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Hafenblockade gegen Raketen

Vor 30 Jahren fand die Friedensbewegung zu einem konfliktreichen, aber breiten Bündnis

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In Bremerhaven kulminierte im Jahr 1983 der Protest der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen in einer Hafenblockade. Organisierungsgrad, aber auch die Konkurrenzbeziehung der Akteure sind lehrreicher Gegenstand eines aktuellen Sachbuches.

In den frühen 1980er Jahren protestierten Millionen Menschen gegen die Stationierung von atomaren Raketen und Marschflugkörpern in der Bundesrepublik. Zu den vielfältigen Aktionen, die bis heute ihren Platz in der Geschichtsschreibung der westdeutschen Friedensbewegung haben, gehören die drei großen Demonstrationen mit jeweils bis zu einer halben Million Teilnehmer(inne)n 1981, 1982 und 1983 in Bonn; Sitzblockaden von tausenden Raketengegnern vor geplanten Stationierungsorten wie die in Mutlangen im September 1983, in deren Verlauf rund 3000 Demonstranten festgenommen wurden; und die mehrere hunderttausend Köpfe zählende Menschenkette auf der einhundert Kilometer langen Strecke von Ulm nach Stuttgart. In eher blasser Erinnerung blieb eine Großaktion im Norden: die fast dreitägige Hafenblockade Mitte Oktober 1983 in Bremerhaven. Der Kulturwissenschaftler Burkhard Hergesell hat diese Aktion anlässlich ihres 30. Jahrestages in einem Buch nachgezeichnet.

Seiner Untersuchung vorangestellt hat Hergesell einen Satz aus der »International Herald Tribune«, mit dem diese die Hafenblockade am Tag nach ihrem Ende kommentierte: Es habe sich um »das Ehrgeizigste und Bestorganisierte« gehandelt, »was es bisher von irgendeiner oppositionellen Gruppe in Europa überhaupt gegeben hat«. Diese geradezu respektvolle Bewertung war in der Sache doch übertrieben, sicher aber davon beeinflusst, dass der Ort des Protestes für die US Army eine immense Bedeutung hatte: Bremerhaven war damals der wichtigste Nachschubhafen für die US-Streitkräfte in Europa, Brückenkopf und zentrale Drehscheibe des Military Sealift Command, über den die USA nahezu alle militärischen Seetransporte nach Europa sowie auch einen Großteil jener in den Nahen Osten abwickelten. Geschätzte vierzig Prozent des gesamten Güterumschlags in der Seestadt waren militärischer Natur. Als einziger Standort außerhalb der USA beherbergte Bremerhaven zudem alle vier militärischen Truppenverbände: Army (Heer), Navy (Marine), Air Force (Luftwaffe) und die Spezialeinheit Marines (Marine-Infantrietruppen). Soweit nicht der Luftweg benutzt wurde, sollten über Bremerhaven und den auf der gegenüberliegenden Weserseite befindlichen Midgard-Hafen von Nordenham auch die atomaren Mittelstreckenraketen Pershing II und Cruise Missiles angelandet werden.

Es hätte heutiger Wissensauffrischung gut getan, wenn Hergesell diesen Hintergrund in seinem Buch nicht nur ausgesprochen spärlich ausgeleuchtet hätte. Der Autor konzentriert sich auf den Ablauf der Protestaktionen und der Polizeitaktik vom 13. bis 15. Oktober 1983 - dies sehr detailliert - und die bewegungsinternen Kontroversen. Letztere ergaben sich vor allem daraus, dass die autonomen und militanteren Teile der Friedensbewegung in Norddeutschland einen stärkeren Einfluss als anderswo hatten. Die Hafenblockade galt ihnen explizit auch als Kräftemessen mit jenen, die politisch eher Grünen, SPD, DKP oder christlichen Verbänden nahestanden; sie kritisierten diese als legalistisch und »zu zahm«. Das autonome Anliegen war ausdrücklich, die Raketenstationierung mit offensiveren Widerstandsformen effektiv zu stören.

Gelungen ist dies letztlich auch an diesem Mobilisierungsort nicht, der Bundestag beschloss am 22. November 1983 bekanntlich den Vollzug der Raketenstationierung, und die Friedensbewegung ebbte ab, als ihr Ziel einer Verhinderung nicht mehr erreichbar war. Die Bremerhavener Blockade mit bis zu 30 000 Teilnehmer(inne)n bei der Abschlussdemonstration war indes ein lehrreiches Beispiel eines breiten, wenngleich konfliktreichen Bündnisses der Friedensbewegung: Die Carl-Schurz-Kaserne der US Army konnte zeitweise kooperativ umzingelt, die Hafenwirtschaft drei Tage lang massiv behindert werden. Zur Blockade der Hafenzufahrten trug die Polizei mit rund 6000 Beamten, einem Einsatz von Knüppeln und Wasserwerfern und engmaschigen Absperrungen das Übliche bei. Unter diesem Aspekt eines quasi engels›schen Taktikstudiums lohnt eine Lektüre des Buches von Burkhard Hergesell.

Nicht unerheblich für die akribische Recherche des Autors war, dass er auch das Polizeiarchiv einsehen und mit Zeitzeugen der »Gegenseite« sprechen konnte. Der damalige örtliche Polizeipräsident Eckhard Naumann räumte Hergesell gegenüber ein, dass bei der teils brachialen Polizeitaktik auch »alte Kommissköppe« mit am Werk und vor allem Hamburger Polizeitrupps auf Provokation der Demonstranten aus waren.

Burkhard Hergesell, »Petting statt Pershing!« - Die Hafenblockade der Friedensbewegung in Bremerhaven 1983, Verlag H. M. Hauschild, Bremen 2012; 160 S., geb., 12,90 €

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