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Die Stimme des Intellekts ist leise

Sigmund Freud und die Gesellschaft

  • Von Christfried Tögel
  • Lesedauer: 11 Min.
Wir kennen Freud als den Begründer der Psychoanalyse, als Autor der »Traumdeutung«, der »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« und der »Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse«. Auch dass er hier und da über Kunst und Literatur geschrieben hat, ist vielen geläufig. Und seine Bücher über Gesellschaft und Religion wie »Massenpsychologie und Ich-Analyse«, »Die Zukunft einer Illusion« und »Das Unbehagen in der Kultur« sind vielen vom Titel her bekannt. Über sein lebenslanges Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen weiß man schon weniger. So studierte er im Alter von vierzehn Jahren den Verlauf des Deutsch-Französischen Krieges anhand von Landkarten, mit dreiundzwanzig las er Macaulys »Geschichte Englands« und Adam Smiths Werk über den »Reichtum der Nationen«, 1905 erschien von ihm eine »Stellungnahme zur Eherechtsenquete«, 1911 unterzeichnete er einen Aufruf zur Gründung einer »Internationalen Vereinigung für Mutterschutz und Sexualreform«, 1922 unterstützte er das »Komitee Künstlerhilfe« für die Hungernden in Russland, 1927 unterzeichnete er in der Wiener »Arbeiter-Zeitung« einen Wahlaufruf für die Sozialdemokraten und 1932 unterschrieb er den Aufruf von Henri Barbusse gegen einen neuen Krieg. Eine erste intensivere Auseinandersetzung mit politischen Fragen fällt in die Jahre 1879/1880. Freud, damals 23-jährig, hatte die Übersetzung einiger Schriften von John Stuart Mill übernommen, darunter die Artikel über »Frauenemanzipation«, »Die Arbeiterfrage« und »Sozialismus«. Schon im Frühjahr 1875 hatte er nach einer ersten Lektüre von Mill an einen Jugendfreund geschrieben: »Sozialistischen Bestrebungen bin ich übrigens sehr wenig abhold, obwohl ich keine von den Formen kenne, unter denen sie heute auftreten. Es ist wirklich sehr viel faul in diesem "Kerker", Erde genannt, was durch menschliche Einrichtungen zu bessern wäre in Erziehung, Güterverteilung, Form des Struggle for existence u.s.f. Es sind das Mill'sche Gedanken, denen ich mich von nun an bald mit Eifer hingeben zu können hoffe.« Mit aller Macht prallte die Brutalität des »Kerkers Erde« während des Ersten Weltkriegs auf Freud. Obwohl er noch zu Kriegsbeginn schrieb, er fühle sich zum »ersten Mal seit 30 Jahren als Österreicher«, wurde er schon bald viel zurückhaltender, und Anfang 1915 verfasste er seinen Essay unter dem Titel »Zeitgemäßes über Krieg und Tod«. Darin formulierte er seine Überzeugung, daß wir eigentlich gar nicht berechtigt seien, vom »unkulturellen Benehmen unserer Weltmitbürger« im Krieg enttäuscht zu sein, denn: »In Wirklichkeit sind sie nicht so tief gesunken, wie wir fürchten, weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren, wie wirs von ihnen glaubten.« Dieser Text enthält zudem Freuds wohl schärfste Kritik an Politikern und Regierungen und ihrer Scheinheiligkeit: »Der einzelne Volksangehörige kann in diesem Kriege mit Schrecken feststellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedenszeiten aufdrängen wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde. Er bedient sich nicht nur der erlaubten List, sondern auch der bewußten Lüge und des absichtlichen Betruges gegen den Feind, und dies zwar in einem Maße, welches das in früheren Kriegen Gebräuchliche zu übersteigen scheint. Der Staat fordert das Äußerste an Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, entmündigt sie aber dabei durch ein Übermaß von Verheimlichung und eine Zensur der Mitteilung und Meinungsäußerung, welche die Stimmung der so intellektuell Unterdrückten wehrlos macht gegen jede ungünstige Situation und jedes wüste Gerücht. Er löst sich los von Zusicherungen und Verträgen, durch die er sich gegen andere Staaten gebunden hatte, bekennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Machtstreben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheißen soll.« Auch ein Briefwechsel mit Albert Einstein von 1933 ist dem Problem des Krieges gewidmet. Die Initiative dazu ging vom Internationalen Institut für geistige Zusammenarbeit aus - eine Einrichtung des Völkerbundes und Vorläufer der UNESCO. Einstein bezeichnete die Frage »Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?« als die wichtigste der Zivilisation und stellt die Frage, wie es möglich sei, dass sich Menschen bis zur Raserei und Selbstaufopferung manipulieren lassen. Einstein glaubt, dass das Bedürfnis des Menschen »zu hassen und zu vernichten« in Friedenszeiten lediglich latent vorhanden ist, unter bestimmten Umständen aber »leicht geweckt und zur Massenpsychose gesteigert werden« kann. Genau an dieser Stelle müsse der »Kenner der menschlichen Triebe« seine Arbeit aufnehmen und sich die Frage stellen: »Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, dass sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden?« Freud brauchte für seine Antwort reichlich vier Wochen. Den Grund für Einsteins Klage, dass Menschen sich so leicht für den Krieg begeistern lassen, sieht er in einem angeborenen Destruktionstrieb. Es gebe auch wenig Aussichten, die aggressiven Neigungen der Menschen abschaffen zu können. Freud wird dann sehr ironisch: »Es soll in glücklichen Gegenden der Erde, wo die Natur alles, was der Mensch braucht, überreichlich zur Verfügung stellt, Völkerstämme geben, deren Leben in Sanftmut verläuft, bei denen Zwang und Aggression unbekannt sind. Ich kann es kaum glauben, möchte gern mehr über diese Glücklichen erfahren. Auch die Bolschewisten hoffen, dass sie die menschliche Aggression zum Verschwinden bringen können dadurch, dass sie die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse verbürgen und sonst Gleichheit unter den Teilnehmern an der Gemeinschaft herstellen. Ich halte das für eine Illusion. Vorläufig sind sie auf das sorgfältigste bewaffnet und halten ihre Anhänger nicht zum Mindesten durch den Hass gegen alle Außenstehenden zusammen.« Es kann sich also nicht darum handeln, die menschliche Aggressionsneigung völlig zu beseitigen; man könne aber versuchen, »sie soweit abzulenken, daß sie nicht ihren Ausdruck im Kriege finden muß.« Das könne nach Freud der Gegenspieler des Destruktions-triebs - der Eros - leisten, denn alles, was Gefühlsbindungen unter den Menschen fördert, arbeitet gegen den Krieg. Das kann jede Art von Gefühlsbindung sein, nicht nur sexuelle Beziehungen. Alle Gemeinsamkeiten unter den Menschen führen zu Identifizierungen, auf den der Aufbau der menschlichen Gesellschaft zu einem wesentlichen Teil ruht. Der Idealzustand einer Gemeinschaft von Menschen, die ihr »Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen haben« sei möglicherweise eine utopische Hoffnung. Vielleicht aber könne die Kulturentwicklung und die berechtigte Angst vor den Wirkungen eines zukünftigen Krieges, »dem Kriegführen in absehbarer Zeit ein Ende setzen.« Und Freud fügt hinzu: »Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.« Ein Hemmnis auf dem Weg zur »Diktatur der Vernunft« ist nach Freud das »Denkverbot der Kirche«. Das deutet schon auf ein ausgesprochen kritisches Verhältnis zur Religion hin. Freud war tatsächlich überzeugter und bekennender Atheist. Harsche, aber auch ironische Religionskritik zieht sich durch seine sämtlichen Briefe und Schriften. Den letzten Grund des Bedürfnisses nach Religion sah er in der infantilen Hilflosigkeit des Menschen. »Seither kann er sich die elternlose Welt nicht vorstellen und leistet sich einen gerechten Gott und eine gütige Natur, die beiden ärgsten anthropomorphen Verfälschungen des Weltbildes, deren er sich überhaupt schuldig machen konnte.« Freud hielt es sogar für folgerichtig, wie er in einem Brief an einen Schüler formulierte, »alle irgendwie Gläubigen vom Besuch einer Universität auszuschließen«. Die oft hervorgehobene Tatsache, dass sich Freud immer als Jude gefühlt habe, steht nicht im Widerspruch zu seiner Ablehnung jeder Religion: An den Zionisten Israel Cohen, der Freud in England begrüßt und ihn als prominenten Juden gebeten hatte, einen Brief zu unterzeichnen, der die Ansiedlung jüdischer Emigranten in Palästina willkommen hieß, schrieb er 1938: »Dem Dank für Ihren Willkommensgruß in England füge ich die Bitte an, mich nicht wie einen "Leader in Israel" behandeln zu wollen. Ich möchte nur als bescheidener Wissenschaftler betrachtet werden und in keiner anderen Weise hervortreten. Obwohl ein guter Jude, der das Judentum nie verleugnet hat, kann ich doch nicht übersehen, daß meine absolut negative Einstellung zu jeder Religion, auch der jüdischen, mich von der Mehrzahl unserer Genossen absondert und mich für die Rolle, die Sie mir zuweisen wollen, ungeeignet macht.« Freud machte die Religion auch zum Gegenstand seiner theoretischen Überlegungen und widmete der Analyse ihres Entstehens und ihrer Äußerungen mehrere Schriften. In dem Artikel »Zwangshandlungen und Religionsübungen« von 1907 formuliert er seine Überzeugung, dass die Zwangsneurose das pathologische Gegenstück zur Religionsübung ist, d.h., er fasst die Neurose als eine individuelle Religion und die Religion als eine universelle Zwangsneurose auf. Sein religionskritisches Hauptwerk erschien 1927 und trägt den Titel »Die Zukunft einer Illusion«. Es behandelte im Gegensatz zu seinen bisherigen Arbeiten zu diesem Thema weniger den Ursprung der Religion, als ihr Wesen und ihre Zukunft. Dabei legte er Wert auf die Unterscheidung, dass eine Illusion kein Irrtum sei, sondern ein im Wesentlichen durch Wunscherfüllung motivierter Glaube - zum Beispiel wenn sich ein armes Mädchen der Illusion hingibt, ein Prinz werde kommen und es heiraten. Freud war sich im Klaren, dass er mit seinen Thesen auf starken Widerspruch stoßen würde, aber er wusste sich zu trösten: »In früheren Zeiten war es anders, da erwarb man durch solche Äußerungen eine sichere Verkürzung seiner irdischen Existenz und eine gute Beschleunigung der Gelegenheit, eigene Erfahrungen über das jenseitige Leben zu machen.«
Christfried Tögel, geboren 1953 in Leipzig, war 1994 für die Erfassung der Archivbestände im Freud-Museum London zuständig, ist seit dem Jahre 2000 Leiter des »Sigmund-Freud-Zentrums« in Uchtspringe/ Magdeburg und darüber hinaus seit 2004 Direktor des »SALUS-Instituts für Trendforschung und Therapieevaluation in Mental Health«. Er ist Autor bzw. Herausgeber von 14 Büchern über Freud, zuletzt schrieb er im Aufbau-Verlag »Freud für Eilige« (2005), »Freud und Berlin« (2006) und gab den Band »Lilly Freud-Marle. Mein Onkel Sigmund Freud« (2006) heraus.
Foto: privat
Doch Freud war auch der Meinung, dass man die Religion als Grundlage unserer Kultur nicht ungestraft hinterfragt, genausowenig wie man archäologische Ausgrabungen unter Wohnhäusern vornimmt, auf die Gefahr hin, dass diese dann einzustürzen. Allerdings ist er auch der Ansicht, dass es langfristig »eine größere Gefahr für die Kultur bedeutet, wenn man ihr gegenwärtiges Verhältnis zur Religion aufrecht hält, als wenn man es löst«. Freuds erstes Argument: Wäre es der Religion gelungen, die Mehrzahl der Menschen glücklich zu machen, sie zu trösten und mit dem Leben auszusöhnen, so würde es keinem einfallen, sie in Frage zu stellen. Zweitens führe der Fortschritt der Wissenschaft unweigerlich zum Niedergang der Religion. »Wenn man seinen Nebenmenschen nur darum nicht erschlagen darf, weil der liebe Gott es verboten hat und es in diesem oder jenem Leben schwer ahnden wird, man erfährt aber, es gibt keinen lieben Gott, man braucht sich vor seiner Strafe nicht zu fürchten, dann erschlägt man ihn gewiß unbedenklich und kann nur durch irdische Gewalt davon abgehalten werden.« Seine Hoffnung aber gibt Freud nicht auf. Irgendwann, glaubt er, werde die Vernunft sich gegen die Religion durchsetzen: »[] die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat.« Auch Freuds letztes Buch ist der Religion gewidmet. Es ist 1939 in Holland erschienen und trägt den Titel »Der Mann Moses und die monotheistische Religion«. In ihm entwickelt Freud die These, dass Moses kein Jude, sondern ein Ägypter war und das Modell einer monotheistischen Religion vom ägyptischen Pharao Echnaton übernommen hatte. Dass der Name »Moses« ägyptisch ist, hatten zwar schon andere Leute vor ihm bemerkt, aber aus Respekt vor der biblischen Überlieferung daraus keine weiteren Schlüsse gezogen. Freud untermauert seine These durch eine Analyse des »Mythos von der Geburt des Helden«. Er glaubt, Moses sei ein vornehmer Ägypter gewesen, der von seinen Eltern ausgesetzt wurde. Die Sage habe ihn später zum Juden gemacht. Freuds Bedenken, die Juden könnten beleidigt auf die These reagieren, ihr Moses sei in Wirklichkeit ein Ägypter gewesen, waren berechtigt. Viele Juden warnten ihn vor der Veröffentlichung und nach Erscheinen des Buches gingen ihm Drohungen und auch Beschimpfungen zu. In einem bisher unveröffentlichten und nicht unterzeichneten Brief nannte ihn ein Jude aus Boston einen »Schwachkopf« und schrieb weiter: »Renegaten wie Sie hatten wir Tausende. Wir sind froh, daß wir sie wieder losgeworden sind, und wir hoffen auch Sie bald loszuwerden. Es ist nur schade, daß die Gangster in Deutschland Sie nicht in ein Konzentrationslager gesteckt haben. Dort gehören Sie hin.« * * * Sigmund Freud hat Hunderte von Artikeln und Büchern geschrieben, fast alle waren umstritten und sind es heute noch - nicht nur seine Thesen zu Gesellschaft, Krieg und Religion. Von den Antworten, die er gegeben hat, sind manche bestätigt worden und manche widerlegt. Doch an den Fragen, die Freud gestellt hat, kommt niemand vorbei.

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