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WDSDWWL oder Die Linke müsste ostdeutscher werden

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Sigmar Gabriel ließ vor der Bundestagswahl verlauten, dass er die Ost-Linken für koalitionsfähiger als die West-Linken hält. Das gab einen Aufschrei. Er wolle Die Linke spalten, las man von erzürnten Linken. Völlig falsch lag er mit dieser Einordnung jedoch nicht.

Im Roman »Neue Vahr Süd« leistet die Hauptfigur Frank Lehmann unter der Woche seinen Wehrdienst ab und pennt am Wochenende in einer jener links angehauchten Wohngemeinschaften, wie es sie in den Achtzigern noch gab. Bei einem abendlichen Gespräch lobt ein offensichtlich linker Kerl die Friedfertigkeit des Sozialismus und die pazifistischen Absichten der NVA. Als Lehmann recht naiv fragt, wie man dann die erhöhte Bereitschaft zum Wochenenddienst erklären könne, die die Soldaten aus Ostdeutschland angeblich an den Tag legten, springt der linke Kerl entrüstet auf und erklärt, dass unter diesen Umständen der Dialog für ihn beendet sei. Das sei ihm zu faschistisch. Schönen Abend noch.

Diese Szene deckt sich durchaus mit meinen Erfahrungen. Auf meinem Blog habe ich es nicht selten mit Wessis zu tun, die tatsächlich wie linke Sektierer auftreten - um mal die Worte Gabriels zu benutzen. Sie erzählen dann steinzeitsozialistisch eingefärbt vom asketischen Leben, das unbedingt nötig wäre oder repetieren stramm kommunistisch Parolen von anno dunnemals. Manche warfen mir auch vor, dass ich Kapitalist sei, weil ich Geld mit dem Schreiben verdiene.

Klar, nicht alle dieser West-Linken sind bei Die Linke. Aber ich vermute, ganz aus dem Dunstkreis der Partei sind sie nicht wegzudenken. Immerhin posten sie auch auf den einschlägigen Facebook-Seiten von Die Linke.

Auch meine Startseite bei Facebook beschert mir viele Statements von Linken. Manches davon ist so hanebüchen, dass ich mich fremdschäme. Ich meine, wenn jemand ernsthaft von der »wärmenden Flamme des Kommunismus« schreibt, dann kann es nur peinlich berühren. Außerdem scheint bei Facebook auch so eine Art WDSDWWL (Westdeutschland sucht den wirklich wahrsten Linken) stattzufinden. Ständig liegen sich da Leute, die dieselben Ziele verfolgen, in den Haaren und werfen sich vor, den »Weg der Tugend« verlassen zu haben. Keiner ist links genug und jeder der Feind.

Größtenteils ist dieses linke Benehmen westdeutsch, was sich gerade bei Facebook leicht kontrollieren lässt. Diese West-Linken betreiben ihre politische Einstellung mit religiösem Eifer und halten Standpredigten, so wie einst Savanorola es in Florenz tat. Was mich besonders ärgert ist diese Arroganz, es als Charakterschwäche zu beschimpfen, wenn der Einzelne ins kapitalistische System eingeordnet ist. Gleichzeitig stilisieren sie sich als Outsider, die sie aber nicht sind und auch nicht sein können, so mitten im System.

Im Zuge meiner publizistischen Tätigkeit habe ich auch einige Linke aus dem Osten des Landes kennengelernt. Menschen, die nicht unbedingt direkt mit Die Linke zu tun haben, durchaus aber in geistiger Nähe zu dieser Partei stehen. Natürlich ist die Wertung rein subjektiv, aber mit ostdeutschen Linken komme ich besser klar. Sie sind realistischer, weniger eindimensional und anmaßend. Ich würde sie aber auf keinen Fall als beliebige Realos einstufen, die jedem Trend hinterherlaufen. Sie sind einfach nur nicht so idealistisch, um den Grund und Boden zu vergessen, auf dem sie stehen. Sie wissen von der Unmöglichkeit reinen Lebens. Haben Verständnis dafür, dass Menschen im Kapitalismus nicht dauerhaft die Revolution ausrufen und glauben ohnehin, dass es mit Revolutionsromantik nicht weit her ist. Den radikalen Altruismus, den Linke aus dem Westen gerne im Munde führen, teilen sie eher nicht. Diese Lockerheit geht den linken Wessis leider ab. Alles eine Frage der Sozialisierung, die ich heute aber nicht erläutere.

Ein ostdeutscher Sympathisant von Die Linke hat mir von Gabriels Unterscheidung zwischen Ost und West schon erzählt, bevor seine Theorie durch die Medien ging. Bei einem Besuch der Uni Halle hatte er sich ähnlich geäußert, als man ihn fragte, woran eine rot-rote Zusammenarbeit scheitere. Ich nehme an, er hat bei seinen Reisen durch Deutschland so seine Erfahrungen gemacht und die Hardliner vermehrt im Westen kennengelernt. Ob die dann alle Parteimitglieder waren, ist natürlich eine andere Sache.

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