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Die Menschheit - ein Wahnsinn

Reinhard Jirgl bleibt seinem Irritationsprogramm treu

  • Von Andrea Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es ist immer dasselbe mit Reinhard Jirgl: Er verstört, irritiert, ja erschüttert seine Leser. Und das ist gut so, weil es ein untrügliches Zeichen für Literatur ist, wenn wir genau das darunter verstehen: nämlich inwiefern es Autoren gelingt, gewohnte und gewöhnliche, eingeregelte Denk- und Vorstellungsweisen gründlich durcheinanderzuschütteln.

Reinhard Jirgl vermag dieses Irritationsprogramm von Buch zu Buch zu realisieren. Angefangen beim (im letzten Jahr erst wieder herausgekommenen) Erstling »Mutter Vater Roman« (2012) über »Abschied von den Feinden« (1995) und »Hundsnächte« (1997), zwei Romanen, die sich mit dem Ende der DDR beschäftigen und die Übergangszeit thematisieren, sowie zuletzt »Abtrünnig. Roman aus der nervösen Zeit« (2005) oder »Die Stille« (2009), in denen der Autor sich zum einen am Genre des Großstadtromans, zum anderen des historischen Familienromans versucht, zieht sich eine Spur bis zum letzten Roman Jirgls.

Von Mimesis zu sprechen, verbietet sich von selbst, wiewohl Referenzen immer wieder aufscheinen: im neuen Text, den man gattungspoetologisch (nur was heißt das schon?) als utopischen, besser noch: distopischen Roman bezeichnen kann. Weniger im Sinne Aldous Huxleys oder William Goldings, denn vielmehr als Verbeugung vor Alfred Döblins negativer Utopie »Berge Meere und Giganten«.

Der Roman wagt den Tigersprung ins 25. Jahrhundert, um von dort wieder ins 23. Jahrhundert zurückzukehren, und er deutet Zeitverhältnisse an, in denen die Menschen längst die ausgepowerte Erde verlassen haben, um auf Mond und Mars eine neue Zivilisation zu begründen. Zurück bleiben die Erniedrigten und Beleidigten, die hier ihr Ende abwarten. Dann aber werden auch auf dem Mars die Lebensverhältnisse zusehends riskanter, und die Menschen sind gezwungen, erneut auf die Erde zurückzukehren und somit den Prozess der Wiederaneignung und Rückeroberung zu starten.

So viel, so wenig. Die Handlungsfäden sind bestenfalls andeutbar; tatsächlich hat Jirgl ein irrwitziges Panorama geschaffen, in dem die gesamte bisherige Entwicklungsgeschichte der Menschheit, der Prozess der Zivilisation samt aller technisch-technologischen Erneuerungen aufscheint.

Da stellt der Schriftsteller einmal mehr seine Kenntnisse und Belesenheit auf naturwissenschaftlichen ebenso wie kultur- und geistesgeschichtlichen Feldern unter Beweis. Etwas, das allerdings Fortschritt zu nennen, sich geradezu verbietet, weil - à la Benn - die Krone der Schöpfung das Schwein der Mensch ist. Und dem ist schließlich nichts fremd, nein: Pervers genug, schreckt er doch selbst vom Verzehr der eigenen Gattung nicht zurück.

Man lese etwa nur die bestürzenden Seiten, auf denen ein einjähriges Kind auf dem Gourmet-Altar geopfert und sein Gehirn genussvoll verspeist wird: »Noch aber lebte das Kind, denn als Der Präsident mit Pinzette & Löffel wie sondierend tief ins zum Verspeisen offen bereitliegende Gehirn drang, bewegte sich um 1 Spur der kleine Kopf=in-der-Halterung, während aus den rasch erlöschenden Äuglein noch einige Tränen flossen.« Ein einziger Wahnsinn, diese Menschheit, möchte man als Leser schier aufschreien …

Jirgls Roman ist zweifellos ein »furioses Phantasiewerk«, wie sich Ralph Grüneberger in seiner Besprechung im »nd« ausgedrückt hat, aber er ist darüber hinaus auch noch ein abgrundtief pessimistisches Buch.

Oder, mit Jirgls eigener paradoxer Formulierung aus dem Essay »Die wilde und die gezähmte Schrift« von 2003: »Ich suche (…) mit meiner Sprache und meiner Text-Machart nach Ausdrucksmöglichkeiten, das in den sozialen und mentalen Wirklichkeiten bestehende Unrecht zu benennen, zuzuspitzen, um es zu verneinen! (…) Nur in der Schonungslosigkeit und der Ungerechtigkeit gegen das Unrecht sehe ich eine (literarische) Möglichkeit, dem vom alltäglichen Terror Terrorisierten ein Recht, wenn man so will, dann ein Positives zu geben.«

Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden. Roman. C. Hanser Verlag. 512 S., geb., 27,90 €.

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