Werbung

Wir haben nur eine Chance

Skispringerin Ulrike Gräßler über ihre Olympiapremiere und die unvollendete Emanzipation

Ulrike Gräßler wurde mit sieben Jahren Skispringerin. Damals war sie das einzige Mädchen unter vielen Jungs. Mit 22 verklagte die Vizeweltmeisterin das IOC, um mit ihren Kolleginnen in Vancouver auch um olympische Medaillen zu kämpfen - vergeblich. 2014 darf sie nun, auch wenn sie nicht mehr Favoritin ist. Vorher erzählte sie Oliver Händler, dass sie verpassten Chancen nicht nachtrauert, in Sotschi aber gern wie die Männer mehr als eine davon hätte.

nd: Sie trainieren gerade in Oberstdorf. Ist das ein letztes großes Trainingslager vor Sotschi?
Gräßler: Nein, wir haben am Wochenende einen Weltcup in Planica. Den wollten wir zunächst auslassen, doch der nächste eine Woche später in Österreich steht auf der Kippe. Da wollten wir auf Nummer sicher gehen, um mindestens noch einen Wettkampf zu springen. Drei Wochen nur Training bis Olympia wären vielleicht nicht so günstig gewesen. Das beste Training ist immer noch ein Wettkampf.

Die Qualifikation schafften Sie in letzter Minute. Wie groß waren Anspannung vorher und Erleichterung danach?
Die Anspannung war sehr hoch. Nach der Blinddarm-OP im September konnte ich lange nicht zu 100 Prozent trainieren. Mit dem Hanteltraining fing ich erst im Januar an. Also hat mir etwas gefehlt, und so war der Druck in Japan groß, zumal man dort immer Glück mit den Bedingungen haben muss. Ich habe dem Druck aber gut standgehalten und so ist die Erleichterung jetzt groß. Dass ich in Sotschi dabei sein darf, glaube ich aber erst, wenn ich im Flieger sitze.

Welche Erinnerungen haben Sie an jene Operation in Russland?
Wir hatten in Nischni Tagil einen Wettkampf - am Freitag, den 13. Den bin ich sogar unter Schmerzen noch mitgesprungen. Dann sind wir aber ins Krankenhaus, weil ich schon ahnte, dass es der Blinddarm ist. Als wir dort ankamen, dachte ich nur: »Oh Gott, hoffentlich ist es doch nicht so schlimm!«. Das sah aus wie im Lazarett eines Weltkriegsfilms. Eigentlich tut es mir leid für die Menschen, die dort arbeiten oder sich behandeln lassen müssen. Alles war alt, die Tapeten gingen ab, der OP-Saal war nur halb gefliest. Doch der Arzt meinte, wir müssten schnell operieren. 24 Stunden später flog ich nach Hause. Das war viel Stress für den Körper.

Ist die Freude vor Sotschi ungetrübt oder sind Sie noch sauer, dass es in Vancouver nicht klappte?
Es bringt mir nichts, daran zu denken, was 2010 hätte sein können. Klar wäre ich da gerne zu Olympia gefahren. Aber jetzt bin ich froh, dass es endlich soweit ist, dass ich es doch noch geschafft habe.

Sie hatten seinerzeit mit mehreren Kolleginnen das IOC verklagt, um doch noch einen Wettkampf zu bekommen, waren damals Teil der Weltspitze. Heute sind andere vorn. Haben Sie das Gefühl, einer Medaille beraubt worden zu sein?
Das ist schwierig zu sagen. Klar hatte ich da Bestform. Direkt davor gewann ich ein Springen und wurde einmal Zweite. Aber man weiß nie, was an so einem Tag passiert. Vielleicht ist es jetzt gut, mich ohne Favoritenrolle in Ruhe vorbereiten zu können.

Sie springen dann ausschließlich auf der Normalschanze, die Männer haben dagegen drei Chancen: Normal- und Großschanze sowie das Team. Sind die Frauen noch nicht reif für große Schanzen?
Doch, das hat man an den Mixed-Wettkämpfen gesehen. In Oslo und Planica springen wir auch auf Großschanzen. Es wäre schön gewesen, wenn wir noch das Mixed-Team als zweite Chance in Sotschi hätten. So gibt es nur drei Medaillen. Man kann gut drauf sein, doch dann klappt an dem Tag irgendetwas nicht. Ein Mann sagt sich: »Okay, dann mache ich es auf der großen oder im Team.« Und bei uns ist es dann vorbei, und man wartet wieder vier Jahre.

Welchen Schub bekam das Skispringen der Frauen, nachdem klar wurde, in Sotschi wird es wirklich Medaillen geben?
Es ist ein Wahnsinn, wenn man überlegt, dass ein Wettkampf, der nur einmal in vier Jahren stattfindet, so viel kleine Türen öffnet. Allein die Förderung der Sporthilfe, Trainer bekommen bessere Argumente im Verband, man kriegt den einen oder anderen Lehrgang mehr. Das Interesse von Medien und Fans ist jetzt viel höher, auch weil der Weltcup eingeführt wurde.

Manche ältere Athleten verzichten auf die Eröffnungsfeier. Lassen Sie sich die auch entgehen, obwohl es Ihre erste sein würde?
Wir haben schon darüber diskutiert, und ich neige dazu, nicht hinzufahren. Der Zeitaufwand ist groß, man steht viel rum und bekommt vielleicht doch noch eine Erkältung. Also gehe ich lieber fit in den Wettkampf. Für mich wäre das alles gar nicht so schlimm. Das Hauptsächliche bei Olympia ist der Wettkampf.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln