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Märchen bauen Brücken, Märchen machen Mut

Aller guten Dinge sind drei: Die Berliner Märchenfrau Nina Madlen Korn wurde 75, erzählt seit 55 Jahren Geschichten, 20 Jahre davon in der Tadshikischen Teestube. Von Heidi Diehl

Nina Madlen Korn hat alle Märchen im Kopf, mit Gestik und Mimik, Händen und Füßen, Fantasie und Leidenschaft, Improvisation und Gefühl lässt sie sie lebendig werden.
Nina Madlen Korn hat alle Märchen im Kopf, mit Gestik und Mimik, Händen und Füßen, Fantasie und Leidenschaft, Improvisation und Gefühl lässt sie sie lebendig werden.

Jeden zweiten Montagabend hat Nina Madlen Korn eine feste Verabredung in der Tad᠆shikischen Teestube in Berlin - mit fantasievollen Menschen zwischen 20 und 80, die entspannt in weichen Kissen auf der Erde lümmeln, Tee trinken und gebannt an ihren Lippen hängen. Denn Nina Korn erzählt ihnen Märchen aus aller Welt. Sie ist eine der beiden »Berliner Märchenfrauen«, die andere ist ihre Tochter Katja Popow, die die Montagabende dazwischen die Gäste verzaubert. Seit 20 Jahren nun schon, längst ist die Tadshikische Teestube - erst im Palais am Festungsgraben, seit ihrem Umzug in diesem Jahr im Kunsthof in der Oranienburger Straße - beiden zum zweiten Wohnzimmer geworden.

Dorthin hatte sich Nina Korn vor wenigen Tagen auch ganz besondere Gäste eingeladen, Menschen, die ihr Leben begleiteten - Freunde, ehemalige Arbeitskollegen und natürlich ihre Familie. Gleich drei gute Gründe gab es dafür: Sie wurde in diesem Jahr 75 Jahre alt, erzählt seit 55 Jahren Kindern und Erwachsenen Märchen und Geschichten, 20 Jahre davon regelmäßig in ihrer »guten Stube«. Natürlich hörten die Jubiläumsgäste an jenem Abend auch ein Märchen, vor allem aber von einem erfüllten Leben, das alles andere als märchenhaft begann.

Als Ninas Mutter Ilse von ihrer Schwangerschaft erfuhr, musste sie sich was einfallen lassen, damit niemand davon etwas mitbekommt. Sie durfte um keinen Preis ihren in der Illegalität lebenden Mann Vilmos gefährden, der als KPD-Mitglied und Reporter der »Roten Fahne« von den Nazis steckbrieflich gesucht wurde. Deshalb verließ Ilse ihre Heimatstadt Dresden, angeblich, um eine mehrmonatige Asthmakur zu machen, und versteckte sich in einem winzigen Dorf im Allgäu, wo sie im Juni 1938 Nina Madlen zur Welt brachte. Schweren Herzens gab Ilse ihre Tochter bald schon zu Pflegeeltern und kehrte »gut erholt« nach Dresden zurück. Sie arbeitete dort als Bibliothekarin und hasste die Nazis schon deshalb aus tiefstem Herzen, weil sie Bücher verbrannten.

Dass die nette Tante und der gute Onkel, die Nina ab und an, aber stets getrennt besuchten, ihre wirklichen Eltern waren, erfuhr sie erst mit drei Jahren, als Ilse es wagte, ihr Kind nach Dresden zu holen. Doch das Glück währte nur kurz. »Im Sommer 1943 verhaftete die Gestapo meine Mutter, nur einige Wochen nach meinem Vater, dessen illegalen Aufenthaltsort jemand verraten hatte«, erzählt sie sichtlich bewegt. »Spätestens von da ab hasste auch ich die Nazis, denn sie hatten mir Mutter und Vater genommen. Obwohl meine Tante, bei der ich nun lebte, mir all ihre Liebe gab, ich vermisste meine Mutter jeden Tag genauso wie ihre Märchen und Geschichten, von denen ich nie genug hören konnte.«

In der Nacht des 13. Februar 1945, als anglo-amerikanische Bomben Dresden in Schutt und Asche legten, gelang es Ilse Korn, aus dem Frauengefängnis zu fliehen. Mit mutiger Unterstützung ihrer beiden Schwestern konnte sie sich bis zum Kriegsende im Wald verstecken. Nina ahnte nicht, dass die Mutter ganz in ihrer Nähe war. Niemals vergessen wird sie den Tag Anfang Mai, an dem sie ihre Mama wiederbekam. »Als die sowjetische Armee in unser Dorf kam und viele andere sich in Panik in ihren Häusern verbarrikadierten, verließ meine Mutter ihr Versteck. Ich spielte im Garten, als sie plötzlich über eine kleine Brücke hinterm Haus kam. Wie versteinert stand ich da, konnte überhaupt nichts sagen. Sie lief auf mich zu und nahm mich in die Arme. Ich hab sie immerzu nur angestarrt, konnte nicht fassen, dass es wirklich meine Mama war, die da aus dem Wald gekommen war. An diesem Tag begann für mich der Frieden. Kurze Zeit später lernte ich auch endlich meinen Vater kennen, der jahrelang in der Festung Torgau in der Todeszelle gesessen hatte. Wären die Befreier nur ein paar Tage später gekommen, hätte er seine Familie nie wiedergesehen. Sein Hinrichtungstermin stand bereits fest.«

Jetzt begann die Zeit, die Nina Korn als die Schönste ihres Lebens bezeichnet: »Es herrschte Mangel in fast jeder Beziehung, an Essen, Wohnung, Kleidung, aber nicht an Liebe, und ich war plötzlich reicher als die meisten meiner Schulkameraden, von denen viele im Krieg ihre Väter verloren hatten. Ich indes hatte nun endlich eine richtige Familie.« Sie sagt, ihre Kindheit sei wahrhaft märchenhaft gewesen, denn oft erzählte die Mutter ihr Märchen, und der Vater erfand immer wieder neue Geschichten.

1950 zog die Familie von Dresden nach Kleinmachnow. Ilse Korn hatte von der Regierung den Auftrag erhalten, in der DDR den Aufbau von Kinderbibliotheken zu leiten. Räume dafür waren schnell gefunden, nur an Büchern fehlte es. Ilse machte aus der Not eine Tugend und erzählte zu den Eröffnungen der Bibliotheken Märchen und Geschichten, von denen sie unendlich viele im Gedächtnis hatte. Die Zuhörer waren so begeistert, dass sie schon bald einen festen Veranstaltungsort im Palais am Festungsgraben in Berlin bekam, das zu DDR-Zeiten das Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft war. Hier erzählte sie regelmäßig im Marmorsaal Märchen aus aller Welt. Manchmal saß auch Nina unter den begeisterten kleinen und großen Zuhörern. »Einmal musste ich für meine Mutter einspringen. Sie war krank, doch deshalb die Märchenstunde ausfallen zu lassen, war für sie undenkbar, zumal sie das Talent ihrer Tochter längst entdeckt hatte. ›Du musst das machen, du kannst das, erzähl einfach dein Lieblingsmärchen‹, ermunterte sie mich. Und so stand ich mit 16 zum ersten und auch einzigen Mal im Marmorsaal und erzählte die Geschichte vom kleinen Muck.«

Von da an wusste Nina Korn, dass sie Märchenerzählerin werden wollte. Wenn es schon nicht als Beruf ging, dann wenigstens nebenberuflich, wie ihre Mutter. Diesen Wunsch erfüllte sie sich ab 1958 während ihres Studiums an der Theaterhochschule Leipzig einmal in der Woche in einer Kinderbibliothek. 1961 konnte Nina Korn ihre Leidenschaft für Märchen und Geschichten doch noch zum Beruf machen - als Dramaturgin und Redakteurin beim Rundfunk der DDR, wo sie bis 1989 die Sendereihe »Ole Bole erzählt ...« betreute. Schon als 23-Jährige übernahm sie den Staffelstab von ihrer Mutter als Berliner Märchenerzählerin im Haus der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft.

1976 bekam es eine echte Tadshikische Teestube, ein Geschenk der Sowjetunion an die DDR. Seit Nina Korn das erste Mal diesen Raum wie aus 1001 Nacht sah, träumte sie davon, hier Märchen erzählen zu dürfen. Als dann die Teestube 1993 ein öffentliches Restaurant wurde, schlug sie das dem Betreiber vor. Doch der guckte sie nur an und sagte, das sei doch kein Restaurant für Kinder. »Ich will ja auch nicht für Kinder, sondern für Erwachsene erzählen, versuchte ich ihn zu überzeugen, denn dass Märchen nur was für Kinder sind, ist eine absolut falsche Vorstellung. So richtig überzeugt war er zwar nicht, ließ sich aber auf ein Experiment ein. Heute kann er sich die Teestube ohne die montäglichen Märchenstunden für Erwachsene nicht mehr vorstellen. Die sind so beliebt, dass man unbedingt vorher reservieren sollte.«

Vor Erwachsenen erzählte Nina Korn erstmals 1990 Märchen - zu den 1. Berliner Märchentagen, die von dem West-Berliner Autor und Erzähler Dr. Horst-Dieter Klock gegründet wurden. Seine Idee war es, mit Hilfe von Märchen und Geschichten die Menschen aus dem Ost- und Westteil der Stadt enger zusammenzuführen. »Eines Tages rief er mich an und fragte, ob ich bei einem solchen Erzählfest mitmachen würde. Das war der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit und wunderbaren Freundschaft«, erzählt Nina Korn. Bis zu den 10. Berliner Märchentagen organisierte der Visionär das Event, eine seiner engsten Mitarbeiterinnen wurde Nina Korn und später auch ihre Tochter Katja Popow. »Er war gewissermaßen ein Träumer«, erinnert sich die 75-Jährige an den vor zwei Jahren Verstorbenen. »Ihm ging es nicht allein darum, Kindern und Erwachsenen Märchen und Geschichten zu erzählen, sondern er war zutiefst davon überzeugt, dass die Weitergabe des alten Volksgutes hilft, Vorurteile abzubauen, ganz unterschiedliche Kulturen zusammenzuführen, neue Wege aufzuzeigen und damit beizutragen, die Welt ein bisschen besser zu machen.«

Horst-Dieter Klocks Lebensmotto: »Märchen bauen Brücken, Märchen weisen Wege, Märchen machen Mut« ist auch das der Jubilarin und hilft ihr auch im Alltag. Nina Korn nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, sich gegen Ungerechtigkeiten stark zu machen. Sie kann sich leidenschaftlich darüber aufregen, dass das Lebenswerk vieler Ostdeutscher nach wie vor mit Füßen getreten wird, sie beobachtet mit Schrecken, dass Neonazis versuchen, sich breitzumachen, dass Ausländer und Schwache ausgeschlossen, beleidigt, bedroht und angegriffen werden. Auch mit ihren Märchen versucht sie dagegen anzugehen, geschickt lässt sie beim Erzählen immer wieder aktuelle Bezüge einfließen. Märchen sind »Geschichten voller Mut und Zuversicht, voller Glück und Liebe, sie erzählen vom schweren Leben, vom Kampf um das Notwendige. Es sind Geschichten, die stark machen und einem Lebensmut einhauchen, die Vertrauen schenken in die eigene Kraft, die das Lied der Freundschaft singen und uns sagen, wir sind nicht allein«, ist sie überzeugt.

Am kommenden Donnerstag beginnen die 24. Berliner Märchentage. Natürlich sind die »Berliner Märchenfrauen« Nina Madlen Korn und Katja Popow mit dabei.

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