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Prügel oder Pfefferspray?

Die Vorfälle in Kaiserslautern schildern der 1. FC Union Berlin und die Polizei gänzlich verschieden

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 6 Min.

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Der 1. FC Union Berlin hat die Bundespolizei für ihren Einsatz in Kaiserslautern gegen die eigenen Fans stark kritisiert. Durch gegenseitige Schuldzuweisungen wächst die Kluft zwischen Fans und Polizei.

Das Spiel des 1. FC Union am vergangenen Sonnabend beim 1. FC Kaiserslautern wird den deutschen Fußball wohl noch sehr lange beschäftigen. Drei Tage danach haben sich die Fronten zwischen dem Berliner Verein und seinen Fans auf der einen Seite und der Polizei auf der anderen weiter verhärtet. Die Darstellungen über die Geschehnisse gehen nach wie vor weit auseinander. Am Montag bekräftigte das Präsidium der Bundespolizei nochmals seine Sicht der Dinge: »Am 23. November 2013 haben etwa 110 gewaltsuchende Anhänger des 1. FC Union Berlin im Anschluss an die verlorene Zweitligapartie gegen den 1. FC Kaiserslautern im Hauptbahnhof eingesetzte Beamte der Bundespolizei massiv angegriffen. Dabei verletzten einzelne Berliner Fußballstörer unvermittelt durch Schläge, Tritte und Flaschenwürfe fünf Bundespolizisten. Zwei Beamte mussten daraufhin im Krankenhaus behandelt werden. Nur durch den Einsatz von Pfefferspray und Diensthunden konnten die Ausschreitungen in Kaiserslautern beendet werden.«

Der 1. FC Union Berlin hatte seine Sicht der Dinge am Sonntagabend mit einer Pressemitteilung öffentlich gemacht: »Einätze der Sicherheitskräfte, insbesondere der Bundespolizei in Kaiserslautern, haben im Zuge der An- und Abreise von Union-Anhängern zum Spiel des 1. FC Union Berlin beim 1. FC Kaiserslautern für erhebliche Rechtsverstöße und zahlreiche Verletzte gesorgt. Insbesondere vor der Rückfahrt des Sonderzuges nach Berlin ging die Polizei am Hauptbahnhof von Kaiserslautern rücksichtslos und zum Teil brutal gegen friedliche Union-Fans vor. Mit Pfefferspray, Schlagstöcken und Hunden wurden Hunderte Reisende, darunter Frauen und Kinder, trotz regulären Zugverkehrs auf einen Bahnsteig getrieben und in Gefahr gebracht.«

Dass Polizeibehörden allwöchentlich nach Fußballeinsätzen Pressemitteilungen veröffentlichen, ist normal. Dass diese, wie auch in diesem Fall, oft wenig differenziert daherkommen, leider auch. Ebenso, dass stets nur verletzte Beamte erwähnt werden. Erst nach etlichen Telefonaten mit verschiedenen Dienststellen der Bundes- und Landespolizei kristallisiert sich ein Vorfall auf dem Hauptbahnhof in Kaiserslautern als Auslöser des Einsatzes heraus. »Im Tunnel des Bahnhofs kam es zu einer Schlägerei, bei der eine Gruppe von Berliner Fans in Überzahl eine kleine Gruppe von FCK-Fans massiv verprügelte. Wenn wir daneben stehen, können wir da nicht einfach zugucken«, schildert Reza Ahmari als Sprecher der Bundespolizeidirektion Koblenz die Situation. Danach habe man die Fans von Union auf den Bahnsteig drängen wollen. »Die aber haben das nicht freiwillig mit sich machen lassen, also haben wir Zwangsmittel eingesetzt mit Pfefferspray und Schlagstöcken«, so Ahmari. Auch die in der Presseerklärung des Bundespolizeipräsidiums sehr allgemein gehaltene Zahl der »etwa 110 gewaltsuchenden Anhänger des 1. FC Union Berlin« ließ sich nur schwer auflösen. Letztlich bestätigt Stefan Heina von der Bundespolizeiinspektion Kaiserslautern, dass es sich »um alle rund um das Zweitligaspiel straffällig gewordenen Berliner Fans« handelt. Also bei An- und Abreise und keineswegs, wie die Pressemitteilung des Bundespolizeipräsidiums impliziert, nur bei dem Vorfall auf dem Hauptbahnhof.

Dass ein Verein nach einem Polizeieinsatz in dieser Form die Öffentlichkeit sucht und ihn derart scharf verurteilt, ist selten. Selbst beim 1. FC Union, der in Fanbelangen bei Fußballverbänden und Sicherheitsbehörden wahrscheinlich nicht unter B für Berlin, sondern unter Q wie Querulant geführt wird. Der Anlass scheint es jedoch zu rechtfertigen, wie im Gespräch mit Lars Schnell deutlich wird. Der Fanbeauftragte des 1. FC Union Berlin war natürlich auch in Kaiserslautern. Und er war am Hauptbahnhof mittendrin: »Ich habe mit einem Polizisten gesprochen, ganz ruhig und sachlich. Plötzlich zieht dessen Kollege das Pfefferspray und sprüht es mir ins Gesicht.« Schnell hatte sich als Fanbeauftragter der Berliner ausgewiesen.

Auch Schnell erinnert sich an die Auseinandersetzung im Tunnel des Hauptbahnhofs: »Es waren drei bis vier A-Kuttenfans, die aneinander geraten waren.« Keine große Sache. Dies versicherte ihm auch sein Kollege aus Kaiserslautern Christoph Schneller, der Fanbeauftragte des FCK. »Christoph Schneller sagte mir, dass ihm die Landespolizei bestätigt hatte, dass bei der Auseinandersetzung keine Ultras oder Hooligans dabei waren«, erzählt Schnell, »und die Polizei hatte die Sache auch längst schon wieder geschlichtet.« Der Auslöser für den Polizeieinsatz war aus Sicht des Fanbeauftragten des 1. FC Union Berlin vielmehr ein Versagen der Bundespolizei.

Die Berliner Fans wollten mit zwei verschiedenen Zügen die Heimreise aus Kaiserslautern antreten. Von Gleis 5 fuhr der Sonderzug, von Gleis 2 der Zubringer nach Mannheim. Die Bundespolizei hat die Fans auf die falschen Bahnsteige geleitet. Beim Versuch, diese zu wechseln, gerieten die Beamten dann zwischen die Fans, die von unten auf ihren Bahnsteig wollten, und diejenigen, die von oben in den Tunnel wollten. In diesem Durcheinander versuchten dann die Polizisten, alle Berliner auf einen Bahnsteig zu drängen, und »lösten eine Panik aus«, beschreibt Schnell. Hunderte Fans wurden auf einen Bahnsteig getrieben, den gerade ein durchfahrender ICE mit enormer Geschwindigkeit passierte.

»Wir haben es hier mit einem massiven Versagen derjenigen zu tun, die eigentlich für die Sicherheit von Menschen sorgen sollen. Stattdessen erleben wir provozierendes Auftreten, Gewalt, Freiheitsberaubung, Gefährdung der öffentlichen Ordnung und eine unglaubliche Verschwendung von Steuermitteln, die anschließend per Pressemitteilung gerechtfertigt wird. Ein solches Vorgehen führt alle Formen der vertrauensvollen Zusammenarbeit ad absurdum«, kritisierte Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union Berlin, das Vorgehen der Polizei massiv.

Dafür wurden er und der gesamte Verein wiederum aus Polizeikreisen kritisiert. Der Weg, an die Öffentlichkeit zu gehen, sei der falsche. Die ersten Pressemitteilungen kamen jedoch von der Polizei. Und dies, obwohl es vor zwei Wochen ein Treffen von Vereinsvertretern mit der Bundespolizei gegeben hatte, wobei man sich darauf verständigte, Vorfälle erst gemeinsam zu beurteilen, bevor Informationen verbreitet werden.

Die unterschiedlichen Darstellungen gipfelten in den Bekanntmachungen des Polizeipräsidiums Westpfalz. Diese war für alle Belange außerhalb des Stadions und des Bahnhofs zuständig und vermittelte in ihren Pressemitteilungen den Eindruck, dass lediglich Berliner Fans für Ausschreitungen gesorgt hatten. Wie »nd« aus Polizeikreisen erfuhr, waren es jedoch Lauterer Fans, die die Berliner schon auf dem Weg zum Stadion massiv provoziert hatten. Einem Union-Fan wurde sogar die Nase gebrochen. In den Verlautbarungen davon kein Wort. Auch schreibt die Landespolizei über den Einsatz der Bundespolizisten: »Die strikte Fantrennung im Bahnhof konnte nicht aufrecht erhalten werden.« Die Bundesbeamten schieben den schwarzen Peter jedoch prompt zurück. Die beiden Fanlager seien bereits gemischt dort angekommen, eine Fantrennung sei gar nicht notwendig gewesen.

Warum also diese Verdrehungen und Weglassungen aus Sicht der Pfälzer? Einsatzleiter Wolfgang Schäfer wird in der Mitteilung seiner Direktion so zitiert: »Wir hatten heute viel Arbeit und sind mit dem Verlauf des Einsatzes sehr zufrieden, nicht minder mit dem Spielergebnis.« Für ihn steht also fest: Die Richtigen haben gewonnen - im Stadion und auf dem Bahnhof.

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