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Aristokratischer Antisemitismus

Jutta Ditfurth begab sich auf die Spuren ihrer Familie: Der Baron, die Juden und die Nazis

Der deutsche Adel schmückt sich gern mit den »Verschwörern des 20. Juli« und will der Öffentlichkeit weismachen, er hätte nichts mit den Nazis zu tun gehabt, deren »pöbelhaftes« Verhalten habe ihn angeblich abgestoßen. Ungern wird er daran erinnert, dass er maßgeblich an der Entstehung der faschistischen Bewegung und an der Etablierung der Nazidiktatur beteiligt war. Jutta Ditfurth erinnert daran. Sie stammt aus adligem Hause, hat Akten und Briefe ihrer Verwandten studiert und eine für den deutschen Adel exemplarische Biografie verfasst.

Im Mittelpunkt steht der Urgroßonkel Freiherr Börries von Münchhausen, dessen Lebensweg die Autorin von der Wiege bis zur Bahre nachzeichnet. Dabei werden auch standesgeschichtliche Prägungen enthüllt. So ist von der Großmutter des Freiherrn ein Kindheitserlebnis in einem Kurbad Mitte des 19. Jahrhunderts überliefert: »Eines Tages wollten schwarzhaarige Kinder mit uns spielen, wir hielten sie für Juden und erklärten ihnen: Mit euch spielen wir nicht, denn ihr habt den Herrn Christus gekreuzigt.« Und 1872 notierte die Ahnherrin in ihrem Tagebuch: »Es war ein Jude dem Badestrande auf Norderney gefährlich nahe gekommen, da fielen die hünenhaften riesigen Badefrauen über ihn her und bearbeiteten ihn unbarmherzig mit ihren Fäusten.«

Freiherr Börries von Münchhausen war in jungen Jahren der künstlerischen Moderne zugetan, die sich zu einem Großteil kreativen Menschen jüdischer Herkunft verdankte. Er war beeindruckt von Berlins Kulturszene und spielte mit dem Gedanken, seinen Adel abzulegen und Bürger zu werden. Sein engster Jugendfreund war der Lyriker Ephraim Moses Liien, »ein sehr frommer Jude, wenn auch, wie bei seiner Rasse fast immer, ein gut Stück überlegener Spott gegen seinen Glauben gelegentlich mit unterlief«, wie Börris schrieb. Dennoch wurde auch aus diesem Münchhausen ein strammer Nazi und glühender Antisemit. Er entschied sich, nicht auf Schloss Windischleuba zu verzichten und all den schönen Grundbesitz (das 1945 Bodenreformland wurde). Zugleich fühlte er sich als begnadeter Dichter. Jutta Ditfurth bietet Kostproben aus dessen grässlich-kitschigen Ergüssen: »Geschlechter kommen, Geschlechter gehen, hirschlederne Reithosen bleiben bestehen.« Oder: »Aller Dinge mächtigstes: Krieg. Aller Güter mächtigstes: Sieg!«. Er ließ sich als »Literat« feiern, hielt viele Lesungen ab, vor allem in Adelshäusern.

Die Autorin enthüllt Münchhausens zunehmend antisemitischer werdenden Konservatismus. »Rassereinheit« wurde für ihn zum zentralen Anliegen. Sein Grundsatzartikel »Adel und Rasse« erschien 1924 im »Deutschen Adelsblatt: «Die Frage der Reinrassigkeit des Adels ist als die allerwichtigste Frage unseres ganzen Volkes anzusehen.» Aufschlussreich auch: Die Deutsche Adelsgenossenschaft (DAG) hat bereits 1920, als Hitler noch ein kleiner, von Freikorpsleuten gemieteter Redner in Biergärten war, eine Statutenänderung vollzogen: «Wer unter seinen Vorfahren im Mannesstamme einen nach dem Jahre 1800 geborenen Nichtarier hat oder zu mehr als einem Viertel anderer als arischer Rasse entstammt, oder mit jemandem verheiratet ist, bei dem das zutrifft, kann nicht Mitglied der DAG werden.» Anderthalb Jahrzehnte vor den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis war hier die Wahnvorstellung einer «irreversiblen Schädigung nordischen Blutes» durch die Juden fixiert.

Es ist bekannt, dass nicht nur das Großkapital, sondern auch der Adel Hitler und dessen Partei von Anbeginn an förderte, finanziell und geistig und als Steigbügelhalter (Stichwort: «Kabinett der Barone» unter Franz von Papen 1932). Ab 1925 war Börris von Münchhausen bei der Zeitschrift «Volk und Rasse» tätig und somit aktiv beteiligt an der gesellschaftlichen Durchsetzung des faschistischen Welt- und Menschenbildes. Aus Dank wurde er vier Monate nach dem Machtantritt der Nazis, im Mai 1933, in die von jüdischen Mitgliedern «gesäuberte» Deutsche Akademie der Dichtung berufen. Im Oktober des Jahres gehörte er zu den 88 Unterzeichnern eines Schriftstellergelöbnisses «treuester Gefolgschaft» für Hitler. Dieser ließ im August 1944 Münchhausen auf die «Gottbegnadeten-Liste» deutscher Schriftsteller setzen. Börries von Münchhausen beging im März 1945 Selbstmord, vermutlich angesichts der Kriegsniederlage Deutschlands.

Jutta Ditfurth stellt die These auf, dass es ohne den deutschen Adel nicht zu solch breiter gesellschaftlichen Akzeptanz der faschistischen Ideologie . Fazit der Autorin nach ihrer Spurensuche: «Nur einen einzigen Verwandten fand ich, der Juden und Sozialdemokraten nicht verabscheut hatte.»

Dieses Buch ist hochaktuell. Es zeigt, dass in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche gefährliche Ideologien, vor allem ungleichwertige Menschenbilder, Anklang finden. Zum Schluss spannt Jutta Ditfurth den Bogen von Münchhausen zu den Neonazis in Sachsen und Thüringen.

Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Reise in eine Familiengeschichte. Hoffmann und Campe. 395 S., geb., 21,99 €.

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