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Alice Schwarzer sieht Rot

Sexarbeiterinnen protestieren gegen Buchpräsentation der EMMA-Herausgeberin und deren Forderung nach einem Verbot der Prostitution

  • Von Celestine Hassenfratz
  • Lesedauer: 3 Min.

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Am Donnerstagabend fand im Tagungszentrum »Urania« eine Podiumsdiskussion zum Thema Prostitution statt. Feministin Alice Schwarzer hatte geladen. Schwarzer wollte nicht nur ihr neues Buch vorstellen, sie fordert: »Prostitution abschaffen«. Das gefiel nicht allen.

Rot ist die Farbe der Wollust, der Erotik, des Zorns. Der Donnerstagabend im Tagungszentrum »Urania« in Berlin steht ganz im Zeichen dieser Farbe: Rote Stühle, rote Regenschirme, zornesrote DemonstrantInnen.

Alice Schwarzer, Feministin und EMMA-Herausgeberin, hat zur Podiumsdiskussion zum Thema Prostitution geladen. Nebenbei präsentiert sie ihr neues Buch, »Prostitution – Ein deutscher Skandal«. Eine Veranstaltung irgendwo zwischen Moral und Marketing. Gekommen sind BefürworterInnen von Schwarzers »Appell gegen Prostitution« und deren GegnerInnen. Die halten vor dem Eingang knallrote Regenschirme in die Höhe. Sechs Polizisten beäugen die etwa 30 SexarbeiterInnen, die hier gegen Schwarzer und deren »Bevormundungspolitik« demonstrieren. »Wir wurden nicht gefragt, ob wir heute Abend mitdiskutieren möchten«, sagt Kristina Marlen, die seit fünf Jahren als Sexarbeiterin tätig ist. Die Einlasskontrolle ist akribisch. Taschen, Mäntel und DemonstrantInnen sollen draußen bleiben.

Auf den dunkelroten Sesseln des Podiums haben die EMMA-Redakteurin Chantal Louis, Sozialarbeiterin Sabine Constabel, Ex-Prostituierte Marie und Kommissar Helmut Sporer Platz genommen. In der Mitte: Alice Schwarzer.

Kaum hat Schwarzer das Podium eröffnet, wird sie jäh unterbrochen. Fünf Frauen versuchen mit einem Banner die Bühne zu stürmen und werden von Securities nach draußen komplementiert. Auf einmal sind auch die knallroten Regenschirme wieder da. Ein Dutzend DemonstrantInnen hat es in den Saal geschafft. »Es regnet doch gar nicht«, versucht Schwarzer die Störung wegzulächeln.

»Wir sprechen später mit euch«, verspricht sie. Dann referiert Schwarzer: 90-95 Prozent der etwa 700.000 SexarbeiterInnen würden unter Zwang in der Prostitution arbeiten, die Änderung des Prostitutionsgesetzes von 2002 hätte Deutschland zum »Paradies« für Sextouristen gemacht, der Menschenhandel sei sprunghaft angestiegen. »Woher haben sie ihre Zahlen«, ruft eine Frau aus dem Publikum immer wieder dazwischen. Die Bundesregierung spricht von etwa 400.000 Menschen in der Prostitution, der Menschenhandel hat dem Bundeslagebericht des Bundeskriminalamtes zufolge seit 2002 sogar abgenommen.

Sozialarbeiterin Constabel erzählt von Frauen aus Osteuropa, die die Bordelle füllen - ungebildet und unfreiwillig. Frauen die schwanger würden, weil sie ohne Kondome arbeiten müssten. Frauen, denen ihre Babies weggenommen werden und von Babies, die direkt in die Sexarbeit eingeschleust werden. Die Ex-Prostituierte Marie spricht über Gewalt und Vergewaltigung, die sie erlebt hat. Komissar Sporer fordert ein Meldegesetz für Prostituierte, die Wiedereinführung medizinischer Gesundheitschecks und die Bestrafung von Freiern. EMMA-Redakteurin Louis referiert das »Schwedische Modell«.

Immer wieder werden auf dem Podium die Begriffe Menschenhandel, Sklaverei und Prostitution gleichgesetzt. Und Alice Schwarzer will nur eins: Prostitution abschaffen. Das aber wollen die anwesenden SexarbeiterInnen nicht. Zwischenrufe werden lauter. Schirme in die Höhe gereckt.

Ob der vielen Störungen rutschen einige BesucherInnen im Saal unruhig auf ihren roten Polstersesseln herum. Schwarzer nutzt die Gelegenheit, um die Anwesenheit blumenkranzgeschmückter Femen-Aktivistinnen und deren Aktionen zu loben. Dunkle Zornesröte macht sich im Gesicht der DemonstrantInnen breit.

Schwarzer eröffnet die Diskussion mit dem Publikum nach knapp einer Stunde Podium. Eine junge Frau von der Aidshilfe spricht ins Saalmikrofon: »Konstruktive Kommunikation kann nur dann geschehen, wenn es eine klare Trennung zwischen Menschenhandel und Prostitution gibt. Verbot und Kriminalisierung haben noch nie dazu geführt, dass Prostitution aufhört«. Schwarzer kommentiert: »Hier sticht Ideologie wohl Realität«.

Einer Sexarbeiterin dauert das alles wohl zu lange. Sie stürmt die Bühne, lässt die schwarze Lederleggins zu den Knöcheln rutschen. Zeigt erst Vagina, dann Hintern und ruft: »Mein Körper gehört mir. Mein Beruf gehört mir«. Alice Schwarzer lächelt und beginnt sich unter lauten Buh-Rufen und tosendem Applaus vom Publikum zu verabschieden. Müsste man den Abend malen, es würde nichts weiter dabei herauskommen, als eine dunkelrot-schraffierte Fläche.

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