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Keine Ruhestätte für SS-Mann Priebke

Tritte und Faustschläge gegen den Leichenwagen im italienischen Albano / Heftige Auseinandersetzungen mit Neonazis

  • Von Wolf H. Wagner, Florenz
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei einer geplanten Trauerfeier für den toten SS-Offizier Erich Priebke kam es zu Zusammenstößen zwischen Neonazis und der Polizei. Noch immer ist unklar, wo Priebke bestattet werden soll.

Noch immer gibt es keine Entscheidung, wo die sterblichen Überreste des SS-Mitgliedes Erich Priebke beerdigt werden sollen. Der Sarg mit Priebkes Leichnam ist inzwischen auf dem Militärflughafen Pratica di Mare nahe Rom zwischengelagert. Die römische Präfektur verhandelt mit deutschen Stellen über eine Überführung, denn in Italien will niemand Priebke beerdigen. Doch auch das deutsche Außenamt lehnt die Übernahme Priebkes ab.

Die etwa 40 000 Einwohner beherbergende Stadt am Albano-See - unweit von der Sommerresidenz des Papstes Castel Gandolfo gelegen - sah eine unruhige Nacht. In Albano unterhält die Piusbruderschaft einen Ordenssitz. Die Priester hatten sich am Dienstag bereit erklärt, einen Trauergottesdienst für Priebke abzuhalten. Der frühere SS-Hauptsturmführer war am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen, bei dem am 24. März 1944 335 Geiseln erschossen wurden, beteiligt und verbüßte dafür eine lebenslange Haftstrafe im Hausarrest.

Am vergangenen Freitag war Priebke im Alter von 100 Jahren gestorben. Bis zum Schluss bereute Priebke seine Taten nicht und leugnete auch den Mord an Millionen Juden in deutschen Vernichtungslagern. In der Piusbruderschaft fand Priebke ideologische Nähe, weshalb die offiziell aus der katholischen Kirche ausgeschlossenen Priester sich für die Zeremonie bereit fanden.

Sowohl Bürgermeister Nicola Marini als auch viele Bürger Albanos protestierten gegen den Trauerakt und attackierten den zur Bruderschaft fahrenden Leichenwagen mit Tritten und Faustschlägen. Die Polizei musste den Transport sichern.

In der Nacht versammelten sich etliche italienische Neofaschisten, um auf ihre Art den SS-Mörder zu ehren. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dieser Gruppe und protestierenden Antifaschisten. Der Präfekt von Rom - zu dessen Einzugsgebiet Albano gehört - untersagte die Veranstaltung in der Piusbruderschaft. Präfekt Giuseppe Pecoraro erklärte hierzu, man wolle »keinen Wallfahrtsort für Neonazis schaffen«.

Der Sprecher des deutschen Außenministeriums Martin Schäfer erklärte, Deutschland wolle die Bestattung Priebkes nicht vornehmen. »Es ist eine italienische Angelegenheit«, so der Außenamtssprecher. »Der Staat, in dem ein Mensch stirbt, ist auch für seine Bestattung zuständig.« Auch die Heimatgemeinde Hennigsdorf in Brandenburg lehnt eine Bestattung ab.

Priebkes Anwalt Paolo Giacchini indes trägt den Wunsch der Familie vor, der Tote möge in ihrem Kreise und in einer religiösen Zeremonie bestattet werden. »Im Tod sind alle gleich, ob Verbrecher oder unbescholtener Mensch«, wird der Anwalt zitiert. Doch auch Argentinien, wo die Familie Priebkes in Bariloche lebt, will nicht die sterblichen Überreste des »Henkers der Ardeatinischen Höhlen« entgegennehmen.

Die Situation sei vorhersehbar gewesen, erklärte der Vorsitzende der Linkspartei Sel, Nichi Vendola. Priebke habe im Juli seinen 100. Geburtstag begangen und sei angegriffener Gesundheit gewesen, die Behörden hätten sich also auf ein Ableben vorbereiten können.

Ähnlich äußerte sich auch Gad Lerner. Der für »L’Espresso« tätige jüdische Journalist erklärte, man hätte »den ganzen Trubel und die jetzige Aufregung vermeiden« können, wenn man Priebke sofort in der Nacht seines Ablebens eingeäschert und beerdigt hätte. Die jetzigen Auseinandersetzungen seien eine Folge einer »schwachen Administration«.

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