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Selbst Marzahn ist dicht

Günstiger Wohnraum wird Glückssache: Mieten steigen 2013 um 14 Prozent

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.
Fast die Hälfte der neuvermieteten Wohnungen in Berlin kosten acht Euro pro Quadratmeter und mehr. 2014 wird Umziehen noch teurer.

»Das alles überlagernde Thema sind die Mieten.« Kurz vor der Bundestagswahl im September ist für Stefan Liebich von der LINKEN klar, worum es den Wählern in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow geht. Zum Bezirk gehört der Stadtteil Prenzlauer Berg, bundesweit Synonym für Verdrängung alteingesessener Mieter und den Austausch fast der gesamten Bevölkerung. Aber nicht nur hier, berlinweit setzt sich 2013 eine gefährliche Entwicklung für mehr und mehr Bewohner fort: Wohnen in Berlin wird zunehmend teurer und bezahlbaren Wohnraum zu finden immer öfter zur Glückssache.

»Wohnen in Berlin ist Thema Nummer eins«, bemerkt auch Ephraim Gothe, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt im März bei der Vorstellung des jährlichen Wohnungsmarktberichtes. Die nackten Zahlen lassen kaum einen anderen Schluss zu: Innerhalb nur eines Jahres sind die Quadratmeterpreise bei Neuvermietungen um 14 Prozent gestiegen, fast die Hälfte aller angebotenen Wohnungen in der Stadt kosten acht Euro und mehr pro Quadratmeter. Netto kalt versteht sich, steigende Betriebskosten bei Bestandsmietverträgen sind dabei noch nicht berücksichtigt. Wohnungen unter fünf Euro pro Quadratmeter gibt es kaum noch, nur in Spandau und Marzahn soll es sie, statistisch betrachtet zumindest, noch geben.

Aber auch dort sind sie kaum noch zu bekommen. Die großen kommunalen Wohnungsbaugesellschaften melden fast monatlich neue Rekordstände: Es gibt Leerstandsquoten von teilweise unter zwei Prozent in den vor Jahren noch geschmähten und teilweise abgerissenen Plattenbauvierteln im Osten der Stadt. Was die Bezirke und Wohnungsbaugesellschaften freut und diese mit der »Attraktivität ihrer Angebote und toller Infrastruktur« begründen, lässt sich auch anders lesen: 2013 sind die Menschen aufgrund der Mietsituation gezwungen, in Bezirke zu ziehen, die sie früher als unattraktive Schlafstädte verschmäht hätten, wo doch nur »Rentner und Nazis« leben würden.

Zum ersten Mal wird nun auch in Zahlen deutlich, dass die Teuerung die ganze Stadt erfasst, nicht nur beliebte Kieze oder Bezirke innerhalb des S-Bahn-Rings.

Und wenn jetzt plötzlich fünf Prozent der Berliner einfach verschwinden und damit als Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt wegfallen? Nützt auch nichts, wie der Sommer zeigt. Im Juni werden die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung bekannt, und Berlin verliert mit einem Schlag 180 000 Einwohner. 3,29 Millionen Menschen sind hier gemeldet. Allerdings müssen die sich auch viel weniger Wohnungen teilen als angenommen, 40 000 Wohnungen weniger als gedacht gibt es in Berlin und damit einen Leerstand in der gesamten Stadt von nur 3,6 Prozent. Der Berliner Senat erkennt im Neubau von Wohnungen als den Schlüssel, um den Wohnungsmarkt zu entspannen. Landeseigene Wohnungsgesellschaften und private Investoren sollen innerhalb von fünf Jahren über einem Neubaufonds 320 Millionen Euro erhalten, verkünden die Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU um Abgeordnetenhaus, Raed Saleh und Florian Graf, im Oktober. Im Herbst sollte auch der Stadtentwicklungsplan Wohnen bis 2025 vorgestellt werden. Bis heute kein Wort davon. Bisher veröffentlichte Grundlagen des Plans gehen von einem Bevölkerungswachstum der Stadt um rund 250 000 Einwohner aus. Die bislang vom Senat angestrebte Zahl von 10 000 neuen Wohnungen pro Jahr reicht womöglich nicht einmal aus, um den Bestand zu erhalten. Und wo diese Neubauten entstehen sollen, ist oft genug umstritten, wie die ganzjährige Debatte um das Tempelhofer Feld zeigt. Mit angepeilten Quadratmeterpreisen ab 8,50 Euro netto kalt wären diese Wohnungen für die meisten Berliner sowieso kaum bezahlbar. Neben dem Zuzug verschärft vor allem die Zunahme kleinerer Haushalte die angespannte Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt.

So ist der Ausblick für das Thema Nummer eins in Berlin 2014 wenig rosig: Ein Ende des Mietanstiegs ist nicht in Sicht, immer noch wird günstiger Wohnraum vor allem in den Innenstadtbezirken luxussaniert und in Wohneigentum umgewandelt, anderer zu Ferienwohnungen zweckentfremdet. Solange sich Investoren dabei an vermieter- und eigentümerfreundliche Gesetze halten, scheint dieser Trend nicht zu stoppen. Und durch dem Sieg von CDU/CSU bei der Bundestagswahl sind mieterfreundlichere Gesetz auch 2014 und in den folgenden Jahren nicht zu erwarten.

dasND.de/berlinerdebatten

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