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»Ich weiß, wie sich Ausgrenzung anfühlt«

Carsten Schatz ist bundesweit der erste Abgeordnete, der sich offen zu seiner HIV-Infizierung bekennt: ein Leben gegen Diskriminierung

  • Von Kirsten Baukhage
  • Lesedauer: 3 Min.

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Berlin. Das Thema nervt Carsten Schatz schon ein bisschen. »Ich möchte mich nicht darauf reduzieren lassen«, sagt der Linke-Abgeordnete im Berliner Landesparlament. »Nur über meinen HIV-Status wahrgenommen zu werden, das ist mir denn doch zu wenig. Dafür habe ich zu viel gemacht in meinem Leben.«

Der 43 Jahre alte Schatz ist seit 22 Jahren HIV positiv und nun seit drei Monaten nach Angaben der Deutschen Aids-Hilfe erster Abgeordneter, der sich offen dazu bekennt. Die Erfahrungen der Ausgrenzung, der Diskriminierungen als Homosexueller und HIV-Positiver waren auch seine Motivation, in die Politik zu gehen, erzählt der drahtig-sportlich wirkende Politiker. »Ich bin überfallen worden als schwuler Mann. Ich war eine Zeit lang arbeitslos. Ich weiß, wie sich Ausgrenzung anfühlt und wie es sich lebt, wenn man wenig hat.«

Für ihn sei wichtig, sichtbar zu machen, dass es Menschen mit HI-Viren (Menschliches Immundefekt-Virus) überall gibt, betont der in Thüringen geborene Politikwissenschaftler. »Mit HIV ist man kein anderer Mensch als andere. Das ist belanglos. Ich möchte andere ermutigen, sich auch zu outen.« Denn nach wie vor seien Angst vor Ansteckung, Ausgrenzung und Diskriminierung in der Gesellschaft groß.

»Menschen haben deswegen schlechtere Berufschancen, sie werden deswegen gekündigt«, kritisiert der Linke. Erst kurz vor Weihnachten hat das Bundesarbeitsgericht in Erfurt die Kündigung von HIV-Infizierten erschwert. Diese dürften nicht allein wegen ihrer Krankheit entlassen werden, urteilten die Richter.

Sich offen zu seiner HIV-Infizierung zu bekennen, ist auch aus Sicht der Deutschen Aids-Hilfe sehr notwendig. »Das ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit«, sagt DAH-Geschäftsführerin Silke Klumb. Gerade in Wirtschaftsunternehmen würden zahlreiche Manager auf mittlerer und hoher Ebene ihre Erkrankung verschweigen, »weil sie berechtigte Ängste vor Benachteiligungen haben«, sagt Klumb.

»Es entstehen Zweifel an ihrer Leistungsfähigkeit und es werden Tabus berührt, weil man die Krankheit auf sexuellem Weg oder durch Drogengebrauch erwirbt. Das thematisiert man nicht gern auf Managerebene.« Deshalb sei das Beispiel von Schatz so wichtig.

Er selbst weist auf die hohe Zahl der Betroffenen hin. »70.000 Menschen in Deutschland sind HIV positiv. Doch das ist eine Gruppe, die nicht stattfindet, weil nicht über sie geredet wird.« Dass heute noch immer rund 500 Menschen in Deutschland pro Jahr an Aids sterben, findet er schlimm.

»Das muss nicht sein. Es gibt heute gute Medikamente. Doch offensichtlich gehen immer noch viel zu viele zu spät zum Arzt, weil sie Angst vor gesellschaftlicher Diskriminierung haben. Deshalb ist es wichtig, darüber zu reden und sich zu zeigen. Die Umwelt muss sich auch ihren Vorurteilen «Sex, Rausch, Tod» stellen«, fordert der 43-Jährige.

Geboren in Thüringen, aufgewachsen in Berlin-Lichtenberg war er 19, als die Mauer fiel. Mit 21 wurde er bei einer Behandlung im Krankenhaus eher nebenbei auf Aids getestet - mit positivem Befund. »Kein Schock, aber Angst, was passieren wird. Ich habe damals gedacht, dass ich nicht 25 Jahre alt werde.«

Er ließ sich behandeln. Dank ständig besserer Medikamente fühlt sich Schatz heute nicht krank. Nach elf Jahren als Landesgeschäftsführer der Berliner PDS und der Linkspartei von 2001 bis 2012 engagiert er sich jetzt als Abgeordneter für soziale Gerechtigkeit und ackert auf dem Feld der Europapolitik.

Für seine politische Arbeit habe es keine Bedeutung, der erste Abgeordnete zu sein, der zu seiner Erkrankung mit einem HI-Virus stehe. »Das macht mich nicht besser oder schlechter.« dpa/nd

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