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Bier aus der Thermoskanne

Bis Februar bietet sich noch die Gelegenheit, die ehemalige Bötzow-Brauerei zu besichtigen

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Auf dem Gelände der Bötzowbrauerei in Prenzlauer Berg wird bald gebaut. Prothesenhersteller Otto Bock will dort investieren. Eine Führung durch die Keller der ehemaligen Brauerei.

Rund 25 Personen haben sich festes Schuhwerk angezogen, Taschenlampen eingepackt und sind voller Erwartung auf der Reise in die Vergangenheit. Die Führung durch die Kellergewölbe der ehemaligen Bötzowbrauerei in Prenzlauer Berg wird geleitet von Martin Albrecht. Albrecht ist Archäologe und hat mehrere Veröffentlichungen und ein Buch über die Industriegeschichte des Prenzlauer Berges geschrieben. Weiße Helme werden ausgeteilt, ein Sicherheitsmitarbeiter gesellt sich dazu, die Eltern eines Kindes werden eindringlich aufgefordert, dieses nicht aus den Augen zu lassen. Und los geht es in die gigantischen Gewölbekeller der ehemaligen Brauerei Julius Bötzow.

Da der Prothesenhersteller Otto Bock das Gelände gekauft hat und dort ein Multifunktionsareal mit Restaurants, Fabrikation, Hotels mit Wellnessbereich und auch eine kleine Brauerei errichten wird, ist die Besichtigung eine der letzten Chancen, denn die Keller bleiben voraussichtlich ab März/April erst mal verschlossen.

Noch vor 150 Jahren sah es hier ganz anders aus: Sieben Windmühlen im Kreis, daneben ein paar einstöckige Häuser für die Müller. Weit und breit Felder. Nur eine Straße gab es bereits, dort wo heute die Schönhauser Allee ist. »Zwischen dem Schönhauser- und dem Prenzlauer Thore aber steigt in ziemlicher Steilheit der Windmühlenberg auf. Außerhalb der Palisaden haben wir im Norden der Stadt nun eigentlich nichts mehr zu sehen als die Voigtsche Maulbeerplantage, nebst einem großen Obst- und Küchengarten, sowie einer Auftrift für fremde - namentlich für moldauische - Schweine«, schreibt der Chronist Oskar Schwebel über die Gegend, wo sich heute in Prenzlauer Berg Haus an Haus befindet.

»Weil im Berliner Urstomtal immer die Keller voll Wasser liefen, entschloss sich Julius Bötzow 1864, auf dem Windmühlenberg einen Keller für Bierkühlung und einen Biergarten anzulegen«, erklärt Martin Albrecht. Die Kelleranlage war und ist gigantisch. Rund 4000 Quadratmeter maßen die teilweise über 20 Meter hohen Kellergewölbe. Darüber - praktisch auf dem freien Feld - eröffnete Bötzow seinen Biergarten »Zum Windmühlenberg«, in dem bis zu 6000 Gäste untergäriges Bier genießen konnten. Zuvor wurde in der Gegend hauptsächlich obergäriges Bier getrunken. Zwar hat auch dieses Bier als Berliner Weiße bis heute überlebt, doch ging das Interesse daran Mitte des 19. Jahrhunderts stark zurück.

Bötzow erkannte die Entwicklung und braute fortan vor allem untergäriges Bier, das heute als Pils oder Export bekannt ist. Es kann besser gelagert werden, braucht aber niedrigere Temperaturen. Es ist duster, Lichtkegel der Taschenlampen tanzen miteinander an der Decke, vereinzelt erleuchten hingelegte Scheinwerfer die Gewölbe. »Das ist eine Konstruktion wie bei einer Thermoskanne«, erklärt Albrecht und leuchtet auf ein Loch in derselben, hinter dem man eine zweite Decke zur Isolierung entdeckt. Außerdem seien die Keller auf einer Lehmschicht errichtet, die einerseits Wasser vom Einsickern abhält, andererseits zusätzlich isoliert. Julius Bötzow engagierte bayerische Handwerker, die routiniert waren im Bau von für Bier geeignete Keller. Gekühlt wurden die Keller mit Eisblöcken, die im Winter aus Seen geschnittenen wurden. Durch die gute Isolierung der Keller konnte das Bier den ganzen Sommer auf etwa null Grad gekühlt werden. Denn die erste Kühlmaschine wurde erst 1876 von Carl von Linde gebaut. Dass das Know-how der bayerischen Handwerker bei späteren Kellererweiterungen fehlte, zeigt sich an der fehlenden Thermoluftschicht und der nicht vorhandenen Lehmisolierung, weshalb mittlerweile Wasser in die Keller eindringt.

Führungen im Internet unter: www.boetzowberlin.de

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