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  • Politik
  • ? Geistige Mobilmachung - ein nicht nur innerakademischer Disput

Der Wahn vom heiligen Krieg

Von Fritz.Klein

Die Deutschen», verkündete Rudolph Eucken, Philosophieprofessor der Universität Jena und Nobelpreisträger für Literatur 1908, «bilden die Seele der Menschheit», was bedeute, «dass die Vernichtung der deutschen Art die Weltgeschichte ihres tiefsten Sinnes berauben würde». Diesem Unheil zu wehren, zögen Deutschlands Söhne in den gerechten, den «heiligen» Krieg, heißt es in der zweiten von 36 Kriegsreden, die Eucken nach Kriegsbeginn 1914 vor stets überfüllten Auditorien hielt.

Kurt Flasch, emeritierter Professor der Philosophie an der Universität Bochum, Verfasser wichtiger Veröffentlichungen zur Geschichte der Philosophie vor allem des Mittelalters, zitiert diesen Ausspruch in seinem Zitatenreichen Buch. Es ist eine eindrucksvolle Dokumentation dessen, was deutsche Professoren der Philosophie, aber auch der Geschichte, der Ger manistik, der Altphilologie, der Nationalökonomie und des Rechts sowie Schriftsteller und Künstler zu Beginn des Ersten Weltkriegs und im weiteren Verlauf des Krieges zu diesem Ereignis zu sagen hatten. Aus einer im Laufe der Jahre gesammelten Bibliografie von mehr als 13 000 Kriegsschriften hat Flasch seine Zeugnisse ausgewählt. Kaum nachzuvollziehen ist heutigem Verständnis der Überschwang, die ungehemmte Begeisterung, mit der die geistigen Führer der Nation den Kriegsbeginn bejubelten, im «tiefen, unendlichen Glück eines großen Vollgefühls», wie der Germanist Gustav Roethe es ausdrückte, nach dessen Meinung keiner, der diese Tage durchlebt habe, ihren «heiligen Gewinn» je wieder verlieren werde.

Freilich -die deutschen Intellektuellen, wie im Untertitel angekündigt, sind es nicht, die Flasch vorführt. Ein so eminenter Kriegshistoriker wie Franz Mehring kommt nicht vor, der in der «Neuen Zeit» im November 1914 einen fundierten Aufsatz «Vom Wesen des Krieges» veröffentlichte, mit einem Seitenhieb auch auf die «Sinn- und Zwecklosigkeiten», die deutsche Professoren seit Beginn des Krieges geleistet hatten. Und nur staunen kann man über die schimmerlose Ignoranz, mit der über Rosa Luxemburg nur mitgeteilt wird, sie habe literarisch seit 1916/17 (!) den Militarismus und die Halbheiten der Sozialdemokratie bekämpft, zuerst in der Zeitschrift «Die Aktion», seit 1918 in «Die Rote Fahne». Beiträge der Rosa Luxemburg in Franz Pfemferts «Aktion» sind der einschlägigen Forschung unbekannt, die sich zu Recht auf die Fülle von fakten- und gedankenreichen Artikeln konzentriert, in denen die Frau, die ihr Leben lang gegen den Militarismus kämpfte, von der ersten Stunde des Krieges an zu Wesen und Er scheinung des Krieges Stellung nahm, in der «Sozialdemokratischen Korrespondenz», der Zeitung «Die Internationale» und besonders in den «Spartakusbriefen» - ganz zu schweigen von der großen Auseinandersetzung mit dem Krieg in der «Junius»-Broschüre von 1915.

Die Blindheit gegen die Intellektuellen der radikalen Linken ist nicht der einzige Schwachpunkt des Buches. Unbefriedigend ist die durchweg spürbare Tendenz des Autors, die von ihm vorgestellten Zeugnisse auf einer vom realen Geschichtsverlauf weitgehend abstrahierenden Ebene zu diskutieren. Er habe die Zitate nicht gesammelt, um gegen sie zu zetern, schreibt er einmal, wogegen nichts einzuwenden ist. Zeternde Polemik ist es nicht, was man vermisst. Wohl aber den konkreten Zeitbezug in einer Darstellung, die die vorgestellten Texte als «Produkte rein individueller Reflexion» behandelt, wie Flasch seine Methode am Beispiel der Auseinandersetzung mit den Kriegstexten Rudolf Borchardts beschreibt. Dass Charakteristika der Kriegspropaganda von 1914 wie mangelnder Tatsachensinn, nationalistische Blickverengung, idealisierende Verklärung und mythisierende Glättung nicht erst 1914 entstanden, wird kurz festgestellt. Nichts aber wird gesagt über den gesellschaftlichen Boden, über den Prozess im geistigen Leben, in dem solche Vorstellungen im wilhelminischen Kaiserreich wuchsen und im herrschenden Denken immer mehr die Oberhand gewannen. Ähnlich verhält es sich mit dem, was über die allmähliche Wandlung im Kriegsbild einiger der zunächst so begeisterten Intellektuellen zu einer skeptischeren und realistischeren Betrachtung mitgeteilt wird.

Von einer «Ideenwende» 1916/17 spricht Flasch. Die hat es in der Tat gegeben. Was aber fast unbeleuchtet bleibt, ist der realhistorische Hintergrund, auf dem sie doch nur verständlich wird: das Massensterben an den Fronten, Not und Elend in der Heimat, die wachsende Kriegsmüdigkeit von immer mehr Menschen, die keinen Sinn mehr darin sahen, die unsäglichen Opfer auf sich zu nehmen, die der nicht enden wollende Krieg ihnen aufer legte. An dieser veränderten Wirklichkeit wäre zu messen, wie konsequent oder inkonsequent der eine oder andere sein Denken änderte, mit ihr wäre die Unbelehrbarkeit derer zu konfrontieren, die starrsinnig an dem festhielten, was sie für ihre patriotische Pflicht hielten. Der Ver zieht des Autors auf diese Ebene des Ver gleichs, die Beschränkung auf die Ebene der inneren Reflexion führt zu dem Eindruck, das uferlose Denken, Reden und Schreiben über den Krieg habe sich nur in der dünnen Luft eines innerakademischen Disputs abgespielt.

In ihren Grenzen hat die Arbeit gleichwohl ihren Wert. In makabrer Weise hatte Roethe nämlich recht, wenn er von dem unvergänglichen Wert der patriotischen Erinnerung an den August 1914 sprach. Jahrzehntelang hielten große Teile der so genannten gebildeten Schichten der Deutschen an dieser oder jener Art verklärter Erinnerung an den Großen Krieg fest, nicht die letzte Ursache für die Schwäche der ersten deutschen Republik und den erneuten Triumph des Wahns von der deutschen Sendung im Sieg der Nazis. Und da lohnt es schon, der genauen und ausführlichen Analyse der im Einzelnen mannigfachen, jeweils auch aus der Geschichte und dem zeitgenössischen Diskurs ihrer Disziplin erklärten Argumentation jener Generation führender Geister zu folgen, die Flasch vorlegt. Vorsätzlich unaufgeregt geht er den verschlungenen Pfaden nach, auf denen Männer wie Rudolph Eucken, Ernst Troeltsch, Friedrich Meinecke, Max Scheler, Martin Spahn, Rudolf Borchardt oder auch Hugo Ball neben vielen anderen sich um die Deutung des Krieges bemühten.

Er konzentriere sich auf die deutsche Denkarbeit mit dem Großen Krieg, schreibt Flasch, weil er begreifen wolle, was Deutschland und sein Selbstverständnis waren. Wer diese Neugier teilt, wird sicher nicht alle Antworten finden, liest er das Buch. Neue Nachdenk lichkeit über ein altes Thema aber weckt es allemal.

Kurt Flasch: Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Ein Versuch. Alexander Fest Verlag, Berlin 2000. 447S., geb., 68 DM.

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