Sind so schöne Dünen

Im Kino: »Exit Marrakech« von Caroline Link

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Familiäre Konstellationen unter Belastungsdruck sind schon immer Caroline Links Thema gewesen, von der Eifersucht des gehörlosen Vaters auf die musikalische Begabung seiner hörenden Tochter in »Jenseits der Stille« über die Neuordnung einer Ehe im schwarzafrikanischen Exil im Oscar-Preisträgerfilm »Nirgendwo in Afrika« bis zu den kontrastierenden Rhythmen familiärer Trauerbewältigung im bayrischen Kammerspiel »Im Winter ein Jahr«.

»Exit Marrakech« führt diese Traditionslinie fort, nur sind die Querelen diesmal ungleich leichtgewichtiger, die Gefahr des Postkartenkinos noch deutlich präsenter als bisher. Da droht ein hübscher Oberstufenschüler in einem Internat für Gutbetuchte aus dem Ruder zu laufen, aber bald sind ja Ferien und der Schüler der Verantwortung der Schule enthoben. Bevor er ihn entlässt, gibt der Schulleiter (Josef Bierbichler in einem Kurzauftritt als kumpelhafter Vaterersatz) dem jungen Ben (Samuel Schneider) aber noch die Aufgabe mit auf den Weg, er möge die Ferien doch bitte nutzen, mal so richtig was zu erleben. Und im September sei dann ein Bericht darüber fällig. Mein schönstes Ferienabenteuer also - und das liefert der Film dann auch pflichtschuldigst ab.

Denn Bens tatsächlicher Vater Heinrich (Ulrich Tukur) hat den unbekannten Sohn nach Marokko gebeten, wo er gerade »Emilia Galotti« aufführt. Eine Gelegenheit, den Sohn aus erster Ehe mit seiner neuen Familie bekannt zu machen. Und ihn vielleicht selbst erst einmal kennenzulernen. Denn Ben (arabisch: »Sohn«) ist eigentlich vor allem Mutterzögling. Während er den Vater stets vermisste, war dem seine Arbeit wichtiger, die Ehren, die Reisen, die Frauen, der Ruhm. Arriviert ist er nun, ein gefeierter Theatermann, der die Welt lieber in Büchern studiert als draußen auf der Straße und dem Sohn als Kritiker entgegentritt, wo der auf liebevolles Interesse für erste eigene schriftstellerische Gehversuche hofft.

Bevor sich diese beiden Männer allerdings annähern können, müssen noch ein paar Dummheiten begangen, Enttäuschungen verwunden, Eskapaden durchlebt und der eine oder andere Joint geraucht werden. Und viele Hühner in den landesüblichen zipfligen Tontöpfen landen. Das vom besorgten Schulleiter eingangs eingeführte Tolstoi-Zitat über die unglücklichen Familien, die alle ihr je eigenes Unglück mitbringen, greift als Motto des Films aber deutlich zu hoch - auch wenn der Junge ziemlich unausgegorenen, aber offen und emotionsbereit ist, während der goethe-institutionalisierte Kulturbringer von Vater in Marokko Klassiker auf Deutsch präsentiert, am Hotelpool sein Bierchen trinkt und das Land lieber (ganz altersgerecht) über die Lektüre von US-Expat Paul Bowles entdeckt als über einheimische Autoren oder gar mit den eigenen Sinnen.

Ben mag ein vom Vater vernachlässigtes Scheidungskind sein, ein verwöhnter Bengel mit fürsorglicher, wenn auch vielfliegender Mutter ist er allemal. Mit der möglichen Gefährdung eines (noch dazu zuckerkranken) jungen Naiven inmitten einer ihm fremden Kultur kokettiert der Film eher als dass er sie ernst nähme. Die einzige echte Gefahr, in die Vater und Sohn je geraten, ist selbstgemacht - ein Unfall mit dem Mietwagen. Auch die wiederholten Verweise auf Bernardo Bertoluccis Marokko-Melodram »Himmel über der Wüste« (nach einer Vorlage von - Paul Bowles) führen in die Irre: Nicht an Melodramen ist Link interessiert, sondern an formschönem Gefühlskino mit versöhnlichem Ausgang. Dass die ARD-Tochter Degeto mitproduzierte, hängt von den Vorspanntiteln an als Damokles-Schwert über dem Film.

Richtig ärgerlich innerhalb dieser Geschichte vom Sommerurlaub mit Selbstfindung vor Wüste, Dünen und großen Panoramen ist aber vor allem die Rücksichtslosigkeit, mit der der Film, sprich: Link, eine »Hure mit Herz« einführt und nach am erfahrungshungrigen Ben geleisteten Diensten prompt wieder fallen lässt. Man könnte das realistisch nennen, denn was sollte der siebzehnjährige Schüler wohl ausrichten gegen die bigotte Doppelmoral ihrer Berberfamilie aus dem Atlasgebirge? Die verstößt ihre Tochter, weil sie einen neugierigen Fremden mit nach Hause brachte, lebt aber zugleich ungeniert vom Geld, das sie in der Stadt mit ihrem Gewerbe verdient.

Realistisch vielleicht, aber in der Leichtigkeit, mit der auch Ben diese temporäre Flamme hinter sich lässt, ist dieser Erzählstrang vor allem eines: ziemlich zynisch. Karima (Hafsia Herzi, französische Schauspielerin mit maghrebinischen Wurzeln und immer ein Lichtblick) wird nur eingeführt, um am Ende am Straßenrand zurückzubleiben - eine rein zweckgebundene Figur, nur dazu gut, dass der jugendliche Held aus dem väterlichen Elfenbeinturm im Luxushotel ausbrechen und ein paar ganz und gar authentisch-einheimische Erfahrungen machen kann. Immerhin kommt Karima - im Unterschied zur vom Vater inszenierten »Emilia Galotti« Lessings - zunächst mit dem Leben davon.

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