Don Schneemann

Luc Bondy inszenierte am Berliner Ensemble Horvàth: »Don Juan kommt aus dem Krieg«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein Mensch definiert sich nicht über das, was er nicht ist. Und doch reizt, um den Regisseur Luc Bondy zu bejahen, einmal mehr die Negation: In dieser Inszenierung ist er kein Aufklärer über das Rattenherz des Kriegsmenschen, kein Zertrümmerer der gelogenen Melancholien, kein Klartextler der Emanzipation, kein Wilder gegen die Weltverschlechterer, kein Wütiger gegen die Wutlosen, kein Robuster gegen die Aufweichenden. Sondern?

Jeder Mensch lebt auf das Alter hin, das ihm gemäß ist. Fontane meinte, immer schon fünfundsechzig gewesen zu sein, was ihm Jugend und Jungmännerzeit zu ungeliebten Durchgangsstadien erklärte - auch Bondy ist an diesem Abend mehr denn je von einer Milde, die wohl schon Ziel seiner Jugend war.

»Don Juan kommt aus dem Krieg« von Ödön von Horváth am Berliner Ensemble, Bühne: Karl-Ernst Herrmann. Der Kriegsheimkehrer 1918 auf Suchwegen nach der (gestorbenen) Geliebten. Einer Frau. Auch einem Ideal? Don Juan bleibt Don Juan. Ein Gelegenheitsfresser von Frau zu Frau. Ein Momente-Nutznießer. Ein Verbraucher. Noch die kompliziertesten Dinge haben eine einfache Logik: Der Krieg bringt keinen wirklich zur Besinnung, so, wie der Frieden keinen Menschen besser macht, als seine Natur ihm erlaubt. Man muss die Feste feiern, wie die Krisen fallen. Wo an neuen Ufern gebaut wird, wird immer auch an einer neuen »Titanic« gebaut. Mit Bordkapelle! 1918. 2013.

So direkt sagen’s Viele. Luc Bondy, um Gottes willen!, nie. Die Bühne ist Aufmarschgebiet für eine Leibergemeinde. Oder eher Aufschleichgebiet für eine Lemuren-Weiber-Gemeinschaft. Vorn ist ein geschwungener Keil ins Bühnenbild geschnitten, da sitzen sie wie in einem Orchestergraben, kommen von noch weiter unten, dem Bühnenunterboden, sitzen wie in einem Café - um dann für ihre Auftritte die Bühne selbst zu betreten. Wo es fast durchweg nebelt und Neonlichtstreifen als beinah zarte moderne Einbrüche ins Sagenhafte aufleuchten. Wo sich schräge Wände expressionistisch scharf aus den Seiten schieben und Zimmer bilden. Zimmerfluchten gleichsam, denn immer ist eine Szene auf der leisen, fließenden Flucht vor der nächsten. Die Momente geben sich leicht, flirrend einem kommenden Moment hin - so, wie dieser Don Juan von Frau zu Frau schlappt und stolpert, als inspiziere ein Dispatcher die Einzelteile eines Materiallagers, unwissend, welche Montage wohl welchem Gesamtprodukt führe.

Elf Schauspielerinnen für über dreißig Kürzestrollen. Damen und Dirnen, Mädchen und Matronen, Lesben und Luder, Künstlerinnen und Krankenschwestern. Magd und Mutter. Tanzen Charleston, bilden Einkaufsschlangen, drehen Eisbahnrunden, maskieren sich zum Totentanz. Die aufgedreht irrlichternde, kokskieksende Ilse Ritter, die koloratursichere Katharina Susewind, die stimmscharfkantige Kathrin Angerer, die megärenschmetternde Swetlana Schönfeld, die fremdgesteuert-hölzerne, mechanisch phrasierende Revolutionärin der Larissa Fuchs. Lauter Menschen, die ihre eigene Angst in fremden Ängsten verstecken. Und die alle die Eine sein wollen, die Finzi sucht - immer am wenigsten in der, die er gerade beim Wickel hat oder vor der er abhaut, bevor sie ihn einwickelt.

Botho Strauß beschrieb den nunmehr 65-jährigen Bondy als einen »Sensibilisten« von der »Nacht- und Traumseite des amusischen Achtundsechzigertums«. Er kann Worte nicht so verkrüppeln, dass sie von den Schauspielern wie von Demonstranten getragen werden müssten. Er umpflügt Texte nicht, er umpflegt sie. Er ist wahrscheinlich der Vorsichtigste unter den Regisseuren seiner Generation. Er peitscht die menschlichen Verluste nicht auf die Bühne hinaus, er begleitet sie auf Spaziergängen durch eine Welt, in der Verluste gar nicht mehr bemerkt werden.

Was steckt in jedem beiläufigen Aufeinandertreffen, in jedem Aneinandervorbeigehen von Menschen? Wie geschieht Zeit in einer Beziehung, in einem Gespräch? Das kann Theater nicht beantworten, deshalb macht Bondy genau darüber Theater. Skizzen, Berührungen, Entfernungen, Atmosphäre möchte er finden für das höhere Nicht-Verstehen. Die Welt wird Bild - und ist dann wie: vom Kinde verweht.

Der fantastische Samuel Finzi als Don Juan: unterm Punktscheinwerfer, im Soldatenmantel oder Salon-Anzug, ein Schlurfschluri der launigsten Art. Ein Harald Juhnke der sympathischsten Verschlagenheit. Lauernder Spazier- und in hoffenden Frauenseelen ein schlieriger Wiedergänger. Springt aus der Loge, lümmelt in Betten, krümmt sich im Schmerz, der fast schon zu seiner Galanz gehört. Das Lächeln, das Staunwerk der Augen, der Tanz der Brauen, der kühle Charme des gewandten Parasiten - das macht dieser Schauspieler mit links. Insofern kommt der schwere Verdacht einer Unterforderung auf, was diesen Galan des gaunerischen Umtriebs freilich nicht weniger sehenswert macht. Aura ist Aura, und ihr ist eigen (und erlaubt!), manchmal nach nichts anderem zu fragen als nach sich selbst.

Am Schluss, unterm Schneefall, sitzt dieser Don Juan am Grab der Gesuchten, erstarrt sterbend, als folge er der strafenden Versteinerung seines literarischen Urbilds. Die Augen noch immer offen, aber sie sind wohl ins Innere gefallen, ins Leere, das Paradies, in dem endlich alles zur Ruhe kommt. Die Magd der Kathrin Angerer steckt ihm eine Möhre in den offenen Mund. Don Schneemann.

Grau-Töne als erhabenes Leuchten. Mutige Schön-Färberei mitten in der obligaten Blutbeutelwurf-Kultur. Es ist etwas Hingebungsvolles zu besichtigen, das kommt aus den Urgründen einer liebenden Natur, die zu ihrer Erfüllung nichts Fernes, Größeres benötigt. Theater als ein lichtdiffuser Seelenboden, auf den all das Gewichtige gesunken ist, das nun bei leichter Strömung Zentimeterchen über dem Sande treibt. Das gibt diesem knapp zweistündigen Abend etwas stolz Unberührtes, das die Langeweile streift, gibt ihm etwas märchenhaft Seliges, das Wünsche nach härterem Menschenblick weckt.

Dies bleibt das Bewegende am zeitgenössischen Bühnenbetrieb: Der schwebende Bondy macht Lust auf den stampfenden Lösch; Thalheimers schmerzkrasse Sezierkunst tut so sehr Not, damit Steins salbungsvolles Ganzkörpertext-Museum glänzen kann; und des chaotischen Castorfs eisig grinsender Zynismus lebe hoch, damit man sich wieder aufwärmen kann - bei Bondy.

Nächste Vorstellung: 24.10.

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