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Datenwahn: Der durchleuchtete Bürger

Tagung in der Volksbühne zu digitaler Überwachung

Wider den »wilden Datenkapitalismus«: Netzaktivisten diskutieren, wie man in Zeiten digitaler Kontrolle selbst nicht die Kontrolle verliert.

An diesem Wochenende gab es an der Volksbühne keine Vorstellung, das Theater blieb dunkel. »Einbruch der Dunkelheit« lautete auch der Titel der Konferenz, die stattdessen dort stattfand. Netzaktivisten, Künstler und Wissenschaftler diskutierten Gegenstrategien zur Überwachungsgesellschaft. »Man sieht die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht«, kritisierte Brecht in der Dreigroschenoper. Angesichts der aktuellen Durchleuchtung durch digitale Überwachungsmaßnahmen wünschen sich viele mehr Dunkelheit und weniger Licht, beschrieb Alexander Klose von der Kulturstiftung des Bundes seine Idee zu dieser Veranstaltung.

Drei Gesetze charakterisieren das digitale Zeitalter: Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden; alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden und alles, was zur Überwachung genutzt werden kann, wird zur Überwachung genutzt werden, sagte Hortensia Völckers, Leiterin der Kulturstiftung. Mit dem Einzug der digitalen Überwachung in unseren Alltag wollen die Veranstalter »Wachsamkeit in eine neue Dimension« überführen.

Durch die NSA-Überwachungsaffäre konzentriere sich die Aufmerksamkeit zu sehr auf die Rolle des Staates und seiner Einrichtungen, kritisierte der Mitkurator Krystian Woznicki, Gründer der »Berliner Gazette«, in seiner Eröffnungsrede. Dabei werde übersehen, dass bei dem »Wettrüsten im Überwachungssektor« Internet-Konzerne eine zentrale Rolle spielten. Diese lieferten mit ihren weltumspannenden Webservices die Basis für einen weltweiten Überwachungsapparat, so Woznicki. Das einstige staatliche Monopol auf Daten über die Bevölkerung beginne seit dem Siegeszug der IT-Industrie zu bröckeln. Inzwischen käme es zu einer »verschärften Konkurrenz zwischen Konzernen und Staaten«, wenn es darum geht, »über die Leute und ihre Gewohnheiten Bescheid zu wissen«. Woznicki weiter: »Zu allem Überfluss haben Staaten begonnen, Sicherheits- und Überwachungsaufgaben an private Dienstleister abzugeben.« Dadurch drohe ein »wilder Datenkapitalismus« jenseits von Recht und Gesetz.

Der US-amerikanische Publizist und Wissenschaftler Evgeny Morozov konstatierte, dass die sozialen Bewegungen nach Snowden keinen großen Schub erlebt hätten. Zudem seien alle Reaktionen von der Idee getragen, die Autonomie der Nutzer zu maximieren; sie gingen davon aus, »dass die Infrastruktur uns gehört«. Aber es gelte, weiterzudenken und die sozio-ökonomische Dimension zu erfassen, so Morozov. Das Problem sei nicht ohne den modernen Kapitalismus zu verstehen. Daten entwickelten sich zu einer neuen Dienstleistung, mit der Profit erzeugt werden kann. Mit der Ausdifferenzierung und Verbreitung technischer Geräte werde es noch weitaus mehr Überwachungsmöglichkeiten und Daten geben. Die große Herausforderung sieht Morozov darin, für den Umgang mit Daten eine alternative Marktlogik zu finden.

Jenseits der politischen und zivilgesellschaftlichen Diskussion will die Konferenz das Thema auch auf eine philosophische und künstlerische Ebene heben. »Dadurch entsteht ein Bezug zum Theater«, sagte die mitorganisierende Dramaturgin der Volksbühne, Sabine Zielke. »Ergänzend zu dem, wie wir mit Medien in der Kunst arbeiten, geht es darum, was die Medien mit uns machen«, so Zielke. Alexander Klose ergänzt: »Wir wollen damit an die großen Debattenwochenenden in der Volksbühne der 1990er Jahre anknüpfen.«

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