Ein Propagandainstrument

PISA taugt nicht zur Verbesserung von Bildungsqualität, meint der PISA-Kritiker Wolfram Meyerhöfer

Wolfram Meyerhöfer wurde 1970 in Woldegk (Vorpommern) geboren. Er studierte und promovierte an der Universität Potsdam. Inzwischen ist er Professor für Mathematikdidaktik an der Universität Paderborn. Er gehört seit Jahren zu den schärfsten Kritikern der PISA-Studien. Mit ihm sprach Jens Wernicke.

nd: Am 3. Dezember werden die Ergebnisse der 5. PISA-Studie präsentiert. Wird Deutschland diesmal besser abschneiden?
Meyerhöfer: Das ist unwichtig. Die Länderrangreihen befriedigen kein Erkenntnis-, sondern vor allem ein voyeuristisches Interesse. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass Deutschland sich irgendwie wieder »verbessert« haben wird, weil deutsche Lehrer und Schüler in den letzten Jahren viel stärker als ihre Kampfgegner in den wirtschaftlich konkurrierenden Ländern auf besseres PISA-Ankreuzen hin getrimmt worden sind. Sicher ist jedenfalls, dass wieder behaupten werden wird, dass sich in einer Rangreihenverbesserung zeigen würde, dass Testen und Standardisieren sich positiv auswirke. Wenn Deutschland umgekehrt schlechter abschneidet, dann muss eben noch mehr getestet werden. Es handelt sich nun mal um ein Glaubenssystem mit Selbstverstärkungsmechanismen.

Aber PISA misst doch Bildungsqualität und -erfolg, oder etwa nicht?
Das wird zwar behauptet, von alledem kann angesichts der realen Aufgaben aber nicht die Rede sein. Ich habe bereits in der ersten PISA-Runde alle Mathe-Aufgaben untersucht, auch die verheimlichten. Und dabei stellte sich heraus, dass dort das Mathematische beschädigt wird. Die in den Aufgabenstellungen formulierten angeblich realen Probleme dürfen nicht ernst genommen werden, wenn man zur gewünschten »Lösung« kommen will. Stattdessen muss man sich auf das konzentrieren, was die Tester angekreuzt oder hingeschrieben haben wollen. Prinzipiell erweist es sich dabei als günstig, mittelmäßig zu arbeiten und auf intellektuelle Tiefe in der Auseinandersetzung mit den Aufgaben zu verzichten.

Würden Sie denn behaupten, dass PISA unwissenschaftlich ist?
Ich zitiere mal aus dem Buch »PISA zufolge PISA« von Stefan Hopmann. Dort fasst man die 18 Beiträge von Forschern aus 7 Ländern treffend so zusammen: »Das PISA-Projekt ist offenkundig mit so vielen Schwachstellen und Fehlerquellen belastet, dass sich … die internationalen Vergleichstabellen sowie die meisten nationalen Zusatzanalysen zu Schulen und Schulstrukturen, Unterricht, Schulleistungen und Problemen wie Migration, sozialer Hintergrund, Geschlecht usw., in den bisher praktizierten Formen wissenschaftlich schlicht nicht aufrecht erhalten lassen.« Ich würde hinzufügen: PISA hat kein Erkenntnisinteresse und erzeugt auch keine Erkenntnis. Es ist eher ein Propagandainstrument.

Inwiefern?
Es wird nicht wirklich Bildungsqualität gemessen, sondern zuallererst einmal Reformdruck im Sinne der OECD und der Testkonzerne wider unser Bildungssystem organisiert. Deutschland sollte bei all der Testerei von vornherein schlecht abschneiden. Nur dadurch war es möglich, mittels vermeintlich objektiver Kriterien die deutsche Bildungspolitik vor den PISA-Reform-Karren zu spannen.

Das klingt sehr verschwörerisch.
Meine Kollegin Elisabeth Flitner hat vor einiger Zeit exemplarisch herausgearbeitet, welche Testkonzerne PISA durchführen und welches Marktöffnungsinteresse diese insbesondere in Deutschland haben. Nach diesen Ergebnissen wurde PISA auch nirgendwo so aggressiv vermarktet wie hier. Es ging und geht vor allem darum, dieses bis dahin immer sehr geistig orientierte Land für eine gewaltige Test- und Bildungsindustrie zu öffnen und geistige Beschränkung als Fortschritt zu vermarkten.

Die OECD kann doch kein Interesse an einer zunehmenden geistigen Verarmung der Bevölkerung haben.
Naja, sie will mit PISA erreichen, dass die Institution Schule zukünftig in stärkerem Maße wirtschaftlichen Interessen zuarbeitet. Keine Poesie, sondern Anleitungen soll man verstehen lernen. Kein Verstehen von mathematischen Ideen, sondern Lösen von Sachaufgaben ist das Ziel. Es geht aber wohl auch darum, das Bildungswesen immer stärker zu privatisieren. Und so was können Sie nur legitimieren, wenn Sie die Illusion erzeugen, dass die privaten Anbieter eine ordentliche Qualität liefern. Dazu müssen Sie am Ende alle Schulen mit dem gleichen Test vergleichen können. Dann schreiben Sie noch ein Handbuch, das den Unterricht auf den Test hin strukturiert, und schon können Sie auch unqualifiziertes und billiges Personal vor die Klasse stellen. Die Bildungsstandards bereiten in diesem Sinne die umfassende Entprofessionalisierung der Lehrerschaft vor.

Der PISA-Schock hatte doch heilsame Wirkungen auf das Schulsystem.
Schule hatte bereits vor PISA die Tendenz, die Bildungsgegenstände vom eigentlich Bildsamen zu entkleiden und das Übriggebliebene dann als »Stoff« zu vermitteln. Statt Schule nun aber hierhin zu besinnen, statt sie lebendiger zu machen, offener für Freude an der Sache und am Verstehen, für Neugier und für wirklich sinnstiftendes Lernen, hat man sich für den entgegengesetzten Weg entschieden: PISA forderte zu einer weiteren Verengung von Schule auf und dieser Aufforderung ist man allerorten gehorsam gefolgt. Schule soll künftig ihren Gegenständen das Bildsame noch mehr entreißen, als sie dies bereits bisher getan hat. Jeder kritische Gedanke wird verbannt. Das aber ist das genaue Gegenteil des Notwendigen.

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