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Keine Solidarität mit dem Lieblingsprofessor

Mark Benecke hat eine Biografie über den Gerichtsmediziner Otto Prokop geschrieben

  • Von Frank-Rainer Schurich
  • Lesedauer: 5 Min.
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Die Familie will nicht, dass seine Autobiografie erscheint; sie liegt irgendwo unter Verschluss. Also musste ein externer Biograf her. Der wurde mit dem Kriminalbiologen Mark Benecke gefunden. Der Verlag spendierte aus seiner Schatzkiste das allerfeinste Papier, aber dadurch ist das Buch nur schwerer, nicht besser geworden.

Otto Prokop sei sein »Lieblingsprofessor« gewesen, bekennt der Autor. Zahlreiche, im Vorfeld der Veröffentlichung seines Buches durch die Medien gestreute Fotos, die Prokop und Benecke in trauter Eintracht zeigen, sollen das belegen. Da hätte man indes eine andere Biografie erwartet.

Benecke schreibt, er habe die Staatsbezeichnung DDR durch »Ostdeutschland« ersetzt, weil die drei Großbuchstaben bei unter Dreißigjährigen »ähnlich einer chemischen Formel« oft »Abstoßungsreaktionen« hervorrufen. Damit erklärt sich das Werk fast von selbst.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Biografisches und Wissenschaft. Sechs Interviews sind abgedruckt, von denen einige entbehrlich gewesen wären. Die Schriftstellerin Gabriele Goettle weiß, dass man sich im Osten als alter Nazi hervorragend mit anderen alten Nazis unterhalten konnte. Der Westberliner Chef der Gerichtsmedizin Volkmar Schneider lässt sich über Prokop und die Stasi aus, um sodann zu versichern: »Das waren meine letzten Äußerungen zur DDR, zum Ostberliner Institut und zu Professor Prokop.« Das wollen wir hoffen. Der Historiker Christian Bunnenberg wiederum informiert darüber, dass es auch in der ostdeutschen Diktatur zuweilen ein schönes Familienleben gab und freudige Momente. Zum Schluss lesen wir: »Niemand weiß, wie es wirklich war, noch nicht einmal der, der dabei war.« Nun ja ...

Benecke hat nach eigener Aussage zehn Jahre recherchiert. Über Prokops Kriegszeit und seine Bonner Zeit (Studium, Promotion, Habilitation) berichtet er schlüssig und interessant. 1956 wird der Österreicher Prokop Lehrstuhlinhaber für das Fach Gerichtliche Medizin an die Charité der Humboldt-Universität zu Berlin berufen. Natürlich hatte er mit seinem österreichischen Pass Privilegien, konnte mal rasch in den Westen fahren, um sich »BILD« zu kaufen. Prokop wurde mit dem Wechsel des Lagers in der Fach- und politischen Welt der alten Bundesrepublik als »Verräter« gebrandmarkt. Weil er sich der kommunistischen Diktatur angedient hat. Unverzeihlich!

Nach der »Wende« wurde auf Prokop kollektiv eingeprügelt. Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin lehnte ihn als Ehrenmitglied ab, obwohl kein anderer ihm wissenschaftlich das Wasser reichen konnte. Auch seine Schüler und ostdeutschen Kollegen schwiegen. Rudolf Wegener, bis 2009 Professor für Rechtsmedizin und Institutsleiter an der Universität Rostock, äußert in einem im Buch abgedruckten Interview, dass ihm keine Verfehlungen Prokops bekannt sind, die der Ehrenmitgliedschaft im Wege gestanden hätten. Stasi hin, Stasi her. Ja, Prokop sezierte »Mauertote« und arbeitete mit der Untersuchungsabteilung der MfS zusammen, die laut Strafprozessordnung der DDR ein Untersuchungsorgan war und sich um politisch brisante unnatürliche Todesfälle kümmerte. 2006 wurde Prokop dann doch die Ehrenmitgliedschaft verliehen, die er jedoch in biografischen Angaben nie erwähnte. Zu groß war seine Verbitterung.

Benecke behauptet, dass alle kriminalpolizeilichen Einheiten an der Sektion Kriminalistik der Humboldt-Universität ausgebildet worden sind. Das stimmt nicht, denn es gab ganz offiziell eine Fachschule des Ministeriums des Innern der DDR in Aschersleben, die den Großteil der VP-Kriminalisten in hervorragender Weise ausbildete. Ganz schlimm wird es aber, als Benecke sich dem berühmten Fall Hetzel zuwendet.

Großes Pech hatte am 1. September 1953 der Metzger Hans Hetzel, dem eine junge Frau, die er per Anhalter mitgenommen hatte, bei einem Schäferstündchen im Walde wegstarb. Er meldete den Vorfall nicht der Polizei, weil er Angst hatte, dass ihm die Beamten nicht glauben werden. Schließlich war er vorbestraft. Also verbrachte er in panischer Angst die Leiche - an der Erstgutachter später »keinerlei Zeichen äußerer Gewalteinwirkung«, sondern Tod durch Herzversagen feststellten - in ein Gebüsch nahe der Autobahn. Am 3. September 1953 gegen 19.30 Uhr wurde die Leiche der Frau gefunden. Die Staatsanwaltschaft in Offenburg bestellte bei der damaligen Koryphäe der westdeutschen Gerichtsmedizin, Albert Ponsold, ein Gutachten. Das fertigte jener anhand von Amateurfotografien an und sprach zunächst von »Mord durch Erwürgen«, später »Mord durch Erdrosseln«. Da Hetzel Fleischer war, kannte der Gutachter auch das Mordwerkzeug: ein Kälberstrick, der indes nie aufgefunden wurde. Ponsold hatte den Leichnam nie begutachtet. Der Kriminologe Frank Arnau schrieb später, er kenne »keinen einzigen Fall, in dem ein Gerichtsmediziner auf den grotesken Einfall gekommen wäre, aus einer Fotografie die Todesursache zu diagnostizieren«.

Hetzel hat kein Geständnis abgelegt. Er wurde 1955 zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt und 1969, nach 14 Jahren Haft freigesprochen - woran Otto Prokop mit seinem Gutachten wesentlichen Anteil hatte. Der DDR-Gerichtsmediziner hatte den obersten Gerichtsmediziner der Bundesrepublik fachlich niedergerungen. Ein Politikum, das auch erklärt, warum er nach der »Wende« derart angefeindet wurde. Prokop selbst wusste: »Wir sind jetzt eine Kolonie, die ausgebeutet und geknechtet wird.«

Benecke solidarisiert sich nicht mit seinem »Lieblingsprofessor«, sondern zweifelt an dessen Kompetenz. Er spricht beim Fall Hetzel von einem Fehlgutachten: »Es fragt sich nur, ob es im ersten oder zweiten Verfahren erfolgte.« Der Leser (witziger Einfall) soll entscheiden, ob Ponsold, ehemaliges NSDAP- und SA-Mitglied und in einem »Erbgesundheitsgericht« für Zwangssterilisierungen zuständig, oder Prokop, in seiner dem »Reich« angegliederten Heimat in die Wehrmacht gepresst, Recht hatte.

Prokop starb 2009 in einem Pflegeheim in der Nähe von Kiel. Er ruht jetzt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte, in der Nähe seiner geliebten Gerichtsmedizin in der Hannoverschen Straße, die jedoch dort nicht mehr ihr Domizil hat. Obwohl eine weltbekannte, traditionsreiche Stätte rechtsmedizinischer Praxis und Forschung, befand man nach der »Vereinigung«, dass die Berliner Gerichtsmedizin im Westen der Stadt besser aufgehoben sei. Aus Angst, dass Prokop mit seiner enormen internationalen Reputation in den alten Gemäuern wieder auferstehen könnte?

Mark Benecke: Seziert. Das Leben von Otto Prokop. Das Neue Berlin. 303 S., geb., 19,99 €.

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