Werbung

Was ist rot und hat ›ne Fahne?

Ein Comic erzählt die Geschichte des wohl sympathischsten Antihelden Berlins, des »Superpenners«

Er säuft sich mit einer Pulle Bier übermenschliche Kräfte an und hat das Böse in Berlin fest im Griff, der »Superpenner«. Am Montag liegt der Comic der Obdachlosenzeitung »Straßenfeger« bei.

Was ist das? Ein Flugzeug, das von der frisch sanierten Nordbahn des Flughafens Schönefeld abhebt? Ein Mieter, der für 480 Euro warm am Kollwitzplatz wohnt und in einem Heißluftballon über dem unbebauten Tempelhofer Feld schwebt? Nein, es ist der »Superpenner« (seine Muskeln sind fester als sein Wohnsitz), der sich, dank einer chemisch veränderten Pulle Bier, dem größten Schurken der Stadt in den Weg stellt, der »Berliner Bestie«. Die ist ein Mix aus höchst aggressivem Busfahrergeist (»Raus aus dem Bus mit dem verdammten Eis«), Biotüten in den SUV stapelnder Helikoptermutter, frustriertem Herthinho Maskottchen und hemmungslosen Pubcrawl Touristen.

Die Idee zu dieser Berliner Antiheldengeschichte hatte die Werbeagentur Scholz & Friends zusammen mit Zeichner Stefan Lenz. »Für uns war das ein Herzensprojekt«, sagt Kreativdirektor Robert Krause. »Wir wollen damit kein Geld machen, sondern Aufmerksamkeit für das Thema schaffen.« Die Kosten für das Projekt hat die PR-Agentur komplett selbst übernommen und so kommt das Heft nicht ohne Anzeigen aus, aber die sind wenigstens sinnvoll gewählt. Außerdem wird die Yorck-Kinogruppe der Comic ab Montag in allen Kinos mit einem extra gedrehten Clip bewerben.

Schon allein über den Namen »Superpenner« hat man bei der Obdachlosenzeitung »Straßenfeger« lange diskutiert. Ist das jetzt zynisch oder gerade so noch Ironie? Das Comic mit einer Auflage von 20 000 Exemplaren liegt ab Montag der neu erscheinenden Ausgabe bei, die, wie sonst auch, 1,50 Euro kosten wird. »Wir haben mit Verkäufern und in der Redaktion viel über das Wort ›Penner‹ und die Geschichte geredet und sind zu dem Schluss gekommen, dass dieser Schuss Selbstironie mal ein neuer Blickwinkel ist«, sagt Andreas Düllick, Chefredakteur des Straßenfeger und selbst großer DDR-Comic- und Mosaik-Fan. »Berlin ist so abgefuckt, da passt so ein provozierender Comic ganz gut dazu«, schiebt er hinterher. Auch der Verkäufer Karsten findet die Geschichte »gut gelungen«. »Normalerweise sagen die Leute doch, ›Penner, hau ab‹, jetzt rettet eben ein Penner die Stadt.«

Ähnliche Geschichten gibt es vor allem in der französischen Comicliteratur. Natürlich aus Paris, der Hauptstadt der Obdachlosen. »Baptiste le Clochard« erträgt die Widrigkeiten im Alltagswirrwarr der Großstadt allerdings eher mit ausgefuchster Bräsigkeit. Zwar kommt auch der »Superpenner« erst so richtig in die Spur, wenn er sich eine Zigarette aus dem Mülleimer fischt oder ihm der »Spätkauf-Man« im finalen Showdown die entscheidende Flasche Bier zuwirft. Aber wenn ihm einer den Pfand stibitzt, wird der Obdachlose mit dem Flickendeckenumhang und der miefigen Wollmütze so richtig wütend und dann ist auch kein übermächtig erscheinendes Berlinmonster vor ihm sicher, das in einer Geheimmission vom Bösen-Buben-Club im Keller des neuen BND-Gebäudes in der Invalidenstraße erschaffen wurde.

Der Geschichte fehlt es nicht an ironischen Anspielungen auf Berlins fast tot gemobbte Randgruppen wie die Digitale-Bohème vom Rosenthaler Platz oder den Billigfliegertouristen. Und auch sonst bekommen die wichtigsten Berlinaufreger ihre Würdigung. Ausgerechnet ein ausgebeuteter Praktikant verhilft dem Obdachlosen durch seine Ahnungslosigkeit zu ungeahnter Superkraft und fiese U-Bahn-Schläger tauchen am U-Bahnhof Kottbusser Tor auf, um ihrem »Opfer« das Smartphone zu klauen. »Wir wollten damit natürlich keine Hassansage an Berlin provozieren«, sagt Kreativchef Krause mit den wuseligen grauen Strähnchen im Gesicht. Für eine gute Story braucht es nun mal klare Linien zwischen Gut und Böse.

Der Comic hat schon vor seiner Veröffentlichung für Sammlerhysterie gesorgt. Ein Comicverein aus Nordrhein-Westfalen hat bereits 100 Exemplare bestellt. »Wenn es gut läuft, könnte ich mir auf jeden Fall eine Fortsetzung vorstellen«, sagt Düllick zum Schluss. Der Rest süffelt genügsam am eigens für die Vernissage hergestellten »Superpennerbräu« und hofft auf die schleunigst einsetzenden Superkräfte im Kampf gegen die Straßenbahnumleitung und den Ersatzverkehr auf dem Weg nach Hause.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!