Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

»Sträflicher Optimist«

Vor sechzig Jahren starb der Schriftsteller Friedrich Wolf: Kunst als Waffe - und die Weihnachtsgans Auguste

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Als flögen Metallspäne. Als blitzten Schwerter. Als schlössen sich Fäuste zum Hieb. Sozusagen: Papier schlägt Stein. Das wär's doch. Das muss es sein! Friedrich Wolf sah das, was ein Dichter schreibt, in der Pflicht zur Schlacht. »Eisenhart« sei das Material der Zeit, also müsse man es schmieden. »Kunst ist Waffe!« Also: heute scharf und morgen Schrott. Munitionsschicksal. Daher alle Kraft ins Heute! Jede Ewigkeit ist wertlos, es muss immer jetzt gekämpft werden.

Dieser Dramatiker hatte sich aus andrängender Erfahrung heraus von bürgerlicher Intellektualität verabschiedet, von Skrupel und Selbstzweifel - er hatte zugreifenden Spürsinn für politische, soziale Forderungen der Zeit, er besaß Nerv und Neugier für die Recherche, und weit stärker als der Aufbau von gehobenen Seelenwelten bewegte ihn jene furchtbare Weltlage, die Millionen Seelen mit Krieg und Ausbeutung zerrieb, zerstörte.

Die Dramen von Friedrich Wolf waren Stoff von der Straße, und sie wollten dies sehr bewusst auch sein. Wolf lehnte es ab, als Unbeteiligter davonkommen zu wollen. Im Deutschland der Krise. Im erbitterten Streit zwischen Links und Rechts, und in der Mitte die verzweifelt rudernde Demokratie. Er reihte sich ein, wurde Soldat einer tapferen Geistesarmee, die der wachsenden Ungerechtigkeit ihren kommunistischen Traum entgegensetzte. Agitatorisch. Schmetternd. Mit Tonlagen ganz bei den Geringen, die Beihilfe zur Würde benötigten, den Übermüdeten, die Ermutigung brauchten, den Kämpfenden, die Befeuerung wollten. Kritiker Herbert Ihering schrieb: »Früher dichtete Friedrich Wolf. Aber er ist kein Dichter. Früher symbolisierte Friedrich Wolf. Aber er ist kein Bildner.«

Jedoch höchst seismografisch war er veranlagt, ein Vorfahr der Dramaturgie eines Rolf Hochhuth; ein Piscator-Autor, ein desillusionierter Radikalist, der sich nicht genügen mochte in unbeteiligtem, kühl räsonierendem Abseits. Man kann ja zum Beobachter werden aus Langeweile oder aus vitaler Neugier, aus blasiertem Dandyismus oder einem soliden Arbeitsethos - Wolf wurde Beobachter aus genauem Blick in die Hinterhöfe, die Kellerhöhlen, die Unterstände. Und wollte eingreifen. »Cyankali«, »Professor Mamlock« (seine erfolgreichsten Stücke), »Tai Yang erwacht«, »Die Matrosen von Cattaro«, »Beaumarchais« - gegen Wedekinds theatralische Sendung »Hereinspaziert!« hier das proletarisch-revolutionäre »Dreingehauen!« Wolf empfand und schrieb im Geiste eines Ernst Toller: Durch Nacht und Grauen und Gegenwehr zur menschlichen Gesellschaft!

Er war Rheinländer, aber auch Preuße. Sohn jüdischer Eltern, ein Sonntagskind, geboren am 23. Dezember 1888 in Neuwied. Als Kind warf er mit einer Gabel nach dem haustyrannischen Vater. »Nie wieder hat er Hand an mich gelegt.« Wolf wird Arzt, mit Freude und Strenge beim Nudisten- und Naturheilkunden-Kult. Rilkes Ruf im umstürzlerischen Dienst: »Du musst dein Leben ändern!« Wolf empfiehlt dem Menschen die Wurzelbürste. Körperlich wie geistig. Als Truppenmediziner war er an der Ost- wie Westfront des Ersten Weltkrieges, »bis 1917 ein wilder Hurrakrieger, habe dann unter schweren Krisen mein Damaskus erlebt und alle Folgerungen daraus gezogen«.

Er schuf ein Werk, das von jenem Leben, das ihn weit brachte, aber auch tief wundete, nicht zu trennen ist. Ein Geweihter und Geworfener, aber: »Ich bin ein sträflicher Optimist.« Wolf war mit Beginn der Hitlerzeit durch Europa getrieben worden, er überstand Internierungslager und vor allem die Sowjetunion. Zwar schrieb auch er zu Stalins Tod einen parteikonformen Nachruf, aber aus seinen sowjetischen Exiljahren ist keine einzige jener Verständnisbekundungen zur mörderischen Säuberungspolitik bekannt, wie sie anderen Künstlern und Intellektuellen zugeschrieben werden müssen.

Ende 1937 geht Wolf weg aus Moskau, nach Frankreich: »Ich warte nicht, bis man mich hier verhaftet.« Unter den deutschen Exilanten, unter zahlreichen Zöglingen einer grauen, parteibefohlenen Disziplinierung, blieb er der Weltbürger, und der Erfolg seiner Stücke in der Sowjetunion stachelte Neider, Missgünstler, Verleumder an. Aus einer Sitzung der deutschen Schriftstellersektion 1937 ist eine Äußerung Willi Bredels überliefert, »Genosse Becher habe ihm hinterher gesagt, Wolf solle geschlachtet werden.«

Eine deutsche Biografie im Rissfeld des Jahrhunderts. Was ihn niederschlug, konnte die Energiezufuhr aus dem Glaubensreservoir doch nicht drosseln - er trug seine Narben tief innen. Besaß die Fähigkeit, sich stets in Neues zu stürzen; Adorno nannte das die »erpresste Versöhnung« zwischen Ideal und Wirklichkeit, die zu einer geistigen, zunehmend brüchig werdenden Säule der DDR wurde.

Wolf blieb ein Lebensbegehrender, der die Schweren der Zeiten nicht zu denken, nicht zu dulden, nicht zu fühlen, nicht zu bestehen vermochte ohne die Lust an der Lust. Zwei Ehen, aber weit mehr Frauen. Die Söhne Konrad und Markus Wolf wurden zwei Berühmte einer weit verzweigten Familie.

Hoffnung verstand er als Praxis. Aus seinem Traum von Deutschland wurde Tätigkeit für die DDR, so etwa als Botschafter in Polen. Wolf hat großes Unglück erlebt und sich doch immer wieder ohne Wanken und Weichen ins weltverändernde Glück hineingedacht und dafür gearbeitet. Aber auch Unerschütterlichkeit kann zehren wie eine Krankheit, denn Unerschütterlichkeit ist immer nur die halbe Wahrheit eines Menschen. Friedrich Wolf starb 1953. Der Herzinfarkt traf ihn im Arbeitszimmer, in Lehnitz bei Berlin.

»Der Weg zum Nebenmenschen ist für mich sehr lang.« Einer der traurigsten Sätze von Franz Kafka. Friedrich Wolf schrieb leidenschaftlich für kurze, widerstandsarme Wege zum Menschen. Auf diesen Wegen muss Kampf, Schutz, vor allem aber: Liebe stattfinden. In den Gestalten des Kinderbuchautors Friedrich Wolf durfte die Liebe auf eine Weise siegen, die ihn unvergesslich hält. Möge eine für alle stehen: die Weihnachtsgans Auguste.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln