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Lichtenberger Wutbürger

Meinem Nachbarn reicht es jetzt, hat er gesagt. Seit Wochen sammelt er in seiner kleinen 40-m²-Kemenate Glasflaschen. Nicht irgendwelche Flaschen, sondern solche, auf die kein Pfand bezahlt werden muss. Bis vor Kurzem war die Entsorgung der Einwegflaschen für meinen Nachbarn kein Problem. Einmal pro Woche stieg er vom dritten Stock herab und beförderte die Flaschen in die im Hof stehenden Mülltonnen - fein säuberlich nach Weiß- und Grünglas getrennt. Dann kam die Müllmafia, auch Duales System genannt, auf die Idee, bei uns im Lichtenberger Kaskelkiez einen Modellversuch zu starten. Offiziell wird das Vorhaben, dem zeitgleich andere Gebiete in Lichtenberg sowie in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick unterworfen wurden, damit begründet, dass die Qualität des Berliner Altglases wegen der »schlechten Sortiermoral« seiner Bewohner so schlecht sei, dass der Glasmüll nicht mehr ordentlich recycelt werden könne.

Zur Strafe also müssen die Bewohner der genannten drei Bezirke jetzt den mühsamen Weg zu den Glasiglus antreten, die, laut Duales System, in jedem Wohngebiet zentral aufgestellt sind. Nun heißt »zentral« nicht unbedingt wohnortnah. Bei uns im Kiez bedeutet das: 500 Meter Fußmarsch hin, einen halben Kilometer Fußmarsch wieder zurück. Das ist meinen Nachbarn zu viel Fußweg auf einmal.

Vor wenigen Tagen sah ich meinen Nachbarn tütenbepackt durch das Treppenhaus eilen. »Wohin des Weges?«, fragte ich den guten Mann. »Nach Friedrichshain, Freunde besuchen«, raunte er in verschwörerischem Ton zurück. Im benachbarten Friedrichshain gibt es sie noch, die Glassammeltonnen in den Hinterhöfen. Und wenn man schon zu Besuch bei Freunden ist, kann man ihnen auch etwas Selbstgesammeltes mitbringen.

Im Sinne der Müllmafia ist das allerdings nicht. Das Duale System hofft nämlich, dass in den »zentralen Anlagen« weniger Restmüll entsorgt wird und daher die Reinheit des Glases steigt. An die Lichtenberger, Marzahner, Hellersdorfer, Köpenicker und Treptower erging der Aufruf, den Modellversuch zu unterstützen. Wer jetzt noch sein Glas nicht ordnungsgemäß entsorge, schädige die Allgemeinheit.

Aber solcherlei Argumenten gegenüber ist mein Nachbar nicht gewogen. »Was soll ich machen«, sagt er achselzuckend, »in der Gelben Tonne sind schon so viel Glasflaschen, da passt nichts mehr rein«, und beim Einwurf in die braune Tonne für den Kompost habe ihn kürzlich der Hausmeister erwischt und ihn gezwungen, das Glas wieder zwischen den Resten von Essensabfällen herauszufischen. Ihm reicht es jetzt.

Das wiederum ist doppeldeutig zu verstehen. Zum einen als Aussage über das Fassungsvermögen seiner Kemenate, zum anderen als Groll des Lichtenberger Wutbürgers über das Duale System. Zu einem kommenden Aufstand wird es in Berlin aber wahrscheinlich nicht kommen. Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Charlottenburg und Zehlendorf bleiben von dem Modellversuch verschont, versichert das Duale System.

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