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Kleinigkeiten des Alltags

  • Von Wolfgang Eckert
  • Lesedauer: 3 Min.

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Für diesen Dichter unter den Feuilletonisten muss man sich Zeit nehmen. Nach jedem seiner Sätze. Wenn man ihn verstehen will. Ihn interessieren die langweiligsten Dinge des Lebens, an denen wir gern vorbeidenken: die Kleinigkeiten des Alltags.

Die Rede ist von Victor Auburtin, der in Berlin geboren wurde und von 1870 bis 1928 lebte. Beharrlich geht die Literatur geschichte immer wieder schweigend an ihm vorbei. Beharrlich aber gibt es auch immer wieder den Versuch, ihn der Ver gessenheit zu entreißen, wie z.B. einst durch Walther Kiaulehn oder Heinz Knobloch, dessen Sammlung »Sündenfälle«, 1970 bei Rütten & Loening,, jetzt bei Aufbau als Taschenbuch nachaufgelegt wurde, geringfügig erweitert, mit einem ausführlicheren Nachwort Knoblochs. Und unter den Freunden Auburtins unbedingt zu nennen: Peter Moses-Krause, der in seinem Verlag Das Arsenal sogar eine sechsbändige Werkausgabe herausgibt - und weitere Editionen, wie gerade jetzt »Sand und Sachsen«, ein Sommer bilderbüchlein von Ost- und Nordsee, von Wolfgang Würfel fantasievoll illustriert.

Auburtin war Redakteur im »Berliner Tageblatt«. Er lebte als Korrespondent jahrelang in Paris, Madrid und Rom. Manche lasen die Zeitung nur seiner klugen, oft poetischen Berichte wegen. Seine Gedanken sammelten sich allmählich zu Büchern mit bescheidenen Auflagen. Ein zerflattertes Erbe, nennt es Knobloch. Um so erstaunlicher, dass die damalige Zeitbezogenheit aktuell geblieben ist. Grund dafür ist der Lebensphilosoph Victor Auburtin. Indem er die Sinnigkeiten und Unsinnigkeiten menschlicher Verhaltensweisen innerhalb eines Gesellschaftssystems heiter-gelassen, oft selbstironisch, sprachlich meisterhaft und pointenreich reflektiert, erzielt er eben diese bleibende Zeitbezogenheit. Wer nach Griechenland, Spanien oder Wien reisen will oder eben an die Ost- und Nordsee, der lese vorher Auburtins Impressionen. Er wird anders sehen und erleben.

Wo andere eilen, bleibt er staunend stehen. Es ist ein leises Kopfschütteln in seinen Feuilletons, kein drohender Zeigefinger. Er verneint nicht, aber er bezweifelt. Man kann lachen über andere und er schrecken über sich selber. Sind wir nicht wie jener, der immer, wenn er wo war, woanders sein wollte, der niemals etwas getan, sondern immer nur ein nächstes vorbereitet hat? »Und als er auf dem Ster bebette lag, wunderte er sich sehr, wie leer und zwecklos doch eigentlich dieses Leben gewissermaßen gewesen sei.«

Auburtin ruft. Bleib doch mal stehen! Stehen bleiben ist kein Stillstand. In unserer Welt, die ständig zu Spektakeln aufruft, ist natürlich einer, der da nicht hingeht, ein Einsamer. Auburtin war ein Einsamer. Er stand am Straßenrand. Aber er hat gerade deshalb für uns das Unüber sehbare entdeckt, obwohl er doch wusste, dass »in der bürgerlichen Gesellschaft die Dichter leichter entbehrlich sind, als eine Abortfrau.«

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons. Hsg. von Heinz Knobloch. Aufbau Taschenbuch Verlag. 380 S., 18 DM. Victor Auburtin: Sand und Sachsen. Mit Zeichnungen von Wolfgang Würfel. Das Ar senal. 62 S, brosch., 16,80DM.

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