Von Von Stephan Fischer

Ein Pankower gründete den FC Bayern

Folge 24 der nd-Serie »Ostkurve«: Vom Münchner Vorzeigeklub und dem schlechtesten DDR-Oberligisten

»Was hat der Triple-Sieger 2013 mit dem schlechtesten DDR-Oberligistin aller Zeiten zu tun?« Ein Blick in die Fußballhistorie.

Das Jahr 2013 neigt sich dem Ende zu und damit auch das Jahr, in der die Fußball-Bundesliga ihren 50. feierte. Der FC Bayern gewinnt wie bestellt das Triple, ein anderer Meister oder Pokalsieger scheint im Jubeljahr nicht denkbar und das rein deutsche Finale der Champions League zwischen den Münchnern und Borussia Dortmund im Londoner Wembleystadion lässt manche Heldenbrust im deutschen Fußball fast zerspringen.

Kiloweise Bücherberge ergießen sich in den Handel, eine Jubiläumsgala im Fernsehen jagt die nächste, keine noch so toterzählte Anekdote ist davor sicher, noch einmal an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt zu werden: Es ist zwar alles Tausende Male erzählt, nur noch nicht von jedem. Der Pfostenbruch am Bökelberg. Der Hundebiss in Friedel Rauschs Gesäß. Selbst Günther Netzers Selbsteinwechslung muss noch einmal herhalten, obwohl er diese im Pokalfinale 1973 und nicht einmal in der Liga vornahm.

Wie gut für die Chronisten, dass sich auch am unteren Ende der Tabelle Historienverdächtiges ereignet: Die SpVgg Greuther Fürth debütiert als 52. Verein in der Bundesliga und steigt postwendend wieder ab. Die vier einzigen Saisonsiege holen die Grün-Weißen ausnahmslos auf fremden Plätzen und legen so eine Spielzeit ohne einzigen Heimsieg auf das Bundesligaparkett hin. Das hatte zuvor nicht einmal der verkörperte Negativrekord der Ligageschichte geschafft, dessen Name zunächst nur geraunt wird, sobald ein Team zu Saisonbeginn dreimal verliert, mit jeder weiteren Niederlage aber immer lauter aus den Reportermündern schallt: so schlecht wie Tasmania!

Tasmania betritt 1965 die Bundesligabühne, zusammen mit dem FC Bayern übrigens. Als Nachrücker für Hertha BSC - dem Verein wurde wegen unerlaubter Gehaltszahlungen die Lizenz entzogen. Eine Bundesliga ohne Berliner Verein, das scheint den Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vier Jahre nach dem Mauerbau undenkbar, zum »Schaufenster des Westens« gehört in den Augen des westdeutschen Verbandes ein Erstligaverein, unabhängig von der sportlichen Qualifikation. Kurzerhand wird die Bundesliga auf 18 Vereine aufgestockt. Tasmania entpuppt sich während der Saison zwar als durchaus spektakuläre, aber nicht schön anzusehende Schaufensterauslage: nur zwei Heimsiege, 8:60 Punkte und 15:108 Tore stehen am Ende zu Buche, das Spiel gegen Mönchengladbach wollen gerade noch 827 Zuschauer im gähnend leeren Olympiastadion verfolgen.

Ein Blick ein paar Kilometer ostwärts hätte die DFB-Funktionäre von der politischen Entscheidung, Tasmania in die oberste Spielklasse zu hieven, vielleicht Abstand nehmen lassen. 15 Jahre vorher hatten ähnlich motivierte Entscheidungen für den Fußball im Osten Berlins sportlich verheerende Ergebnisse bewirkt. Bis 1950 spielen damals die Mannschaften Berlins in einer gemeinsamen Liga, Begegnungen über die Sektorengrenzen hinweg sind Alltag. Nur in der höchsten Spielklasse der neu gegründeten DDR sind Mannschaften aus der Hauptstadt nicht vertreten. Das soll sich auf Beschluss der »Zentralen Sparte Fußball« im Deutschen Sportausschuss ändern: Vor der Saison 1950/51 wird die Oberliga auf 18 Vereine aufgestockt, drei Startplätze sind für Mannschaften aus der Hauptstadt reserviert. Union Oberschöneweide, die SG Lichtenberg 47 und der VfB Pankow aus dem damaligen Regierungsbezirk werden aus der Gesamtberliner Liga zurückgezogen und sollen von nun an republikweit auf Punktejagd gehen.

Dass es für alle drei Mannschaften nicht einfach würde, die Klasse zu halten, ist den Verantwortlichen von vornherein klar. Die aufgeblähte Liga soll nach nur einer Saison auf 16 Teams reduziert werden. Das bedeutet vier Absteiger. Und alle Berliner Mannschaften haben mit einem weiteren Problem zu kämpfen: Viele Spieler zieht es über die offene Sektorengrenze in den Westen der Stadt, schließlich wird in der neu gegründeten Vertragsliga mit D-Mark bezahlt.

Vor allem der VfB Pankow ist in der neuen Spielklasse überfordert. Die Pankower stellen in der ersten Oberligasaison Negativrekorde auf, die in den vierzig Jahren der Existenz der höchsten Spielklasse im DDR-Fußball nicht mehr unterboten werden. Alle 17 Auswärtsspiele werden verloren, nur zwei Siege und drei Unentschieden erringen die Nordberliner Kicker. 29 eigenen Treffern stehen 131 Gegentore gegenüber, ansehen will sich das Elend kaum jemand, oft finden sich weniger als 2000 Zuschauer im riesigen Walter-Ulbricht-Stadion ein. Die neu gegründete »Sektion Fußball« im Deutschen Sportausschuss hat ein Einsehen und lässt die beiden letzten Heimspiele auf dem Platz der Gegner in Thale und Babelsberg austragen.

Alle Negativrekorde und der letzte Tabellenplatz verhindern aber nicht, dass die Pankower in »den Genuss« einer weiteren Oberligasaison kommen. Da Berlin »nicht ohne Vertretung in der Oberliga sein kann«, wie der Deutsche Sportausschuss konstatiert, bleibt Pankow nun unter dem neuen Namen Einheit Pankow in der höchsten Spielklasse. »Die BSG Einheit Nordost Berlin erhält die Spielberechtigung, den Demokratischen Sektor von Groß-Berlin in der Oberliga zu vertreten, weil die Betriebssportgemeinschaft durch berufliche Versetzungen eine Verstärkung ihrer Mannschaft erfahren hat, die das Spielniveau eines Oberliga-Vertreters besitzt.« Politischer Wille kann zwar oft Berge versetzen, Tore herbeireden kann er nicht: 1951/52 wird Pankow wiederum abgeschlagen Letzter, diesmal stehen immerhin 16 Punkte bei 38:94 Gegentoren zu Buche. Vor der Saison hatte sich ein Teil der Mitglieder abgespalten und spielt von nun an bis zur Wende unter dem Namen »VfB zu Pankow 1893« im Westberliner Bezirk Reinickendorf.

Nach dieser zweiten Saison ist auch den DDR-Fußballfunktionären klar, dass die Mannschaft aus dem Regierungsviertel nicht in der Oberliga zu halten ist, Einheit Pankow taucht nach dem Abstieg nie wieder in der höchsten Spielklasse auf. Nicht aber ohne vorher noch im September 1952 das FDGB-Pokalfinale gegen die SG VP Dresden zu bestreiten. Das Halbfinale hatte Einheit Pankow zwar gegen Stendal verloren, diese hatten dabei aber einen nicht spielberechtigten Spieler eingesetzt. Der gleiche bestritt zwar auch zuvor alle Pokalspiele der Stendaler, im Falle der Pankower reicht dies aber aus, um das Ergebnis zu annullieren und die Nordberliner anstelle der Altmärker im Stadion an der Normannenstraße gegen die Volkspolizisten aus Dresden antreten zu lassen. Die Sachsen gewinnen mit 3:0 und damit verabschiedet sich Pankow endgültig aus der großen Fußballgeschichte.

Pankower Spuren finden sich aber unübersehbar bis heute, auch und gerade im ganz großen Fußball. Schließlich ist es Franz Adolf Louis John, ein Mitglied des VfB Pankow, der am 27. Februar 1900 den bis heute erfolgreichsten und meistgehassten Verein Deutschlands in der Gaststätte »Gisela« mitbegründet. Bis 1903 bleibt der Pankower Präsident des FC Bayern München. Und so ist die Geschichte des scheinbar unbesiegbaren Triple-Siegers 2013 auch ein wenig mit dem für alle Zeiten schlechtesten DDR-Oberligisten aus dem Nordosten Berlins verbunden.

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