Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Grandhotel für alle

Augsburg hat eine besondere Herberge: Künstler, Flüchtlinge, Touristen unter einem Dach

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 6 Min.
Deutschlandweit ist das Projekt wohl einzigartig: die Augsburger Verbindung aus Kulturzentrum und Asylbewerberheim in einem ehemaligen Diakonie-Altersheim. Ein Bericht aus Bayern.

Irgendwo in einem der vielen Räume des »Grandhotels« steht das Medienmöbel der 1960er Jahre herum: Eine Musiktruhe kombiniert mit einem Schwarz-Weiß-Fernseher. Der brachte damals die weite Welt in das sechsstöckige Altenheim am Springergässchen 5 mitten in der Innenstadt von Augsburg. Heute ist dort die weite Welt selbst zugegen - durch internationale Gäste. Der 27-jährige Hasibulla etwa kam mit Frau und Baby aus Afghanistan. Oder die Familie Janevski, die aus Mazedonien stammt. Und da ist noch im Erdgeschoss der Künstler Martin Beckers, der kleine Kreisel für die Kinder bastelt. Und all die anderen, die hier sägen, bauen, kochen, wohnen und leben - im »Grandhotel«, einem alternativen Projekt, das eine Flüchtlingsunterkunft, Künstlerateliers und ein Hotel umfasst. Seit dem 3. Oktober kann man dort Zimmer buchen.

»Der Dampfer hat abgelegt«, sagt Künstler Beckers und er meint damit, dass das Wohnprojekt nach zwei Jahren Anlaufzeit nun einen Status erreicht hat, in dem viele Hürden bereits genommen wurden - etwa die Abnahme durch die Feuerpolizei. Nun heißt es für die Initiatoren, weitere Ziele anzusteuern, etwa die Aufnahme des Hotelbetriebes.

Dabei geht es um die Vermietung von Hotelzimmern wie das im vierten Stock: Öffnet man die Türe, wird man von einem fast gänzlich in Rot gehaltenen Raum überrascht, im Stile einer Designerunterkunft und doch mit alten Möbeln gestaltet. Das Zimmer einen Stockwerk höher wiederum erinnert noch ein bisschen an die ursprüngliche Funktion des Gebäudes als Alten- und Pflegeheim. Puristisch steht ein metallenes Bettgestell mit Matratze an der Wand, das künstlerische ist in Form eines Kleiderbügel-Mobiles vertreten. Dafür geht der Blick aus dem Fenster über die Altstadt hinüber zum Augsburger Dom.

Gedacht sind diese Räume für die »Hotelgäste ohne Asyl«, wie es im Konzept des »Grandhotel« heißt. Etwa für Rucksacktouristen, damit könne man Augsburg international bekannter machen. Oder für Künstler, denen man so eine günstige Bleibe anbieten könne. Oder für »Neuaugsburger auf der Suche nach einer Wohnung«, Studenten etwa. Zunächst sollen die Zimmer auf Spendenbasis vermietet werden, also jeder gibt, was er kann und will.

Neben den Hotelgästen ohne Asyl wohnt noch eine zweite Gruppe im »Grandhotel«: die Kreativen. Zu ihnen gehört Martin Beckers, der sein Geld mit dem Bau von Architekturmodellen verdient. »Artist in Residenz« bezeichnet er sich, wenn er in seinem Atelier im Erdgeschoss »spielerische Architekturmodelle« entwirft und den Kindern das Schnitzen beibringt. Oder wie man mit einem Plastikflaschenverschluss und einem Schaschlik-Stäbchen aus Holz einen kleinen Kreisel bastelt. Er kommt jeden Tag ins Hotel und kann sich vorstellen, hier eines Tages mit den anderen Kollegen ein gemeinsames Atelier zu schaffen.

Und es gibt eine dritte Gruppe im Gebäude am Springergässchen: die »Hotelgäste mit Asyl«, wie es im Konzept der Initiatoren heißt. Noch sind diese Gäste allerdings auf der Suche nach Asyl, das heißt, ihr Antrag ist bei der Regierung von Schwaben in Bearbeitung. Zum Beispiel jener des Ehepaars Janevski, das mit den beiden Töchtern, der siebenjährigen Marie und der dreijährigen Leona, im ersten Stock des »Grandhotels« untergebracht ist. Insgesamt leben rund 60 Flüchtlinge auf drei Etagen, darunter viele Familien aus Tschetschenien und Syrien. Gekocht wird in Etagenküchen, Bad und WC sind auf dem Flur.

Begonnen hat das Projekt durch die Initiative einer Gruppe von engagierten Leuten, der für die Nutzung des ehemaligen Altenheimes als Flüchtlingsheim eine »soziale Skulptur« vorschwebte. Das leer stehende Gebäude, das der Diakonie Augsburg gehört, sollte verschiedene Ansätze unter einen Hut bringen. Dazu gehört die Bereitstellung von mietfreien Wohn- und Arbeitsräumen für Augsburger Kulturschaffende und gleichzeitig die Schaffung von Unterkünften für Asylbewerber, die in das Projekt integriert würden. Der Name »Grandhotel« steht dabei ironisch für eine stilvolle mehrkulturelle Begegnungsstätten mit dem Flair und Glamour der »großen weiten Welt«.

Joachim ist einer von der engagierten Truppe, die seit zwei Jahren an diesem Projekt werkelt. Der 51-jährige Handwerker selbst ist seit einem halben Jahr dabei, verlegt Böden und macht den Innenausbau. »Das ist doch ein interessantes Projekt«, sagt er. Und deshalb hat er 25 Arbeitsstunden gespendet, ansonsten arbeitet er zu reduziertem Lohn.

Die Projektmitglieder sitzen an diesem Freitagvormittag an einem Tisch unter dem großen Baum vor dem Gebäude, Kinder hüpfen herum, man trinkt Kaffee und bespricht die Arbeit. Lauritz etwa kümmert sich gerade um die elektrischen Leitungen in der ehemaligen Zentralküche des Heimes. Dort soll zukünftig ein Restaurant seinen Platz haben, mit preiswerten Mittags- und Abendessen und bezahlbaren Getränken. Noch herrscht dort aber Umbau-Chaos und Lauritz prüft gerade einen Stromanschluss: »Gut, die Lampe brennt.« Eigentlich ist der 32-jährige Berliner von Beruf Arzt, aber er habe sich eine Auszeit genommen, sagt er.

Anders als die Küche ist das Café im ehemaligen Eingangsbereich schon fertig, mit Plüschsessel und Stehlampe. Mehrere Wanduhren zeigen internationale Tageszeiten an - die von Flüchtlingsorten wie Lampedusa. Die Fotos an den Wänden zeigen verlassene Grenzposten. Ein wenig erinnert das »Grandhotel« an das Flüchtlingshotel »Savoy« in Joseph Roths gleichnamigen Roman aus den 1920er Jahren.

Dass das Projekt soweit gedeihen konnte, hat damit zu tun, dass sich die Diakonie das Konzept der Projektgruppe zu eigen gemacht hat. Also die von der Regierung von Schwaben gewünschte Unterbringung von Asylbewerbern mit bürgerschaftlichem Engagement und kultureller Vielfalt zu verbinden. »Da scheint es uns verheißungsvoll, das Zusammenleben an Orten wie dem alten Paul-Gerhardt-Haus zu üben«, meint Pfarrer Fritz Graßmann als Vorstand der Diakonie. 340 000 Euro wurden bisher für die Umbauarbeiten zur Verfügung gestellt.

»Das hier ist ein gesellschaftliches Labor«, meint wiederum Sebastian Kochs, einer der Initiatoren des Projektes. Dem 46-Jährigen geht es um eine neue Form des Miteinanders, um neue Wege. Flüchtlingsunterkünfte werde es auch in Zukunft geben, warum also nicht in der Form des »Grandhotels«, eingebunden in Kunst, Kommunikation und gemeinsamen Wohnen.

Freilich, das Projekt basiert auf ehrenamtlicher Tätigkeit, etliche Teilnehmer sind dafür quasi aus ihrem »bürgerlichen« Leben ausgestiegen, Kochs selbst war zuvor Mitarbeiter des Stadtjugendrings. »Ich bin selbst überrascht, dass wir das zwei Jahre lang durchgehalten haben«, sagt er.

Nicht unproblematisch ist dabei die doppelte Struktur, die sich - jedenfalls gefühlsmäßig - herausgebildet hat: Für die Flüchtlinge und ihre Unterkunft fühlen sich sowohl die Projektgruppe als natürlich auch die Bezirksregierung von Schwaben verantwortlich. Nun geht es auch darum, diese Kooperation in eine Form zu gießen.

Der Anfang ist gemacht, die Augsburger Projektgruppe hat sich als gemeinnütziger Verein gegründet - Spenden sind absetzbar und willkommen - , mit der Diakonie wird ein Mietvertrag abgeschlossen. Und mit der Eröffnung des Hotels und des Restaurants soll das »Grandhotel« dann schließlich auch eine finanzielle Basis für die ehrenamtlichen Aktivisten vom Springergässchen bieten.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln