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  • Politik
  • Frankfurt am Main sucht einen Schauspielmtendanten. Farce oder Tragödie7

Abmahnung für die Wahrheit

Von Heiner Halberstadt

Kürzlich eilte ein Theaterfreund nach dem dritten Klingelzeichen ins Foyer der Städtischen Bühnen. Er er kundigte sich an der Kasse, was es denn heute im Schauspiel gäbe und ob er über haupt noch eine Karte bekommen könne. Der Kartenverkäufer schaute den ver späteten Gast erstaunt an. Dann sagte er süffisant: «Sie können noch Karten in allen Preisklassen für >Die letzten Tage der Menschheit haben. Aber, ich empfehle Ihnen ehrlich, gehen Sie doch besser schräg gegenüber zum Olympia-Kino. Dort läuft der Film >Kinder des 01ymps<. Sehr empfehlenswert...»

Ob sich der Theaterfreund diesen Ratschlag zu eigen gemacht hat, ist nicht bekannt. Dass sich der offensichtlich kundenfreundliche städtische Kartenverkäufer aber eine arbeitsrechtliche Abmahnung einholte, ist verbürgt.

Zur Zeit spielt auf der städtischen Schauspielbühne ein Stück, an dem nunmehr doch zahlreiche Menschen in der sich Metropole nennenden Stadt Frank fürt am Main lebhaften Anteil nehmen. Regie führen die Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und der Kulturdezernent Hans-Bernhardt Nordhoff (SPD).

Zwar obliegt die Leitung des Schauspiels zur Zeit noch dem hoch dotierten Schauspiel-Intendanten Prof. Peter Eschberg. Der kam 1990 auf persönlichen Wunsch des mit ihm persönlich befreundeten damaligen Oberbürgermeisters Volker Hauff von Bad Godesberg nach Frankfurt am Main. Das ist eine Stadt, die sich, was ihre Bedeutung anlangt, nach Einschätzung ihrer Oberhäupter nicht etwa mit Hamburg oder München vergleichen ließe, sondern höchstens mit London oder Paris. Darin ist, so sagt die Frank furter Stadtregierung, selbstverständlich auch das städtische Kulturniveau mit eingeschlossen. Vermutlich wird allerdings die Bewertung der Kunstleistung der städtischen Bühnen von der Höhe der die städtische Theateranlage umgebenden Banktürme abgeleitet. Recht zutreffend definiert man den städtischen kulturellen Sektor im Römer auch als Standort-Kultur.

Dieser Größenordnung entspricht auch das jährliche Gehalt des Schauspielintendanten in Höhe von rund 380 000 DM. Die Festsetzung dieser Honorierung erfolgte seinerzeit ebenfalls auf ausdrücklichen Wunsch des OB-Freundes Hauff. Dem gelang es auch, alle Einwendungen der städtischen Rechts- Personal- und sonstigen Ämter, die mit der Einstellung von Führungskräften befasst sind, gegen diese außergewöhnliche finanzielle Einstufung beiseite zu drücken.

Seit vergangenem Jahr ist nun Peter Eschberg amtsmüde. Die ständigen Auseinandersetzungen mit den drei anderen, nach Eschbergschem Vorbild nicht minder honorig bezahlten Intendanten der städtischen Bühnen (Oper, Ballett und Zentrale Theaterbetriebe), u.a. um den jeweiligen Anteil am Gesamtetat, aber auch die häufig miesen Rezensionen in den hiesigen Feuilletons über die Schauspielleistungen, haben Eschberg veranlasst, im September 2000 seinen Vertrag fristgerecht zu beenden.

Das war nun der Auftakt zu einer Sonderaufführung des städtischen Schauspiels. Zwar gab es eine z.T. hochkarätig besetzte Findungskommission, um einen den Frankfurter Ansprüchen gerecht werdenden Intendanten ausfindig zu machen. Doch bevor die sich angemessen umtun konnte, posaunten Roth und Nordhoff bereits einen großen Namen in die Öffentlichkeit: Dieter Dorn hieß der Auserkorene. Doch als sich der Vorhang zum Auftrittsakt hob, war die Bühne leer. Nur aus dem Off war aus bayerischer Ferne von dem angesehenen Regisseur Dorn zu vernehmen, er übernehme gerade die Leitung des Münchner Residenztheaters. Das arbeite zudem mit einem festen Etat und bedürfe keiner Sponsoren, wie es die Frankfurter Oberbürgermeisterin für das Frankfurter Schauspiel in Aussicht gestellt habe.

Der Vorhang fiel. Aber nur für kurze Zeit. Als er wieder aufging, stand nun tatsächlich eine leibhaftige zukünftige Intendantenperson auf der Bühne. Die hieß Jens-Daniel Herzog. Der hatte zuvor schon mal als Regisseur unter Dorn gear beitet. Deshalb wurde er flugs als dessen bedeutendster Schüler hochstilisiert. Außerdem stellten Oberbürgermeisterin und Kulturdezernent eine hervorragende Finanz- und Personalausstattung in Aussicht.

Doch kaum hatte sich Jens-Daniel Her zog im «Hohen Haus», umgeben von Roth und Nordhoff, vorgestellt und seinen Eingangsmonolog gesprochen, stürmte zunächst virtuell eine böse Figur in die Szene. Sie schwenkte in mephistophelischer Manier einen Vertrag, auf dessen strikte Erfüllung sie bestand. Sonst... die Drohungen waren unmissverständlich und urfaustisch. Diesen Vertrag hatte der in Frankfurt auf den Stufen zum Intendantenthron stehende Herzog in der Tat in Mannheim beim Nationaltheater als Schauspieldirektor unterschrieben. Und: 15 Mitgliedern des dortigen Ensembles waren auf seinen Wunsch hin bereits gekündigt, 11 neue entsprechend seinem Vorschlag neu eingestellt worden.

Die böse Figur, in Person des Mannheimer Nationaltheater-Intendanten, der die Frankfurter Entscheidung in heftige Tur bulenzen mit Blitz und Donner stürzte, heißt Ulrich Schwab. Der ist der Stadt Frankfurt am Main in herzlicher Abneigung verbunden. Ende der achtziger Jahre war Schwab in Frankfurt Generalintendant der städtischen Bühnen, bis ihn die auf immer weitergehende Autonomie drängenden vier Spartenintendanten lahm legten. Ein Jahr lang genoss Schwab sein ansehnliches Generalintendanten fürs Spazieren gehen. Danach gab er noch ein kurzes Gastspiel als Generaldirektor in dem pompösen Frankfurter Kulturtempel Alte Oper. Doch mit seinem trotzigen Ver such, dort Fassbinders umstrittenes Stück «Die Stadt, der Müll und der Tod» aufzuführen, zog er sich den geballten Zorn vor allem der Römer-Oberen zu, die damit gleichzeitig einem gravierenden Philosemitismus Zucker geben konnten.

Schwab musste, allerdings mit einer ansehnlichen Abfindung, (wieder) gehen und ist auf einigen Umwegen dann in Mannheim gelandet. Und just die von ihm so heiß geliebte Stadt Frankfurt haut ihm per Herzog erneut in sein Ressort hinein. «Unerhört ... schändlich ... Anstiftung zum Vertragsbruch ... Frankfurt wird zum Gespött der Republik», sangen im Hinter grund die Chöre des Deutschen Bühnenvereins, des Stuttgarter Theaters sowie die Solisten der Feuilletons. Jens-Daniel Herzog aber sank hinter dem geschlossenen Vorhang zu Boden. Doch Uli Schwab richtete den Abtrünnigen, dann aber Reue Bekundenden wieder auf, nahm ihn in seine «offenen Arme» und führte ihn nach Mannheim zurück.

Die Regisseure, Oberbürgermeisterin und Kulturdezernent, sind dagegen zur Zeit in dieser Sache verstummt und hinter den Kulissen des Schauspiels verschwunden.

Der Vorhang fiel, aber die Farce ist wohl noch nicht zu Ende.

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