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Man kann es Gott nennen. Oder Gewissen

Ein Segen für die Stadt: Ein Pastor, immer fröhlich und wunderbar menschlich

Wer möchte, dass ihm Gerard Minnaard zum Geburtstag gratuliert, der muss ihn an diesem Tage anrufen und dazu auffordern. Ein Kalender mit all diesen für Verwandte und Freunde so wichtigen Daten wäre zwecklos, bekennt er. Er müsse auch nachschauen, in welchem Jahr er geheiratet hat. Nur den 31. Dezember als Hochzeitstag hat er parat; was ja nun eigentlich keine so große Gedächtnisleistung ist. Aber der Niederländer, der mit seiner grauen wehenden Mähne, dem fröhlichen Gesicht und seinen immer ein wenig zu großen Pullovern einen chaotischen Eindruck macht, ist ein liebenswerter Freund und ein wunderbarer Gesprächspartner. Was er für Uelzen, diese Dreißigtausend-Seelen-Gemeinde im Niedersächsischen, leistet, ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Minnaard erledigt fast alles mit dem Fahrrad, vielleicht eine genetische Anlage aus seinem Geburtsland. Die Wege zu seinen »Kindern« IDA, einer Arbeitsloseninitiative, dem wöchentlichen Gemeinschaftsessen im Gemeindehaus, dem Kindermittagstisch und der »Uelzer Tafel« sind nicht weit. Vor einem Jahr öffnete seine neueste Initiative, die »Antwort auf Hartz IV« seine Pforten. Eine »Ein-Euro-Halle«, wo »alles, was man tragen kann«, für diesen symbolischen Betrag zu erwerben ist. Zusätzlich werden an jedem ersten Sonnabend im Monat größere Sachen, alles Spenden, unter seiner Leitung versteigert. Vom Buch bis zur Schrankwand also. Gerard Minnaard ist unermüdlich. »Es macht mehr Freude, so zu arbeiten, als immer nur darüber nachzudenken, was alles falsch läuft in diesem Lande. Da wird man schnell müde.« Deshalb ist er wahrscheinlich auch noch Mitherausgeber der Zeitschrift »Junge Kirche«, die vier Mal im Jahr erscheint. Im Impressum heißt es: »Unterwegs für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung«. Seine Frau, Dr. Klara Butting, ist auch dabei, wenn ihr die Lehraufgaben an der Universität Lüneburg Raum lässt. Im heimischen Hausflur des Ehepaares begrüßen den Gast Fotografien. Es sind die »Ahnen« der Familie; die geistigen Vorbilder, nicht die biologischen Stammväter. Es finden sich Bilder eines jüdischen Schriftstellers, einer im KZ ermordeten Frau, eines Freundes, der sehr früh verstarb, eines Kirchengemeindemitglieds. Überhaupt reichen die Wände der Zimmer kaum aus für all die Bilder, die versammelt sind. Jedes hat seine eigene Geschichte. Darunter ein großes Schriftbild mit dem Matthäus-Evangelium, das ein einheimischer Künstler geschaffen hat, ein aufreizend erotischer Frauenakt in kubistischer Tradition eines modernen niederländischen Malers und das überdimensionale Porträt von Frau Butting senior, gemalt von Clemens Gröszer aus Berlin (Ost). Wohin das Bild soll, das gerade übers Internet ersteigert wurde, weiß Minnaard noch nicht. Aber das wird sich finden. Gerard Minnaard studierte nach der Schule Sozialpädagogik und arbeitete als Streetworker. Später schloss er ein Theologiestudium in Amsterdam an. Warum Theologie? Der 50-Jährige bezeichnet sich als »sehr gläubig, aber randkirchlich«. Aus dem anerzogenen Glauben, der für ihn »moralistisch und irrational« war, ist er ausgebrochen. Aber er glaubt daran, dass »wir gerufen sind, den Menschen zu helfen. Die Stimme kann man Gott nennen oder Gewissen.« Außerdem ist sein fester Glaube, dass die Menschen auf Erden alle zu essen haben werden und Frieden sein wird. »Von dieser Vision will ich nicht loslassen, daran zu glauben ist schwierig genug.« - Das sind bewundernswerte Einstellungen, die bei Minnaard immer in Aktion umschlagen. Er hat früher mit Alkoholabhängigen gearbeitet, er macht heute in der Stadt so vielen Menschen Mut. Es sei alles so individualisiert, sagt er. Aber es stelle sich heraus, dass der Einzelne nicht stark genug ist, um zu leben, wie er es gelehrt bekommt. Jeder brauche eine Identität und ein Gemeinschaftsgefühl. Deshalb hat Gerard Minnaard IDA gegründet. Er ist auch der Geschäftsführer. IDA heißt »Integration durch Arbeit« und ist ein Dienstleistungszentrum, in dem zirka 100 Arbeitslose registriert sind. In der Mehrheit haben sie größere soziale Probleme. Etwa die Hälfte von ihnen arbeitet, je nach Auftragslage, mit IDA. Das blauweiße Logo kennt in der Stadt inzwischen jeder. Für sechs oder zwölf Monate sind weitere 25 der registrierten Leute versicherungspflichtig angestellt. Das Dienstleistungszentrum regelt alle Formalitäten mit der Krankenkasse, der Agentur für Arbeit, dem Finanzamt und organisiert und begleitet die Tätigkeiten. Meist handelt es sich dabei um Handwerkliches und Gartenarbeit. Der Verdienst ist ein Zubrot, jedoch inzwischen mehr als ein Ein-Euro-Job. Die Hauptsache aber ist die Gemeinschaft, die IDA für alle darstellt. Einer von ihnen ist Gennadi, 49 Jahre, verheiratet, zwei Kinder (20 und 21 Jahre, Studentin und Zivildienstleistender). Er kam mit seiner Familie 1996 aus Kasachstan. Das Gespräch mit ihm macht traurig. Dabei würde es der so sympathische Mann, der ein sehr korrektes, fehlerfreies Deutsch spricht, sicherlich nicht wollen. Befragt danach, warum er, der wie seine Frau bis zum letzten Tag Arbeit hatte in Kasachstan, nach Deutschland gekommen ist, antwortet er: »Wir haben für unsere Kinder hier eine bessere Zukunft gesehen.« Gennadi war Pilot und Fluglehrer an einer Zivilluftfahrtschule von Aeroflot. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der Flugbetrieb eingestellt, aber die theoretische Ausbildung blieb erhalten. Er wurde Dozent, seine Frau war Lehrerin am Gymnasium. Jetzt ist er seit fast zehn Jahren hier, hat als Kraftfahrer gearbeitet, eine Weiterbildung in Informatik gemacht und eine Ausbildung zum Technischen Zeichner (natürlich am Computer) abgeschlossen. Trotzdem bekommt er keine Arbeit. »Es geht einfach nicht weiter«, sagt er ein wenig hilflos. »Aber vielleicht wird es noch. Ich habe gehört, dass Airbus in Hamburg den Betrieb erweitert. Jeden Tag sitze ich am Computer und übe, übe.« Mit etwa 300 Euro für Essen und Kleidung müssen die Eheleute im Monat auskommen. Mal essen gehen »ist ausgeschlossen!« Und dass sie die Kinder nicht genügend unterstützen können, scheint am meisten zu quälen. Wenn man Gennadi fragt, ob er sich denn mit einer Arbeit hier in Deutschland wohler fühlen würde, denkt er nicht lange nach: »Wohl vielleicht nicht, aber viel besser.« Ihm kommt es hier vor wie in einer »geschlossenen Gesellschaft«, jeder mache nur seins. Geschlossene Gesellschaft - das Attribut, das man der DDR immer gegeben hat wegen ihrer dichten Grenze. Ja, es wären eben zwei zu unterschiedliche Mentalitäten, die russische und die deutsche, sagt Gennadi. Wahrscheinlich wird er sich immer nur als Gast fühlen. Ob es ihm wenigstens seine Kinder danken, dass er letztlich für sie seine Heimat verlassen hat? Auch Astrid, geschieden, drei Kinder (20, 11 und 10 Jahre alt) hat bei IDA Unterschlupf gefunden. Wenn sie von ihren Wünschen spricht, dann sind das eigentlich keine unerfüllbaren. »Ich würde gern mal mit den Kindern in den Tierpark fahren, ich kanns nicht«, bedauert sie. Die 41-Jährige hat zwar zurzeit eine kleine Anstellung in einem Kindergarten, aber die läuft absehbar aus. »Wenn ich Glück habe, verlängern sie«, hofft sie. Denn dort mache es Spaß. Astrid hat in ihrem Leben nicht sehr viel Glück gehabt. Als ungewolltes Kind ständig Zoff mit der Mutter, der erste Sohn kam zeitig. Eine Floristiklehre hat sie abbrechen müssen wegen einer Allergie. Danach ein freiwilliges soziales Jahr in einer Mutter-Kind-Klinik und im Krankenhaus, dann ungelernte Arbeit im Hotelfach, später Aushilfe im Supermarkt. Scheidung, weil der Mann auch schlug. Seit 1998 ist sie arbeitslos, Sozialhilfe bekam sie jahrelang. Und trotzdem ist diese Frau nicht niedergedrückt. Sie hat ein Strahlen in den Augen, wenn sie sagt: »Ich hab immer gekämpft, und ich kämpf weiter.« Für vier Personen reichen die 200 Euro im Monat zum Leben nie. Die Kinder kriegen zwei Euro Taschengeld in der Woche. Das reicht, auch wenn man sehr spart, kaum für einen Kinobesuch. Geschweige für CDs oder Markenklamotten. Aber Klassenfahrten sollen sie auf jeden Fall mitmachen, so will es ihre Mutter. »Da muss ich eben woanders sparen!« Denn ihre Kinder beklagen sich nicht, »weil sie so aufgewachsen sind«. Als Astrid zu IDA kam, hatte sie riesige Angst. Vor den vielen Leuten. So weit hatte es ihr erster Mann gebracht mit seiner Eifersucht, dass sie sich nicht traute, mit anderen zu reden. Jetzt erzählt sie freimütig. Darüber, wie es gefunkt hat zwischen ihr und ihrem Jetzigen. Darüber, dass es manchmal weh tut, wenn sie vor übervollen Schaufenstern steht. Und darüber, dass sie sich vorstellen kann, dass der Frust wächst in diesem Lande (»Ich fange an, die Politik zu hassen, aber Hass ist nicht gut.«). Eine feste Arbeit wäre für Astrid das Größte. Für einen Tierparkbesuch mit den Kindern. Nachdem sich Gerard Minnaard und Klara Butting in Berlin (West) kennen gelernt hatten und der Niederländer der Liebe wegen eines Tages im Zug zwischen Berlin und Amsterdam beschloss, in Deutschland zu bleiben, kam das Ehepaar vor zwölf Jahren in die Lüneburger Heide, wo Klara Pastorin war (Die Jahreszahl ist wegen der eingangs genannten Gründe ohne Gewähr). Was in dieser Zeit aufgebaut beziehungsweise weitergeführt wurde, davon zeugt ein sehr übersichtliches Arbeitszimmer. Denn wer auf so vielen Hochzeiten tanzt wie Minnaard, kann sich Unordnung im Geschäftsbereich nicht leisten. Der von ihm mit geführte Verlag hat bereits 30 Bücher publiziert. »Die Vergangenheit wartet auf Gerechtigkeit«, hat ein jüdischer Marxist einmal gesagt. Um ein Stückchen dieser Gerechtigkeit geht es in allen diesen Büchern, die sich versandfertig im Zimmer stapeln. Dazwischen eine freundliche Ikone, ein Apostelbild, der Computer natürlich, Bibeln auf Niederländisch, Hebräisch und Deutsch und ein Kaktus. Im sich anschließenden Wohnzimmer vermisst man den obligatorischen Fernseher. Nur die Couch und zwei Sessel gruppieren sich um den Kamin, ein Esstisch am Rande, das erwähnte Schwiegermutter-Porträt, ein großes Bücherregal. Darin stehen alle friedlich beieinander: Hermann Kant neben Stefan Heym (!), eine umfangreiche Brecht-Ausgabe, Heinrich Heine, Goethe, Thomas Mann, Böll, viele Kunstbücher, die großen Russen und Hermann Hesse. Ist Minnaard ein Steppenwolf? Einer, der im Treppenhaus sitzt und sich, den Gerüchen nachschnuppernd, nach der Gutbürgerlichkeit sehnt? Nein, antwortet er, auch wenn Gerard Minnaard sich im Gespräch als »extrem entwurzelt« bezeichnet hat. Inzwischen kann er schätzen, dass andere Leute generationenlang an einem Ort bleiben, Familie haben. Für ihn kam das so nicht in Frage. Dafür war sein Leben bis jetzt viel zu intensiv-extensiv. Immer auch für andere. Letzten Sommer ist Gerard Minnaard 50 geworden. Er hatte sich die Glückwünsche nicht telefonisch eingemahnt, aber natürlich eingeladen zu Spanferkel und froher Runde in seine IDA-Familie. Viele kamen und entsprachen dem Wunsch des Jubilars, anstatt Blumen Spenden zu bringen. Für die zahlreichen sozialen Projekte, die Minnaard auf den Weg brachte. Die zusammengekommene Summe hat ihn sehr glücklich gemacht, vielleicht hat sie ihm Kraft gegeben, damit er ein Wunder an Menschlichkeit und ein Segen für diese Stadt bleiben kann! P.S. Manchmal sitzt Gerard Minnaard in seinem Lieblings-Café in Uelzens Innenstadt. Wie zum Luftholen. Und dann kann er sich auch schon mal aufregen über Ämter, die für ein Kunstprojekt mit arbeitslosen Jugendlichen die Vermietung von Räumlichkeiten dafür verweigern, weil ja Lärm und Dreck im Gefolge sein könnten. Und wenn er über einen höherrangigen Amtsbruder die Worte »mein Intimfeind« über die Lippen bringt, dann merkt man, dass der Pastor eben auch nur ein Mensch ist.

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