Jeder dritte Mercedes ist für lau

Forscher: Über drei Prozent Lohnsteigerung pro Jahr sind gut für die Wirtschaft / Mindestlohn wirkt stabilisierend

Deutschland liegt bei den Arbeitskosten im europäischen Mittelfeld. Für die Forscher vom IMK ist da noch deutlich Luft nach oben.

Für die einen ist der Mindestlohn ein Segen, für die anderen eine unberechenbare Gefahr für die deutsche Wirtschaft. Die Wirtschaftsweisen etwa nannten die nun im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD beschlossenen 8,50 Euro eine »wachstums- und beschäftigungsfeindliche Maßnahme« und wetterten, dass die Dumpinglohnbremse vor allem im Osten Arbeitsplätze gefährde.

Dabei übersehen die Vorzeigeökonomen eines: Deutschlands Arbeitskosten liegen trotz der hohen Produktivität lediglich im westeuropäischen Mittelfeld. Mit 31 Euro pro Stunde belegte die Bundesrepublik im Jahr 2012 unter den 28 EU-Ländern Platz Acht. Dies geht aus einer am Montag veröffentlichten Studie des DGB-nahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hervor. Demnach lag der Durchschnitt im Euroraum bei 28,20 Euro. »Wir müssen nicht verzichten, wir müssen unsere Einkommen erhöhen«, erklärte IMK-Direktor Gustav Horn. Die weit verbreitete Meinung, dass steigende Löhne zu einem Wettbewerbsnachteil für die deutsche Wirtschaft werden könnten, teilt er nicht. Im Gegenteil: Auf absehbare Zeit sollten sie jährlich um deutlich mehr als drei Prozent zulegen.

Der beschlossene Mindestlohn wird Horns Einschätzung nach eine stabilisierende Wirkung auf die deutsche Wirtschaft haben. Das Lohnlimit nach unten würde die exportabhängige Industrie nicht beeinträchtigen, da die Gehälter dort weitaus höher als die geplanten 8,50 Euro seien. Doch im Dienstleistungsbereich - insbesondere in Ostdeutschland - werde der Mindestlohn »sicherlich deutliche Konsequenzen haben«, so Horn.

In keinem anderen EU-Land ist der Lohnunterschied zwischen der Industrie und dem Dienstleistungssektor so groß wie in Deutschland. Um fast 20 Prozent sind die Gehälter in Branchen wie der Gastronomie und der Gebäudereinigung niedriger als im verarbeitenden Gewerbe, weil dort die Ausweitung des Niedriglohnsektors besonders stark betrieben wurde.

Auch die Industrie profitiert von den niedrigen Löhnen bei den Dienstleistungen. Auf acht bis zehn Prozent schätzt das IMK diesen Kostenvorteil gegenüber anderen Ländern. Mit dem Mindestlohn wären es immer noch mindestens sechs Prozent.

Den hohen Exportüberschüssen, die die deutsche Wirtschaft in den letzten Jahren eingefahren hat, steht Horn sowieso skeptisch gegenüber. »Deutschland geht es nur wirklich gut, wenn es allen anderen auch gut geht«, meint der gewerkschaftsnahe Ökonom. Und die Nachbarn der Berliner Republik können die Produkte »Made in Germany« auf Grund der Finanzkrise nicht mehr bezahlen.

So war das deutsche Auslandsvermögen Ende 2012 um 30 Prozent niedriger als die gesamten Leistungsüberschüsse der letzten Jahre. Das sind nichts anderes als Verluste. Insofern war jeder dritte Mercedes, den man exportierte, umsonst.

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