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Grenzgänge zwischen Jetzt und Dort

Große Retrospektive zum 60. von Claus Müller-Schloen in Güstrow

Mit »Claus Müller, Maler. Grafiker« stellt sich Claus Müller-Schloen auf der Kontaktseite seiner unfertigen Internetpräsenz vor. Den Leipziger Schüler von Hans Mayer-Foreyt, Volker Stelzmann und Arno Rink, Jahrgang 1953, zog es 1991 nach Alt-Schloen, nicht weit von Waren an der Müritz. Die Neuverwurzelung hat sich bis in seinen Künstlernamen durchgewachsen. Eine Retrospektive des Malers und meisterhaften Grafikers ist derzeit in der Städtischen Galerie Wollhalle am Güstrower Franz-Parr-Platz gleich am Schloss zu sehen.

Die spiralartige Hängung von den Gemälden zu den Grafiken in der Mitte des Raumes führt den Besucher in eine Bilderwelt aus surreal gewachsenen Landschaften zu bühnenhaften Inszenierungen menschlicher Grundbefindlichkeiten in der scheinbar altmeisterlichen und doch dem Jetzt verpflichteten Pose der Leipziger Schule. So wie in »Zwischen Verzweiflung und Melancholie« (1980). Das rechte Bilddrittel erinnert an eine alte Erbsünden- oder Höllendarstellung. Eine Menschengruppe giert den goldenen Münzen aus der Hand einer Nackten entgegen. Von ihnen durch eine Erdspalte getrennt, schreitet ein junges Paar in der Mode der 80er mit dem Blick auf den Horizont vorbei. Sie in enger Lederhose. Er mit einem Jojo am Finger. Links hockt Melancholia in der Dürerschen, selbstversunkenen Haltung. Ein Mann etwas hinter ihr scheint kurz vor dem Absprung aus dem Bilde einzufrieren. Anderenorts stellt Müller-Schloen seine figürliche Bildsprache noch stärker in den Dienst der Jetztzeit. Wie in »Ein Totentanz« von 2004, wo zwei mit Peitschen bewehrte Stelzenläuferinnen eine Familie vor sich herzutreiben scheint. Ein Mitglied in SA-Kluft grüßt eine seiner Hirtinnen mit erhobenem Arm. Im Hintergrund der Tod auf Stelzen mit großem, schwarzem Banner.

Da scheinen die Landschaften Müller-Schloens wie Reisen in eine organisch andere Welt. Gewächse aus der Tundra und den Tropen, aus dem Boden treibende Hügel und Berge nehmen das Auge mit in eine urzeitliche, vormenschliche Epoche aus gedeckten und doch dramatischen Farben. Wenn seine figürliche Malerei noch einen Anker im Jetzt hat, dann sind seine Landschaften wie Expeditionen in Träume beunruhigender Harmonie. In »Prozession im Nebel« von 1987 scheint noch Caspar David Friedrich mit zu erzählen, obwohl Landschaft und Bäume schon fremd und unwirklich sind. Dann aber werden Claus Müller-Schloens Landschaften zu den oben umschriebenen Phantasmagorien.

Von den ausgestellten 100 groß- und kleinformatigen Werken sind 32 Kupferstiche, Drucke und einige Tuschezeichnungen, wie aus der Verkaufsliste zu ersehen ist. Letztere sind meist Landschaften, deren Jenseitigkeit durch den Verzicht auf Farbe noch überhöht ist. Kleine, feine Arbeiten eines Könners, der sich mit ihnen noch stärker als Suchender offenbart als in den auf den ersten Blick durchaus repräsentativen Malereien. Claus Müller-Schloens untergründige Sicht der Welt sticht dem Besucher nicht ins Auge, sie entströmt den Bildern wie ein erster Dunst auf dem See, kurz bevor der Herbst beginnt.

Städtische Galerie Wollhalle, Güstrow, bis 16.2., tgl. von 11 bis 17 Uhr. www.clausmueller-schloen.de, www.guestrow.de

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