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Dem Weltverband hörig

Das Sportgericht des DFB lässt trotz Phantomtor das Spiel Hoffenheim gegen Leverkusen nicht wiederholen

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Tor, das keines ist, ist ein Tor. So entschied das DFB-Sportgericht im Fall des Leverkuseners Stefan Kießling, der gegen Hoffenheim nicht getroffen hatte. Bayer bleibt der Sieger, der Sport der Verlierer.

Die Häme hat sich Stefan Kießling verdient. »Jetzt haben Sie ja endlich mal eine Einladung vom DFB bekommen«, begrüßte Hans E. Lorenz, Vorsitzender des Sportgerichts des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), den Profi von Bayer Leverkusen am Montag. Zur Ehre gereicht dem verhinderten Nationalstürmer der Besuch in Frankfurt am Main nicht. Verhandelt wurde Kießlings Phantomtor vom 18. Oktober: Im Spiel bei 1899 Hoffenheim flog der Ball in der 70. Minute von seinem Kopf durch das Außennetz ins gegnerische Tor, Leverkusen führte somit 2:0 und gewann am Ende mit 2:1.

Weil recht schnell klar wurde, dass es kein regulärer Treffer war, legten die Hoffenheimer Einspruch gegen die Spielwertung ein. Doch das Sportgericht des DFB wies den berechtigten Protest am Montag zurück. »Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme ließ sich ein Einspruchsgrund nicht nachweisen«, begründete Hans E. Lorenz die Entscheidung. Also: Das Spiel wird nicht wiederholt. Bayer Leverkusen hat gewonnen. Stefan Kießling wird weiterhin mit sechs Treffern in der offiziellen Torjägerliste der Bundesliga geführt. Verlierer dieser absurden Geschichte ist eindeutig der Fußball. Die Schuld daran tragen viele.

Die Wurzel des Übels ist der Kopf von Stefan Kießling. Zum einen ging von dort der Ball eben nicht ins Tor. Dies löste dort zum anderen reichlich Verwirrung aus. »Ich habe es gar nicht gesehen, weil ich mich weggedreht habe«, sagte Kießling nach dem Spiel. Die Bilder beweisen eindeutig etwas anderes. Er drehte erst enttäuscht ab, als er gesehen hatte, dass der Ball am Tor vorbeigeflogen war. Und er sagte es erst, als er nach dem Spiel mit Rudi Völler gesprochen hatte. Inwieweit Leverkusens Sportchef Einfluss auf Kießling genommen hat, ist nicht bekannt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Stürmer jedoch schon eine Chance zum Fair Play verpasst - im Gespräch mit Schiedsrichter Felix Brych auf dem Platz. Am Montag schilderte Kießling die Situation dann so: »Ich sehe den Einschlag nicht, aber dass der Ball dann im Tor war.« Er habe gedacht, der Torwart hätte den Ball noch irgendwie reingemacht. Nun ja. Die Proteste der Hoffenheimer Ersatzspieler, die schnell das Loch im Tornetz entdeckt hatten, konnten Kießling schon auf dem Feld nicht umstimmen. Sein Siegeswille hatte offenbar den Gewissenskonflikt gewonnen. Dass er übelste Beschimpfungen seiner Person und heftige Regeldiskussionen auslösen würde, war ihm wohl noch nicht bewusst.

Jede Menge Spott hat aber auch der DFB verdient. Am Montag zog ihn erst mal Hans E. Lorenz auf sich: »Das DFB-Sportgericht ist ein unabhängiges. Wir machen hier keine Entscheidungen, damit sie dem DFB, der DFL oder der FIFA gefallen.« Und doch hatte es in dieser Angelegenheit vor wenigen Tagen ein informelles Treffen zwischen dem DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock und einem FIFA-Vertreter gegeben. Nicht zuletzt hatte DFB-Vizepräsident Rainer Koch vor Wochenfrist auch noch betont: »Der Ball liegt jetzt bei der FIFA.« Der DFB bewies nun mit seiner Entscheidung erneut, wie hörig er dem Weltverband ist.

Korruption, Katar, ... bei unangenehmen Themen wird erst ein wenig Kritik für die Öffentlichkeit geübt, letztlich aber folgsam abgenickt. In diesem Fall kam die Kritik von Hans E. Lorenz: »Die falsche Tatsachenentscheidung gehört zum System.« Und das Abnicken gleich hinterher: »Die Tatsachenentscheidung ist unumstößlich.« So wie es Regel 5 der FIFA eben vorschreibt. Warum kein Wiederholungsspiel wie 1994 nach dem Phantomtor von Münchens Thomas Helmer gegen Nürnberg? Weil es schon damals Ärger mit der FIFA gab!

Gänzlich grotesk wird es bei der weiterführenden Begründung. »Ein Ausnahmefall im Sinne einer Unerträglichkeit der Tatsachenentscheidung lag nicht vor«, so der Vorsitzende des Sportgerichts. Wäre es nicht unerträglich, sollte Hoffenheim am Saisonende wegen fehlender Punkte oder gar wegen des schlechteren Torverhältnisses absteigen? Denn immerhin erzielten sie im Spiel gegen Leverkusen noch das 1:2. Oder Bayer? Wäre es nicht unerträglich, wenn sich die Werkself wegen dieser drei Punkte für die Champions League qualifiziert?

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