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Guter Arbeitsloser, böser Arbeitsloser

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Plan der Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), Menschen früher die Rente zu ermöglichen, ist zu begrüßen. Wie dieser Plan aber zwischen Kurzzeit- und Langzeitarbeitslosen unterscheidet, macht deutlich, wie tief die soziale Segregation in den Köpfen vorangeschritten ist.

Ich glaubte, ich höre nicht richtig. Andrea Nahles will die Rente mit 63 umsetzen, ganz so wie sie in den Koalitionsgesprächen thematisiert wurde. Wer 45 Beitragsjahre aufzuweisen hat, soll früher in Altersrente gehen dürfen. Keine schlechte Nachricht. Fast ein bisschen sozialdemokratisch. Ein Punkt störte mich aber trotzdem.

Zwar soll es so sein, dass auch Zeiten der Arbeitslosigkeit zu den Beitragsjahren gezählt werden. Aber nur, wenn man kein Arbeitslosengeld II - also Hartz IV - bezogen hat. Jahre in der Grundsicherung sollen nicht addiert werden. Da empörte sich selbst die Rentenversicherung. Nicht aus Gründen verletzten Gerechtigkeitsempfindens, versteht sich. Sie fragte sich eigentlich nur, auf Grundlage welcher Zahlen sie dann ihre Rentenberechnungen anstellen soll. Und eine Klagewelle sei ja auch nicht ausgeschlossen, merkt sie an.

Objektiv betrachtet ist es schon ungerecht, dass Zeiten in Hartz IV nicht zählen sollen.

Selbst Nahles, von der man sagt, sie sei eine eher linke Sozialdemokratin, setzt im Kopf die Schere an und bedient die soziale Segregation von Hartz IV-Beziehern. Diese Trennung zwischen guten Kurzzeit- und schlechten Langzeitarbeitslosen ist mittlerweile alltäglich geworden. Seitdem die Befürworter der Agenda 2010 die Öffentlichkeit in ihrem Sinne indoktrinierten, findet man diese Unterscheidung auf Grundlage der Art der Lohnersatzleistung.

Bei Kurzzeitarbeitslosen spricht man von Leuten, die unverschuldet in Not gerieten, durch Fremdverschulden ihren Job verloren und willens sind, neue Arbeit zu ergreifen. Langzeitarbeitslosen attestiert man das nie. Sie ruhen stattdessen in der sozialen Hängematte, wollen keinen Job mehr und sind überhaupt Totalverweigerer. Aber jeder Langzeit- war auch mal ein Kurzzeitarbeitsloser. Der Schritt dorthin ist recht klein – oder sagen wir: kurz.

Er beträgt im Normalfall nur ein Jahr. Ausnahmen gibt es nur bei älteren Menschen. Aber auch da ist die Übergangszeit überschaubar. Sie dauert zwei Jahre. Zeitrahmen, die bei der heutigen Arbeitsmarktsituation nicht gerade »Langzeit« sind. In diesem einem Jahr ändert sich aus gesellschaftsmoralischer Sicht auf den Arbeitslosen alles. Am Anfang ist er noch ein Opfer. Jemand, dem das Leben schlecht mitgespielt hat. Mit jedem arbeitslosen Monat mehr verspielt er diesen Bonus. Dann baut der Arbeitsvermittler von der Arbeitsagentur kurz vor Wechsel in das Arbeitslosengeld II Furcht auf. Wollen Sie wirklich in Hartz IV rutschen? Als ob man eine Wahl hätte. Und plötzlich ist man Täter, ein Faulpelz, der der Gesellschaft böse mitspielt.

Guter Arbeitsloser, böser Arbeitsloser. Diese moralisierende Schöpfung lobt den einen Teil der Armen, um den anderen Teil der Armen zu diffamieren. So teilt und herrscht man. Zumal diese Unterscheidung zum Allgemeinplatz geworden ist. Letztens erzählte mir ein Bekannter von seinem Neffen. Der sei derzeit »Arbeitsuchend«. Nicht auf Hartz IV oder so!, schob er gleich entkräftend nach. Als habe er Angst, ich würde moralisch verurteilen.

Da begegnete ich ihr mal wieder, dieser Klassifizierung der Arbeitslosen. Sie ist tief in die Alltagskultur dieses Landes verankert. Wenn man dann noch bedenkt, dass der Mindestlohn unter anderem nicht für Menschen zählen soll, die aus der Hartz IV-Leistung zurück in Arbeit gehen, dann ahnt man, dass diese Klassifizierung politisch gewollt ist.

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