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Von Agnes Feurig zu Agnes Zwei

Im Land Brandenburg wurde eine DDR-Erfindung vervollkommnet und auf heutige Bedürfnisse zugeschnitten

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Jedem Menschen aus dem Osten ist die Gemeindeschwester ein Begriff. Es gibt sie wieder, aber sie fährt weder Schwalbe noch Trabant und unterscheidet sich auch sonst von ihrer sozialistischen Vorläuferin.

Oberlausitz 1975. Agnes Feurig macht ihrem Namen alle Ehre. Sie ist Gemeindeschwester von Krummbach im Süden der DDR und kümmert sich nicht nur um die medizinischen Angelegenheiten ihrer Patienten. Mit der unmissverständlichen Bemerkung »Dit kommt nich in Frare« fällt sie schon mal dem Arzt ins Wort, der einer künftigen Mutter die Möglichkeit der Schwangerschaftsunterbrechung offeriert, weil diese sich ein zweites Kind in einer Dachkammer nicht vorstellen kann. Schwester Agnes besorgt dem jungen Paar eine Wohnung, legt sich mit Funktionären an und kümmert sich um Alkoholkranke. Selbstherrlich, kurzsichtig und disziplinlos findet sie der Bürgermeister, großartig die Zuschauer, denn Schwester Agnes ist eine Filmfigur.

Der bei der DEFA gedrehte Fernsehstreifen mit dem berlinernden Schwesternschreck auf dem weißen Moped namens Schwalbe aus dem Jahr 1975 war in der DDR ein Straßenfeger. Die Schauspielerin Agnes Kraus und ihre Filmfigur Schwester Agnes verschmolzen zu einer Art realistischem Fabelwesen, einem Synonym für 5500 Gemeindeschwestern im Land. Deren Job war ziemlich vernünftig. Heute würde man es nachhaltig und ressourcenschonend nennen, wenn hoch qualifizierte Mediziner das Blutdruckmessen oder Tablettenverteilen an Assistentinnen delegieren, wie es in der DDR praktiziert wurde. Doch ganz so einfach ist die Sache nicht mehr.

Südbrandenburg 2013. Die Agnes von heute fährt ein weißes Auto, denn mit dem Moped würde sie ihre Arbeit nicht mehr schaffen und außerdem muss sie ihren Laptop dabei haben. Sie nennt sich nicht mehr Gemeindeschwester, sondern Fallmanagerin oder noch besser Casemanagerin wie Marit Weber vom Ärztenetzwerk Südbrandenburg in Elsterwerda. Die 42-Jährige ist an einem kalten sonnigen Tag unterwegs zu ihrem Patienten Reinhard Sommer in Bad Liebenwerda. Einmal im Monat besucht sie den herzkranken Werkzeugmacher, der es nicht mehr allein zu seiner Hausärztin, Dr. Petra Bauer, schafft. Und die wiederum dürfte über diese Entlastung ebenfalls froh sein, denn ihre Praxis hat so viele Patienten, dass sie den Ansturm kaum bewältigen kann. Die Sommers sind froh, dass ihnen ein Praxisbesuch erspart bleibt. Sie schauen schon aus dem Fenster ihrer kleinen Neubauwohnung, als Marit Weber aus dem Auto steigt. Die misst den Blutdruck und gibt dem Rentner noch einen Rat, wie er sein Inhalierspray anwenden soll: »Dreimal am Tag können Sie das benutzen, Herr Sommer«, fordert sie ihn auf. Öfter nicht, das wäre nicht gut für den Blutdruck. »Wenn sich Ihr Zustand verschlechtert, rufen Sie mich an!« ermuntert die Schwester den Mann. Herr Sommer nickt freundlich, aber es sieht ganz so aus, als würde er das nur im äußersten Notfall machen. Er ist nicht der Mann, der andauernd Schwester Marit anriefe. Frau Sommer hat sich ein wenig zurückgezogen, fast scheint es, als wäre sie aufgeregter als ihr Mann. Im Sommer gingen sie beide gern in ihren Garten, erzählt sie in der kleinen Küche, aber machen könne ihr Mann da leider nicht mehr viel. Wenn es ans Umgraben ginge, seien die Kinder gefragt. Marit Weber erörtert mit den beiden noch die Möglichkeit einer medizinischen Rehabilitationskur, dann verabschiedet sie sich. Was gemessen und besprochen wurde, tippt sie in ihren Rechner, die Hausärztin erhält eine Mail.

Es ist kein Zufall, dass man ausgerechnet in Brandenburg neue Wege in der Gesundheitsversorgung beschreitet. Das Land hat nach wie vor die geringste Arztdichte aller Bundesländer im ambulanten Bereich. Vor allem Elsterwerda im Süden ist von der Abwanderung junger Menschen, besonders in die westlichen Bundesländer, betroffen. Auch Marit Webers Mann arbeitet in einer anderen Stadt und ist nur am Wochenende mit seiner Frau und den beiden Söhnen Philip und Jamie zusammen. Pro Jahr verliert Elsterwerda ca. zwei Prozent seiner Einwohner, es sind heute ungefähr 9000. Sechs Prozent der Menschen sind über 80 Jahre alt. Bis 2020 werden es 12 Prozent sein. In den Arztpraxen herrscht Gedränge.

Angesichts dieser Zahlen mutet es beinahe merkwürdig an, dass die Delegierung oder Substitution ärztlicher Leistungen immer wieder für hitzige Debatten sorgt - besonders unter Medizinern, die offenbar fürchten, dass sie von Schwestern ersetzt werden sollen, aber auch unter Pflegedienstanbietern. Vor allem sie protestierten, als 2006 unter der sperrigen Überschrift »Arztentlastende Gemeindenahe E-Health-gestützte Systemische Intervention (AGnES)« in Brandenburg die Renaissance der Gemeindeschwestern begann. Auch wenn sich inzwischen zahlreiche Kritiker eines Besseren belehren ließen, sind Agnes oder Eva, Vera und Moni - wie sie anderswo heißen - Projekte, die in der Regel an Notsituationen in der Gesundheitsversorgung gebunden sind. Die Abrechnung ist an Bedingungen wie beispielsweise eine ärztliche Unterversorgung oder einen zusätzlichen Versorgungsbedarf geknüpft. In der Regel dürfen nur Patientinnen und Patienten zu Hause aufgesucht werden, die an einer chronischen Erkrankung leiden, über 65 Jahre alt sind und die Praxis nicht selber aufsuchen können, kurz gesagt: Sie müssen einen besonderen Betreuungsbedarf haben. Die ärztlichen Leistungen dürfen nur an Personen mit einer Zusatzqualifikation delegiert werden. Die wird in Brandenburg von der Akademie für Ärztliche Fortbildung der Landesärztekammer angeboten. Bis zum Herbst dieses Jahres hat es gedauert, bis eine Vereinbarung über die Delegierung ärztlicher Leistungen an qualifiziertes Personal Eingang in die Regelungen von Krankenkassen und Ärzten, in diesem Fall den Bundesmantelvertrag Ärzte, gefunden hat. Auch wichtig: Für die Bezahlung der Leistungen gibt es ein Extrabudget.

Marit Weber hat sich für ihre Tätigkeit qualifiziert. Sie ist examinierte Krankenschwester und zertifizierte Casemanagerin und auch sonst hinreichend erfahren für den Job. Viele Jahre arbeitete sie in einem Krankenhaus im Entlassungsmanagement. Jetzt steht sie zusammen mit einer Kollegin im Dienst des Ärztenetzwerks Südbrandenburg, zu dem sich 62 Mediziner zusammenschlossen, die 11 000 Patienten unter ihren Fittichen haben. Doch das Aufsuchen der Patienten zu Hause mit dem Blutdruckmessen, Ohrenspülen, Verbandwechseln und nicht zu vergessen dem aufmunternden Gespräch ist nur noch ein Teil der Arbeit dieser neuen Agnes. Viel mehr Zeit benötigen Marit Weber und ihre Kollegin, um Anträge zu schreiben, Termine zu machen und die beste Versorgung für den betreffenden Patienten zu organisieren.

»Wir benötigen dringend insbesondere in den Arztpraxen, die einen hohen Anteil an chronisch Kranken oder multimorbiden Patienten haben, eine besonders qualifizierte Kraft, die diese komplizierten und zeitaufwendigen Fälle managed«, meint der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg, Hans-Joachim Helming. Auch der Chef der AOK Nordost, Frank Michalak, sieht das so. Er findet, dass solche Strukturen überall gebraucht werden.

Im Ärztenetzwerk Südbrandenburg geht man indes weitere neue Schritte. Gerade wurde in einer alten Fabrikantenvilla in Elsterwerda eine Tagespflegestätte mit Plätzen für zwölf Senioren eingerichtet, Pflegewohnungen werden neu gebaut und eine Gruppe von über 60 Frauen und Männern leistet aufopferungsvolle ehrenamtliche Arbeit bei der Betreuung demenzkranker Menschen - unter Anleitung von Marit Weber.

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Das Blättchen Heft 20/18