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Rumpelstilz in Rostock

  • Von Reinhard Markner
  • Lesedauer: 2 Min.
Wenn Germanisten Bücher schreiben, möchten sie damit gerne in die Zeitung kommen. Wenn sie Bücher klauen, lieber nicht. Rainer Baasner zum Beispiel. Vor zwei Jahren erschien ein Handbuch der Geschichte der Literaturkritik. Es biete »einen fundierten Überblick«, hieß es dazu in der FAZ. »Professoral« sei zwar der »Duktus«, der Inhalt »wenig gelehrt«, monierte die Süddeutsche Zeitung. Offen gaben beide Blätter an: Bei einem der Herausgeber des Buches handelte es sich um Rainer Baasner. Kürzlich nun hatte Professor Baasner einen Gerichtstermin in Bonn. Ein Angestellter der dortigen Universitätsbibliothek hatte ihn überführt, mehr als hundert wertvolle Bücher gestohlen und verkauft zu haben, der Gesamtschaden: 250 000 Euro. Baasner gestand, und das Amtsgericht verhängte wegen schweren Betruges eine Gefängnisstrafe von 18 Monaten auf Bewährung. Die Sache erregte Aufsehen, und der Germanist kam, diesmal wider Willen, in die Zeitung. Aber seltsam: Allenthalben war nur von einem 50 Jahre alten, an einer Universität »im Osten« tätigen Hochschullehrer die Rede. Das Diebesgut habe er bei einem Auktionshaus »im hessischen Königstein« eingeliefert. Et cetera. Tatsächlich verhält es sich wie folgt: Baasner lehrt als Professor an der Uni Rostock, das Auktionshaus heißt Reiss & Sohn und gilt als feine Adresse. Und der in erster Instanz Verurteilte bekleidet ein öffentliches Amt und heißt nicht Rippenbiest, auch nicht Schnürbein. Er heißt Baasner und hat einmal einen Aufsatz geschrieben über Johann Gottfried Seume und »die höchst erfreuliche Vernachlässigung konventioneller Rücksichten«. Der Richter urteilte, der Professor habe aus reiner Geldgier gehandelt. Und er habe jedes Recht verwirkt, an einer Hochschule den akademischen Nachwuchs auszubilden. Das ist mal eine klare Sprache. Der Autor arbeitet an der Universität Halle-Wittenberg, aus deren Bibliothek sein letztveröffentlichtes Buch bereits entwendet worden ist.

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