTV und ver.di einst die Fahrer auf den Raststätten ansprachen. Ähnlich die Mahnung von KCD-Sprecher Schulze: »Ver.di muss lernen, dass sich die Fahrer notfalls auch ohne Gewerkschaft organisieren können. Wir diskutieren die Themen, die eigentlich von ver.di kommen müssten«. Schon diesen Samstag will das Fahrerbündnis mit einem kleinen Konvoi in Dortmund wieder Druck gegen Dumpinglöhne machen, eine europaweite Aktion ist in Planung.

Hintergrund der jüngsten Proteste ist die zunehmende Zerfaserung der Löhne im Speditions- und Logistiksektor. Knapp 2000 Euro brutto verdienen Fahrer bei tariftreuen Unternehmen, in nicht organisierten, oft ostdeutschen Firmen teils nur die Hälfte. Und bei Fahrern aus Ost- und Südeuropa werden regelmäßig Löhne von wenigen Hundert Euro festgestellt.

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